Politik

Kanzlerin besucht Heidenau Merkel ignoriert das "Pack"

Nach fremdenfeindlichen Krawallen am Wochenende besucht Kanzlerin Merkel die Flüchtlingsunterkunft im sächsischen Heidenau. Ein Mob heißt sie unwillkommen.

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In der Notunterkunft sprach Merkel mit Flüchtlingen und Rotkreuzhelfern.

(Foto: dpa)

Für die junge Frau, die ihren Namen nicht nennen will, weil man in Deutschland ja nicht mehr seine Meinung sagen dürfe, ist die Sache klar: "Die wollen nur klauen oder einen anfassen", sagt sie über Menschen, die aus Not ihre Heimat verlassen haben. Ihre beiden Kumpel, die neben ihr am Bahnhof von Heidenau stehen, stimmen mit ein. "Das Maß ist übervoll", sagt der eine. "Wenn ich angegriffen werde, kriegen die das zurück", fügt der andere hinzu. Sie alle sagen mit unüberhörbarem Stolz, dass sie am Wochenende dabei waren, als ein rechtsextremer Mob auf der Hauptstraße randaliert hat. Dort befindet sich der stillgelegte Baumarkt, der in eine Erstaufnahmeeinrichtung für 600 Flüchtlinge umgewidmet wurde.

In Heidenau muss man nicht lange nach Rechtsextremen und Fremdenfeinden suchen. Das gilt insbesondere an diesem Mittwochvormittag. Bundeskanzlerin Angela Merkel kommt in den 16.000-Einwohner-Ort, um auf die Krawalle zu reagieren. Schon Stunden vor ihrer Ankunft versammeln sich hier und da kleinere Gruppen, bereit, wieder vor der Notunterkunft für Flüchtlinge aufzulaufen.

Wenig später vor der Erstaufnahmeeinrichtung ist auch die junge Frau vom Bahnhof wieder da. Sie kichert vor sich hin, als Dutzende aufgebrachte Heidenauer "Volksverräter" oder einfach nur "Buh" rufen. Das ist der Moment, in dem die Kanzlerin ankommt.

Die CDU-Politikerin ignoriert die Männer und Frauen, die ihr Vize, der SPD-Politiker Sigmar Gabriel, am Montag als "Pack" bezeichnet hat. Sie geht an ihnen vorbei, ohne sie anzusehen. Eineinhalb Stunden nimmt sich die Kanzlerin dagegen dafür, die Erstaufnahmeeinrichtung anzugucken. Dort spricht sie mit Vertretern von Hilfsorganisationen, mit freiwilligen Helfern, mit Flüchtlingen, aber auch mit sächsischen Politikern wie Ministerpräsident Stanislaw Tillich und Jürgen Opitz, dem Bürgermeister von Heidenau. Die wütenden Bürger draußen wären ohnehin nicht mehr umzustimmen.

"Die Schmarotzer"

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Sie mussten draußen bleiben: Heidenauer Bürger traf die Kanzlerin nicht.

(Foto: AP)

"Wenn Merkel wieder weg ist, zeigen die wieder ihr wahres Gesicht, die Schmarotzer", sagt die junge Frau vom Heidenauer Bahnhof. Von der Kanzlerin oder irgendeinem anderen Politiker aus dem Bundestag hält sie nichts.

Nach ihrer Visite in der Notunterkunft sagt Merkel, dass die große Zahl der Flüchtlinge, die nach Deutschland komme, allen "Außergewöhnliches" abverlange, dass die menschliche und würdige Behandlung jedes einzelnen aber zum deutschen Selbstverständnis gehöre. Sie nennt es "beschämend" und "abstoßend", was am Wochenende in Heidenau passiert ist. "Danke denen, die hier vor Ort Hass zu ertragen haben", sagt sie und appelliert dann an den Widerstand der anständigen Bürger gegen Fremdenfeinde. "Es gibt keine Toleranz gegenüber denjenigen, die die Würde anderer infrage stellen. Es gibt keine Toleranz gegenüber denen, die nicht bereit sind zu helfen, wo rechtlich und menschlich Hilfe geboten ist."

Die Kanzlerin fügt hinzu: "Je mehr Menschen das deutlich machen, je mehr Menschen das im Montagsgebet, im Einsatz und auch im Gesprächen unter Bekannten, Freunden und Familie deutlich machen, umso stärker werden wir sein, und umso besser werden wir diese Aufgabe auch bewältigen können."

Dann verschwindet die CDU-Politikerin wieder. Und das wieder ohne sich den schreienden Leuten auf der anderen Seite der Absperrungen zu widmen. "Verpiss dich", schallt es ihr hinterher.

Einige Heidenauer, die zwar mit auf die Straße gehen, um gegen Asylbewerber zu wettern, sich aber anders als die junge Frau vom Bahnhof nie selbst als rechtsextrem bezeichnen würden, nehmen es der Politik übel, dass sie nicht auf sie eingeht. "Wir sind doch kein Pack", sagt ein 70-Jähriger, der rauchend auf den Bus wartet. Gewalt lehnt er ab, aber die Meinung sagen, das müsse man jawohl noch dürfen. Dann sagt er: "Wir haben auch für die Wiedervereinigung gekämpft. Ich finde, das sollen die in ihrer Heimat auch machen." Mit "die" meint er die Flüchtlinge. Dann sagt der Mann, der schon "lange, lange" nicht mehr wählen geht: "Ach, von Merkel erwarte ich eh nichts mehr."

Quelle: n-tv.de

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