Politik

Götterdämmerung des Konsumismus Nachhaltigkeit verändert die Welt

Bei den erneuerbaren Energien ist Deutschland bei seinen Nachhaltigkeitsanstrengungen schon ganz gut vorangekommen, bei Ökolandbau, Artenschutz und Rohstoffverbrauch hingegen hapert es weiter. Noch immer ist der ökologische Fußabdruck der Deutschen viel zu groß, und ohne radikales Umdenken wird er es auch bleiben. Auf Kosten anderer.

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Bio und aus der Region, das ist auf jeden Fall nachhaltig.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Niemand möchte schuld sein, dass der Klimawandel immer weiter voranschreitet, dass Kinder in Entwicklungsländern arbeiten müssen, statt zur Schule zu gehen, oder dass Teile der Welt langsam mit Pestiziden vergiftet werden, bis nicht einmal mehr Unkraut wächst. Doch der Weg zum verantwortlichen Bürger, der die Folgen seines Konsums bedenkt, ist weit und oft steinig. Für viele ist Nachhaltigkeit bisher eher eine politische Phrase oder ein Zeitgeistphänomen der Besserverdienenden, der sogenannten "Lohas", die sich die "Lifestyles of Health and Sustainabilty" leisten können. Noch immer leben wir in der Überzeugung, dass nur im Wachstum die Chance zur Entwicklung liegt. Der nächsten Generation muss es doch besser gehen, sie muss mehr und bequemere Produkte zur Verfügung haben als die davor.

Ingo Schoenheit berät mit seinem Institut Firmen bei der Ausgestaltung einer sozial und ökologisch verantwortlichen Unternehmenspolitik. Ohne die Idee der Nachhaltigkeit geht in diesem Bereich gar nichts mehr. Er sieht für die kommenden Jahre leidenschaftliche Auseinandersetzungen zu diesem Thema voraus. "Ich fürchte, das Umdenken in der gesamten Gesellschaft muss viel radikaler sein, als wir bisher denken, glauben und fühlen. Der 'Immer-Mehrismus' ist uns in Fleisch und Blut übergegangen. Doch jetzt müssen wir überlegen, wie wir Lebensqualität, Wohlstand und Glück jenseits von noch mehr Produkten entwickeln können."

Effizienz allein bringt es nicht

Bisher ruhte die Hoffnung vor allem auf smarteren und energieeffizienteren Produkten, die den Ressourcenverbrauch schonen, aber weiterhin Wachstum gestatten. Im Prinzip hätte damit alles beim Alten bleiben können. "Es gibt allerdings Indikatoren, die darauf hindeuten, dass diese Effizienzstrategie nicht funktioniert", gibt Schoenheit zu bedenken. Denn die Autos werden zwar sparsamer, dafür schaffen die Menschen mehr Zweit- und Drittwagen an und fahren damit auch noch mehr Kilometer. Viele Chinesen und Inder kaufen überhaupt ihr erstes Auto und genießen die neuen Freuden der Automobilität. "Und schon sind die Einsparmöglichkeiten von den sich auch verändernden Lebensgewohnheiten wieder mehr als aufgezehrt."

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Sinnvoll zu heizen, ist ein großer Schritt zu mehr Nachhaltigkeit.

(Foto: picture alliance / dpa)

Mit Effizienz allein ist der Wandel also nicht zu schaffen. "Eine 'Götterdämmerung des Konsumismus' ist angesagt, ohne dass das eine Weltuntergangsstimmung ergeben muss", sagt Ingo Schoenheit, der für eine neue Genügsamkeit plädiert. Es gilt, neuartige Modelle zu erproben und andere Erfahrungen zu machen, um zu der Erkenntnis zu gelangen, dass Lebensgenuss und Zufriedenheit nichts mit Kaufen zu tun haben. "Der sorgsame Umgang mit der Natur, das Pflegen der Gemeinschaft und von kulturellen Werten muss als wertvoller begriffen werden." Länder wie Bhutan, die den Zahlenwert des Bruttoinlandsproduktes durch Bruttonationalglück ersetzen, dürfen sich als Nachhaltigkeitspioniere fühlen. Ökonomisches Wachstum gilt als Mittel, den Bürgern einen Einklang von materieller und spiritueller Entwicklung zu ermöglichen. Innere Ausgeglichenheit zählt dabei genauso viel wie Wohlstand.

Der Alltag entscheidet

1972 fand der Begriff der Nachhaltigkeit erstmals Eingang in den Bericht des Club of Rome "Die Grenzen des Wachstums". Seitdem ist die Frage, wie können die Bedürfnisse der heute lebenden Menschen befriedigt werden, ohne die Bedürfnisbefriedigungsmöglichkeiten zukünftiger Generationen zu gefährden, ständig drängender geworden. Seit April 2001 hat Deutschland einen Rat für Nachhaltigkeit, der Handeln zu einem wichtigen öffentlichen Anliegen machen will. Doch die konkreten Entscheidungen fallen innerhalb weniger Sekunden im Supermarkt, ohne Alltagstauglichkeit wird es nie etwas mit der Nachhaltigkeit. Deshalb plädiert Schoenheit für Faustregeln. Die entscheidenden Punkte seien die Heizung, die Mobilität und das Essen und dabei vor allem der Fleischkonsum. Denn all diese Dinge binden im Leben eines Mitteleuropäers bereits enorme Ressourcen, Wasser und Energie. "Wenn jemand seinen Lebensstil in Richtung Nachhaltigkeit ändern will, dann kommt er um diese Punkte nicht herum, kann aber damit auch schon viel erreichen. So wird der ökologische Fußabdruck schon erheblich kleiner."

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Inzwischen helfen Siegel bei der Entscheidung im Supermarkt.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Wer also die Heizung herunterdreht, sein Haus dämmt oder saniert, sein Auto abschafft oder öfter stehen lässt, nicht jedes Jahr gedankenlos in den Urlaub fliegt, auf regionale Bio-Lebensmittel umsteigt und seinen Fleischkonsum reduziert, der hat schon viel für die Nachhaltigkeit seines Lebensstils getan. Als Entscheidungshilfe empfiehlt Schoenheit den "Nachhaltigen Warenkorb", den sein Institut im Auftrag des Rates für Nachhaltigkeit erarbeitet hat. Darin werden auch die verschiedenen Label und Siegel auf ihre Nachhaltigkeitskriterien hin untersucht. Auch sollten Unternehmen, Institutionen und Organisationen nicht nur in der eigenen Produktion nachhaltiger denken, sondern auch ihre Beschaffungskriterien dahin ändern. Hier vermutet Schoenheit ein fast noch größeres Potenzial als im privaten Konsum. Man stelle sich vor, beispielsweise die Bahn verwendete nur noch Energie aus erneuerbaren Quellen und recyceltes Papier und servierte nur noch Bio-Lebensmittel.

Am Ende, davon ist Schoenheit überzeugt, bringt es die Summe mehrerer Dinge. "Zum Einen die privaten Überzeugungen vieler Einzelner, die auf mehr Nachhaltigkeit achten. Das Zweite sind klare wirtschaftliche Rahmenbedingungen, denn nachhaltige Produkte und vertrauenswürdige Informationen dazu müssen angeboten werden. Und dann gibt es sicher steuer- und finanzpolitische Instrumente, die nachhaltigen Konsum und Ressourcenschonung belohnen und damit zu einem Umdenken beitragen."

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Ingo Schoenheit glaubt an ein konzertiertes Vorgehen.

(Foto: imag)

Bisher haben einige Magazine und smarte Innovatoren entdeckt, dass sich mit der Mischung aus Genuss, Lebensstil und Nachhaltigkeit ganz gute Webseiten und Zeitschriften gestalten lassen. Doch inzwischen entwickelt sich ethischer Konsum zu einer Möglichkeit, Geld zu verdienen und die Welt ein wenig besser zu machen. Der Boom von Bioprodukten und fairem Handel sind dafür eindrucksvolle Beispiele. Die Tatsache, dass wir sparsamer mit Energie und Ressourcen umgehen müssen, hat sich herumgesprochen. Und wir ahnen, dass es dabei auch um die Frage der globalen Gerechtigkeit geht. Nachhaltigkeit ist ein "Strukturthema, das uns in den nächsten 20 Jahren nicht in Ruhe lassen wird".

Quelle: ntv.de

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