Politik

Flucht aus Aleppo Putins Bomben zerstörten Yassirs Hoffnung

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Infolge der russischen Luftangriffe und einer syrischen Bodenoffensive fliehen Zehntausende Menschen von Aleppo in Richtung Türkei.

(Foto: imago/Kyodo News)

Unterstützt von russischen Bombern marschiert die syrische Armee auf Aleppo zu. Zehntausende Zivilisten verlassen die Stadt. Die Grenzen zur Türkei sind zwar praktisch zu. Doch mit Hilfe von Schleusern schaffen es die ersten Flüchtlinge ins Land.

Die Flucht ist Yassir nur an seinen Schuhen anzusehen. Der Bart des 37-jährigen Syrers ist säuberlich gestutzt. Sein blaues Jeanshemd wirkt frisch gebügelt und auf seiner Hose ist kein Fleck. Nur seine Schuhe sind voller Staub. Er ist noch nicht lange unterwegs.

Yassir kommt aus Aleppo. Er hat nicht wochenlang in syrischen Flüchtlingslagern verharrt, sondern ist erst vor zwei Tagen aufgebrochen. Aus Sfireh, einer Stadt unweit von Aleppo, kam er über Shimareen in die türkische Grenzstadt Kilis. Es ist früh am Morgen, noch dunkel draußen, und er ist gerade auf der türkischen Seite angekommen.

"Die Russen haben meine Hoffnung zerstört", sagt Yassir. "Ich habe nur meine Frau und meine fünf Kinder geschnappt, unsere Pässe und unseren Stammbaum."

"Der Druck ist zu groß geworden"

Kartenausschnitt Aleppo

Kartenausschnitt Aleppo

(Foto: Christoph Herwartz / n-tv.de)

Seit Freitag rücken die Truppen von Baschar al-Assad auf die Metropole im Nordwesten des Landes vor, von der sie bislang nur etwa die Hälfte kontrollieren. Am Boden bekommen sie Unterstützung von iranischen Kämpfern und der libanesischen Hisbollah. Vom Himmel fallen Bomben russischer Kampfjets. Moskau hilft dem Regime seit Ende September mit Luftangriffen. Nur dadurch kann Assad wieder Geländegewinne rund um Aleppo verzeichnen. Viele Bewohner der Stadt fürchten den Fall der Stadt und wollen nur noch weg – so schnell es geht.

Bereits am Mittwoch berichteten türkische Medien, dass sich 50.000 Menschen aus Aleppo und den umliegenden Dörfern auf die Flucht begeben hätten. Laut "Hurriyet Daily News" erwarten türkische Sicherheitskreise, dass bis zum Wochenende 350.000 Menschen unterwegs sein werden, wenn die Luftangriffe russischer Kräfte anhalten.

"Der Druck ist zu groß geworden", sagt Yassir. Einige leisteten noch Widerstand, aber es habe keinen Sinn mehr. "Das Regime wird Aleppo erobern."

Yassir berichtet von etlichen verletzten Zivilisten. Anders als in Aleppo warf Assads Luftwaffe in der Gegend rund um die Großstadt angeblich keine Flugblätter ab, bevor die Bomben flogen. Yassir berichtet von 20 Orten, die nun menschenleer seien - weil die Bewohner entweder tot oder aber geflohen sind.

Türkische Grenzpolizisten feuern in die Luft

Es ist kaum sechs Uhr in der Früh. Yassir steht im Busbahnof von Kilis. Hier fahren die Schlepper auf türkischer Seite jede Nacht mit Taxis vor und liefern Flüchtlinge ab. Yassirs Frau und seine Kinder sitzen ein paar Meter entfernt auf dem Boden. Eingewickelt in Wolldecken sind sie ein kleines Familien-Knäuel, von dem es in jeder Ecke der Station welche gibt. Die meisten anderen Flüchtlinge kommen allerdings nicht aus Aleppo. Ortskundige erkennen das an ihrer einfachen Kleidung. Yassir gehört offensichtlich zu den Ersten, die vor Wladimir Putins Bomben geflohen sind und es schon über die Grenze geschafft haben. Doch es könnten noch viel mehr folgen.

"Als ich mich mit meiner Familie auf die letzte Etappe unserer Flucht gemacht habe, waren 1000, vielleicht 2000 Leute am selben Ort wie wir", sagt Yassir. Die meisten aus Aleppo. Und er hat gehört, dass es alle fünf Kilometer solche Menschenansammlungen gebe. Ein Sprecher der türkischen Katastrophenschutzbehörde Afad sagte der dpa zufolge, dass die meisten Flüchtlinge aus Aleppo am Grenzübergang Reyhanli ankommen werden. Es gibt Gerüchte, dass die Türkei dort zunächst 5000 auf geregeltem Wege ins Land lassen will. In Kilis ist davon offiziell noch keine Rede. Und Yassir sagt, dass die Schlepper nur Gruppen mit 30, höchsten 40 Leuten auf einmal herüberbrächten.

Wer sich in Kilis mit Schleusern unterhält, erfährt, dass die Behörden in den vergangenen Tagen die Grenzkontrollen sogar verschärft hätten. Yassir sagt: "Als wir rübergerannt sind, haben die Türken in die Luft geschossen, um uns Angst einzujagen." Auf Menschen gezielt hätten sie aber nicht.

Wie es jetzt für ihn und seine Familie weitergeht, weiß Yassir nicht. Er hofft darauf, einen Platz in einem der beiden Flüchtlingslager der Stadt zu bekommen. Ob das gelingt, ist ungewiss. Die Lager sind voll. "Zu fliehen, war die beste Entscheidung", sagt er trotzdem. Yassir wirft seinem ältesten Sohn einen Blick zu. Er ist gerade neun Jahre alt. Dann sagt er: "Meine Kinder sind unverletzt und sicher. Alles andere ist mir egal."

Quelle: ntv.de