Politik
Erst am 13. April 2015 rettete die Hamburger Reederei Opielok wieder Hunderte Flüchtlinge aus dem Mittelmeer.
Erst am 13. April 2015 rettete die Hamburger Reederei Opielok wieder Hunderte Flüchtlinge aus dem Mittelmeer.(Foto: picture alliance / dpa)
Donnerstag, 23. April 2015

Traumatisierte Crews: Reeder retten Flüchtlinge, EU schaut zu

Von Christian Rothenberg

Eigentlich wäre es die Aufgabe der Europäischen Union. Doch stattdessen sind es meist Handelsschiffe, die Flüchtlinge auf maroden Booten aus dem Mittelmeer fischen. Jetzt proben die Reedereien den Aufstand.

Ralf Nagel hat in den vergangenen Tagen viele Briefe unterschrieben. Unter den Empfängern waren einige der einflussreichsten Politiker Europas: Bundeskanzleramtschef Peter Altmaier; Donald Tusk, der Chef des Europäischen Rates; EU-Parlamentspräsident Martin Schulz und Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker. Die Zeilen von Nagel, dem Geschäftsführer des Verbandes Deutscher Reeder, klingen verzweifelt. Dass die EU die unliebsame Flüchtlingsrettung lieber andere erledigen lässt, bekommt die Branche fast täglich zu spüren.

In den vergangenen Wochen fischten deutsche Handelsschiffe Tausende Flüchtlinge aus dem Mittelmeer. Die Reeder fühlen sich überfordert und im Stich gelassen. "Die Last der Flüchtlingsströme trifft fast ausschließlich uns", sagt Nagel n-tv.de. In den Briefen fordern die Schifffahrtsverbände die Politik nun zum Handeln auf. Darin heißt es: Es sei nicht akzeptabel, dass sich die internationale Gemeinschaft auf die Handelsschifffahrt verlasse. Die Mitgliedsstaaten müssten die die Mittel für die Seenotrettung erhöhen und unter sich aufteilen. Die Situation sei "unhaltbar".

Im Jahr 2014 retteten Handelsschiffe in mehr als 800 Einsätzen 40.000 Flüchtlinge; in diesem Jahr erwartet man 100.000. Die Notrufe der Schlepper erreichen entweder die International Maritime Rescue Federation oder die italienische Küstenwache. Über die Seite vesseltracker.com lokalisieren und kontaktieren sie das nächstgelegene Schiff und navigieren es zur Unglücksstelle. Die Schleuser steuern die Handelsschiffe oft gezielt an. Wohlwissend: Das internationale Seerecht verpflichtet zur Hilfe, unterlassene Hilfeleistung ist strafbar. "In dem Augenblick, in dem der Notfall über die Seenotleitzentrale geht oder im Sprechfunk war, ist das dokumentiert. Dann kann sich keiner rausreden", sagt Svante Domizlaff von der Hamburger Reederei Claus-Peter Offen.

"Sie ertrinken vor unseren Augen"

Das Schifffahrtsunternehmen hat seit Oktober mehr als 2500 Flüchtlinge gerettet. Erst vor zehn Tagen zogen Matrosen wieder 420 Menschen aus einem maroden Boot auf eines der Containerschiffe. Die Besatzungen sind für die Rettung eigentlich gut vorbereitet. Sie haben Leitern und Netze, über die die Flüchtlinge die Bordwände hochsteigen können. An Bord befinden sich auch ausreichend Proviant, Decken und Medikamente. Dennoch ist die Lage problematisch. Für die Rettung und Versorgung von Hunderten Flüchtlingen sind die Schiffe nicht ausgerüstet, das Personal nicht ausgebildet. Es gibt zu wenige Toiletten, kein medizinisches Personal, die hygienischen Verhältnisse sind mangelhaft. Oft sterben Flüchtlinge an Bord.

Der Hamburger Reeder Christopher Opielok sagt: "Unsere Besatzungen sehen die Menschen sterben, sie ertrinken vor unseren Augen und erfrieren an Bord." Sein Unternehmen beliefert Ölplattformen im Mittelmeer. Bei einem Dutzend Einsätze wurden seit Dezember 1500 Flüchtlinge gerettet. "Es ist unfassbar, dass die EU einfach nur zusieht. Es kann nicht sein, dass die Reeder für die Versäumnisse der Politik gerade stehen müssen." Opielok fordert mehr Unterstützung durch die Bundesmarine und militärische Flotten anderer EU-Staaten. Die libysche Küste müsse durch eine militärische Eingreiftruppe abgesichert werden.

Für die Reedereien sind die Rettungseinsätze nicht nur aufwändig. Sie fürchten zunehmend um die Sicherheit und Gesundheit ihrer Crews. Denn die Besatzung der Schiffe, die meist nur aus 10 bis 25 Personen besteht, stößt vielfach an ihre Grenzen. Immer mehr Seeleute klagen über zu großen Stress und weigern sich, im Mittelmeer eingesetzt zu werden. Einige kündigen sogar. Ralf Nagel berichtet, dass vor allem junge Mitarbeiter unter psychischer Belastung litten und traumatisiert seien. Die Reedereien bieten deshalb Betreuung an.

"Wir werden weiter Flüchtlinge retten"

Übergriffe sind jedoch selten. Nagel erinnert sich nur an einen Fall. Einmal hätten Flüchtlinge die Besatzung eines dänischen Schiffs gezwungen, nicht wie geplant Griechenland anzusteuern, sondern Italien. "Die Maschinenräume und die Brücke werden immer gesichert, dass ein ordnungsgemäßer Ablauf gewährleistet ist." Zusätzliches Sicherheitspersonal wollen die Reeder nicht einstellen. "Es kann nicht sein, dass wir uns jetzt auch noch darum kümmern müssen", sagt Nagel. Die Seenotrettung ist für die Reeder ohnehin mit großen Verlusten verbunden. Aufgrund der unplanmäßigen und zeitaufwendigen Einsätze können sie häufig Verträge nicht erfüllen. Opielok spricht von Ausfällen von mehreren hunderttausend Euro.

Der Unionspolitker Rüdiger Kruse signalisiert Verständnis. Der Beauftragte für maritime Wirtschaft sagt, die Handelsschifffahrt setze fast täglich ein Zeichen der Humanität. Die Besatzungen bei dieser Aufgabe allein zu lassen sei "gesellschaftlich und menschlich nicht verantwortbar". Die Politik muss "umgehend reagieren." Aber wird sie das auch tun? Den Reedern bleibt keine andere Wahl, als solchen Lippenbekenntnisse Glauben zu schenken.

Druckmittel haben sie nicht. "Wir werden weiter Flüchtlinge retten, dazu sind wir rechtlich und moralisch verpflichtet", sagt Nagel. Und wenn, wie nach den Unglücken vor Lampedusa vor eineinhalb Jahren, wieder nichts geschieht? Der Geschäftsführer des Verbandes Deutscher Reeder glaubt, dass die Politik ihren Handlungsbedarf nach den Tausenden Toten erkannt hat. Was ihn so optimistisch macht: Nagel hat gehört, dass es in Brüssel konkrete Pläne gibt, die Mittel für die Seenotrettung massiv zu erhöhen. Über den Nachtragshaushalt sollen im Haushaltsausschuss des Bundestags mehr staatliche Kapazitäten freigestellt werden. Ob sich etwas ändert oder nicht - "wir werden es schnell merken", sagt er.

Quelle: n-tv.de