Politik

Katastrophale humanitäre Situation Russland lehnt Waffenruhe für Aleppo ab

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Rauch über Aleppo - seit fünf Jahren ist die Stadt umkämpft, nun droht eine weitere Großoffensive.

(Foto: REUTERS)

Regierungstruppen, Rebellen und Terrorgruppen kämpfen in Aleppo um die Macht. Die Situation in der syrischen Metropole ist dramatisch. Eine Feuerpause lehnt Russland aber ab. Besser sieht es in zwei anderen Regionen aus.

Syriens enger Verbündeter Russland hat sich gegen eine sofortige Waffenruhe im Raum Aleppo ausgesprochen. Der Kampf gegen Terrorgruppierungen in der Region sollte fortgesetzt werden, sagte Vizeaußenminister Gennadi Gatilow in Moskau. "Wir werden keinen Druck (auf die syrische Führung) ausüben, weil man verstehen muss, dass ein Kampf gegen den Terror stattfindet. Und die Situation in Aleppo steht im Zusammenhang mit diesem Kampf", sagte Gatilow nach Angaben der Agentur Interfax.

Aleppo gilt derzeit als das wichtigste Schlachtfeld im syrischen Bürgerkrieg. Die nordsyrische Metropole wird teilweise von Einheiten des Machthabers Baschar al-Assad und teils von Rebellengruppen kontrolliert. Auch die mit dem Terrornetzwerk Al-Kaida verbündete Al-Nusra-Front ist präsent. Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat zwar in der Stadt keinen Ableger, soll sich aber nach russischen Angaben mit anderen bewaffneten Gruppen verbündet haben.

Gatilow bestätigte, dass das russische Militär die syrische Armee bei Aleppo unterstützt. "Aber jene Oppositionsgruppen, die gemäßigt sind und am Friedensprozess teilnehmen, attackieren wir natürlich nicht. Wir koordinieren diese Frage eng mit den Amerikanern", sagte er. Russlands Ziel sei die "Liquidierung" des IS. Er schloss eine Verzögerung des Friedensprozesses nicht aus.

Dutzende Menschen fliehen

In Aleppo war die Lage nach den Luftangriffen der vergangenen Tage weiter angespannt. Am Freitag war erneut ein Krankenhaus bombardiert worden, mehrere Menschen wurden verletzt. Zuvor waren bereits bei einem Angriff auf ein von Ärzte ohne Grenzen unterstütztes Krankenhaus mehr als 50 Menschen getötet worden, darunter Ärzte und Kinder.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier sagte: "Die neuerlichen Kämpfe rund um Aleppo und Damaskus erfüllen uns mit großer Sorge. Angriffe auf Krankenhäuser sind abscheulich und unentschuldbar." Der Präsident des Deutschen Roten Kreuzes, Rudolf Seiters, verurteilte den Angriff scharf. "Die Angriffe auf Zivilisten und medizinische Einrichtungen verstoßen massiv gegen das humanitäre Völkerrecht", sagte er der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Die humanitäre Situation in Aleppo sei "katastrophal", die medizinische Versorgung für die Bewohner nicht mehr gewährleistet.

Seit Beginn des Wochenendes wurden nach Angaben des Zivilschutzes erneut sechs Menschen bei Angriffen in den Rebellenvierteln von Aleppo getötet. Die oppositionsnahe Beobachtungsstelle, deren Angaben nicht von unabhängiger Seite zu überprüfen sind, sprach von mindestens 20 Luftangriffen.

Schätzungen zufolge leben in den von Rebellen gehaltenen Vierteln von Aleppo noch insgesamt 200.000 Menschen. Die Straßen waren jedoch nahezu menschenleer, die Bewohner verschanzten sich in ihren Häusern. Dutzende Menschen ergriffen die Flucht aus den von Rebellen gehaltenen Stadtvierteln. Einige Familien versuchten, in vergleichsweise sicheren Gegenden der Stadt unterzukommen, andere verließen Aleppo über die einzige Straße, die von den Rebellengebieten hinaus führt. Diese im Nordosten gelegene Route ist hochgefährlich, weil die Straße häufig unter Beschuss gerät.

Feuerpause in zwei Regionen

Derweil verschaffte eine vorübergehende Feuerpause an zwei Frontlinien den Bewohnern von zwei Regionen Syriens eine Atempause. Wie die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mitteilte, legten die Konfliktparteien in der Rebellenhochburg Ost-Ghuta und in der Küstenprovinz Latakia die Waffen nieder. In Latakia und Ost-Ghuta trat die Feuerpause den Angaben zufolge in der Nacht in Kraft, zunächst wurden keine Angriffe gemeldet. Der vorübergehende Stopp der Kampfhandlungen an zwei wesentlichen Kriegsfronten war auf Drängen der USA und Russlands vereinbart worden. Für die Region Ost-Ghuta östlich von Damaskus sollte die Feuerpause nach Angaben der syrischen Armee allerdings nur 24 Stunden gelten, für Latakia 72 Stunden.

In den vergangenen Tagen waren die schwersten Kampfhandlungen seit Ausrufung der Waffenruhe Ende Februar aufgeflammt. Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte wurden seitdem durch Angriffe von Rebellen und Regierungstruppen insgesamt 246 Zivilisten getötet.

Quelle: ntv.de, mli/AFP/dpa