Politik

"Hart aber fair": Homeschooling Schulen nutzen digitale Geräte nicht sinnvoll

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Wohl nicht wenige Schüler würden die Leistung ihrer Eltern als Lehrer als "Ungenügend" einstufen.

(Foto: imago images/AAP)

Die deutsche Bildungslandschaft wirkt seit Corona wie ein aufgescheuchter Ameisenhaufen. Schüler wissen, wie man das Smartphone bedient, doch angeblich nicht, wie man es sinnvoll nutzt. Liegt das Versäumnis bei den Lehrern? Wie steht es um die Lücken im Bildungssystem?

Kommt bundesweites "Digital Learning" mit dem ersehnten Konjunkturprogramm? Nach Themen um Corona wie dem Behelfsmundschutz geht es dieses Mal bei "Hart aber fair" um die Behelfslehrer in der Krise: Eltern im Schulalltag - leider oftmals sehr unbeholfen. Liegt das Verschulden dafür nicht allein bei ihnen? Nach zwei Monaten in der Krise wird von der Bildungspolitik mehr erwartet, als Lehrer zu Unterrichtsmaterial per E-Mail anzuhalten. Hätte sich in den vergangenen acht Wochen mehr im Bildungssystem ändern können? Warum müssen immer noch viele Kinder auf digitales Lernen verzichten?

Ausnahmen bestätigen die Regeln. Es gibt sie, die zukunftsweisenden Schulen und gestaltungsaktiven Lehrer, doch wird bei "Hart aber fair" in dieser Sendung diskutiert, was dennoch an vielen Schulen in puncto des virtuellen Klassenzimmers falsch läuft. Mit von der Partie sind die Familienministerin Franziska Giffey (SPD), die eine Erziehungskolumne schreibende Moderatorin Collien Ulmen-Fernandez, Bundeselternratsvorsitzender Stephan Wassmuth, Jugend- und Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU), der Bundesvorsitzende des Verbands für Bildung und Erziehung (VBE), Udo Beckmann, und die Expertin für digitale Bildung, Verena Pausder.

"Der Turbo muss gezündet werden"

Es ist kaum mehr aus dem Alltag wegzudenken. Das Smartphone scheint gerade Kindern und Jugendlichen an die Hand gewachsen zu sein. Verena Pausder als Expertin für digitale Bildung sagt, die Schüler seien süchtig statt schlau und das Handy nur ein "Gameboy". "Wir bringen ihnen nicht bei, wie sie die Zukunft von morgen gestalten können." Dass Smartphone, Tablet und Computer ihrer Meinung nach nur selten sinnvoll zum Einsatz kommen, führt die Mutter auf das Versäumnis der Schulen zurück. Sie fordert, "den Turbo zu zünden" und Lehrer einheitlich auf den Umgang mit digitalen Medien vorzubereiten - damit Schüler nicht mehr länger zu Konsumenten erzogen würden, sondern lernten, das digitale Zeitalter selbstbestimmt, individuell und projektbasiert zu gestalten.

Auch Kultusministerin Eisenmann sieht ein, dass es nicht damit getan ist, allen Schülern ein digitales Endgerät für den Schulalltag bereitzustellen. Zwar sagt sie, es gebe Nachholbedarf im Digitalbereich, für den Gelder aufgewendet werden müssen, doch sieht sie dabei offenbar vor allem die Dringlichkeit, alle Lehrkräfte für das digitale Zeitalter fortzubilden. Trotz Leistungsbereitschaft scheint vielen von ihnen der Weg ins virtuelle Klassenzimmer zu fremd. Am Ende bleibt es dann bei einer E-Mail mit Unterrichtsmaterial vom privaten Account, denn nicht einmal dienstliche Mailadressen stellen die Schulbehörden bereit.

"Niemand spielt sich an den Füßen"

Udo Beckmann ist es unbegreiflich, dass ein Konjunkturprogramm gemacht wird, bei dem die digitale Fortbildung der Lehrer und Schüler außen vor bleibt. In der ersten Hälfte der Diskussion spricht der VBE-Vorsitzende noch von der kreativen Herangehensweise in Zeiten von Corona, um die Schüler und Schülerinnen zu Hause zu betreuen. "Niemand spielt sich an den Füßen. Es geht uns darum, eine Fortbildungsinitiative zu schaffen." Doch dann gesteht auch er ein, dass diese noch nicht allerorts geschaffen wurde und die Betreuung in den Händen vieler Eltern liege, mit und ohne elektronische Hilfsmittel. Er spricht dabei von Brieftauben statt E-Mails.

Stephan Wassmuth betont, die Schulleitungen hätten sich Mühe gegeben, seien aber von der Politik im Stich gelassen worden. Es müsse nun die Frage gestellt werden, was getan werden kann, damit im nächsten Schuljahr ein vernünftiger Unterricht gestaltet wird. Auch ältere Lehrer müssten sich mit digitalem Lernen auseinandersetzen, fordert der Bundeselternratsvorsitzende. Bildungsexpertin Pausder merkt außerdem an, dass bis Corona nicht wirklich am Digitalpaket gearbeitet wurde. Zu lange habe man mit dem Thema gehadert, dabei bliebe keine Zeit für Medienstreitigkeiten. Auch der Lehrplan müsse entlastet werden, denn alle seien kurz vor dem Burnout. Bei der derzeitigen Menge an Unterrichtsstoff könne man sich durchaus trauen, etwas wegzulassen.

Tochter gibt Mama eine Sechs minus

Collien Ulmen-Fernandez ist nicht nur Moderatorin, sondern auch Mutter. Sie berichtet von den täglichen Reibereien beim Unterricht daheim. Von Familienidylle kann keine Rede sein. Ihre Tochter hat ihr für die Leistungen als Behelfslehrerin ein "Ungenügend" mit Minus verpasst. Sie erkläre bei Weitem nicht so gut wie die Lehrerin, soll die Achtjährige gesagt haben. Doch Ulmen-Fernandez vertieft auch noch ein weiteres Problem: 28 Prozent aller Frauen in Deutschland arbeiten weniger, um die Kinder daheim zu betreuen, seit Schulen und Kitas geschlossen wurden. Dies sei auch eine Folge dessen, dass Frauen in vielen Berufen immer noch weniger als der Mann für die gleiche Tätigkeit verdienen. Die Entscheidung, wer da zu Hause bleibt und auf die Kinder aufpasst, scheint leicht getroffen, schließlich ist es am Ende auch eine Frage des Geldes.

Susanne Eisenmann findet das traurig, jedoch nicht überraschend. Sie sagt, Corona mache deutlich, dass große Defizite bestehen, was die gesellschaftliche Stellung der Frau betrifft. "In den Köpfen muss was passieren", sagt die Kultusministerin und stimmt der Moderatorin zu, dass an der Geschlechtergleichberechtigung in Deutschland gearbeitet werden muss. Das Versprechen von Beruf und Kindern kann auf diese Weise offenbar nicht erfüllt werden.

Familienministerin Giffey beleuchtet unabhängig davon den Aspekt, dass Eltern, die nun zu Hause sind und Kinder unterrichten, zusätzliche Unterstützung erhalten. Dabei spricht sie von Leistungen wie dem angepassten Elterngeld für Familien in schwierigen finanziellen Lagen. Gerade jetzt müsse man sehen und anerkennen, was in Schulen und Kitas geleistet wird, dabei handele es sich schließlich um harte pädagogische Arbeit.

"Das ist doch nicht vom Himmel gefallen"

Die Familienministerin sagt: "Es ist nicht alles verloren im Leben eines Schulkindes." Sie scheint klarstellen zu wollen, dass nicht alles schiefläuft und viel getan wurde, damit die Dinge so funktionieren, wie sie es momentan tun. "Was meinen Sie, was in den Ministerien gelaufen ist, um das alles hinzukriegen? Da gab es kein Wochenende, da gab es Nachtschichten. Dass unser Land, unser Staat so funktioniert, wie er funktioniert, dass diese ganzen Hilfsmaßnahmen in dieser Größenordnung, in dieser kurzen Zeit mit zig Gesetzen beschlossen wurden, ist doch nicht vom Himmel gefallen."

Die angeregte Diskussion zwischen den unterschiedlichen Gästen gibt einen vagen Blick auf die Zukunft. Wie es für die Schulen und Kitas weitergeht, entscheidet das Infektionsgeschehen. Kinderschutz wird scheinbar gegen Infektionsschutz aufgewogen. Deutlich wird: Es muss ein einheitliches, bundesländerübergreifendes Konzept her, damit der Unterricht bald für alle Schüler und Schülerinnen gleichermaßen wieder stattfinden kann. Wenn nicht im Klassenzimmer, dann wenigstens mit Lehrern und Mitschülern im Videochat. Werden deutsche Schulen bundesweit im digitalen Zeitalter ankommen, bevor das nächste Schuljahr kommt? Auch unabhängig von Corona wäre dies ein wünschenswerter Schritt in die Zukunft.

Quelle: ntv.de