Politik

Flüchtlingsfiktion wird Realität "Seht zu, wie wir sterben"

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"Warum habt ihr so viel und wir so wenig?" Das britische Gedankenspiel hat an Aktualität nichts verloren.

(Foto: BBC, "Der Marsch")

Im Jahr 1990 fesselt und beunruhigt die BBC-Produktion "Der Marsch" die Zuschauer: Zehntausende Afrikaner machen sich auf den Weg, um die Festung Europa zu stürmen. 25 Jahre später ist das TV-Schreckensszenario bittere Wirklichkeit.

"Es heißt, Ihr in Europa habt viele Katzen. So kleine Tiere. Es heißt, eine Katze kostet mehr als 200 Dollar im Jahr. Lasst uns nach Europa kommen als Eure Haustiere. Wir können Milch trinken. Wir können beim Feuer liegen, Eure Hand lecken. Wir können schnurren. Und wir sind viel billiger zu füttern."

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Europäische Horrorvorstellung: Die Armen der Welt wollen an den reichgedeckten Tisch.

(Foto: BBC "Der Marsch")

1990 sorgt ein britisches Fernsehdrama mit solchen Monologen für Diskussionen und großes Unbehagen bei den Zuschauern. Die Geschichte ist schnell erzählt: Nach einer durch eine jahrelange Dürre ausgelösten Hungersnot organisiert der charismatische Nordafrikaner Isa el-Mahdi, gespielt von Malick Bowens, einen Marsch nach Europa. Er will Europa zusehen lassen, wie sie alle sterben. Die Irin Claire Fitzgerald, gespielt von Juliet Stevenson, soll als EU-Entwicklungskommissarin mit ihm verhandeln. Doch sie scheitert sowohl an el-Mahdi als auch am Brüsseler Gremiumsdickicht und kann die Völkerwanderung nicht aufhalten. Am Ende landen zehntausende Flüchtlinge in Booten auf europäischem Boden. Und sehen sich bewaffneten Soldaten gegenüber.  

Der BBC-Film, der auf Youtube zu finden ist, war als Plädoyer für einen größeren Einsatz der Industrieländer für die Entwicklungsländer gedacht, der Zuschauer erlebte das Drama aus der Perspektive der patenten EU-Kommissarin – und konnte sich mit ihr identifizieren. Wer hatte als Kind nicht auch genug davon, seinen Teller mit Hinweis auf die Hungersnöte in Afrika leer essen zu müssen? Wer würde nicht heute noch auf die hunderte Millionen Dollar (heute wären es Milliarden) verweisen, die bereits nach Afrika überwiesen wurden und in Präsidentenpalästen, Luxusgütern für die korrupte Elite und mörderischen Stammeskriegen landeten?

Wirklichkeit übertrifft Fiktion

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Keine Filmszene: Ein syrischer Flüchtling betet im Mai 2015 am Strand der griechischen Insel Kos.

(Foto: REUTERS)

"Der Marsch" ist kein großer Film. Eher ein wüstenverstaubtes Kammerspiel, von zu pathetischer Musik überzogen. Doch die Bilder und Dialoge, die damals für ein mulmiges Gefühl sorgten, sind heute bittere Realität geworden. Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) starben seit Jahresbeginn bereits mehr als 1900 Flüchtlinge bei der Überfahrt über das Mittelmeer. Rund 150.000 Menschen gelang die Flucht. Die Menschen fliehen nicht nur aus Afrika und nicht nur wegen des Klimawandels. Sie fliehen auch vor Kriegen, vor Verfolgung, vor wirtschaftlicher Not.

Im Sommer 2015 ist Europa mit der Flüchtlingsproblematik überfordert. Die im Film gezeigte Polemik ist längst Alltag: "Ich habe Mitleid, aber die haben ihre eigenen Länder und dort sollen sie bleiben und nicht herkommen. Wir können nichts fürs Wetter", heißt es da in der fiktiven Talkshow. Das kommt einem ebenso bekannt vor, wie das schlechte Gewissen der fiktiven EU-Kommissarin und ihrer Freunde: "Keiner glaubt, dass wir so weitermachen können: Fernseher, Kühlschränke usw. Alles dient nur unserem Luxus. 80 Prozent der Energie wird verbraucht von 20 Prozent der Leute. Die anderen drei Milliarden der Welt werden niemals so leben wie wir. Es ist alles in Ordnung, wenn wir sie bei uns im Fernsehen sehen. Aber was wird passieren, wenn sie uns bei sich im Fernsehen sehen?"

Der Marsch werde nichts ändern, versucht Claire schließlich den "Ghandi von Afrika" aufzuhalten: "Ihr werdet nicht nach Europa reingelassen. Ihr werdet kein Land oder Jobs oder Häuser kriegen. Geht zurück und ich verspreche, das Leben in den Camps wird besser. Dieser Marsch sieht aus wie eine Drohung. Menschen lassen sich nicht gerne bedrohen. Manchmal reagieren sie mit Gewalt." Doch die Verzweifelten lassen sich nicht aufhalten. Sie rennen von ihren Booten auf einen Strand mit Sonnenliegen und –schirmen zu. Und werden eingekesselt.

"Wir sind verängstigt. Wir brauchen Zeit", sagt Claire am Ende des Films. "Wir sind noch nicht bereit für Euch." 25 Jahre nach der Austrahlung von "Der Marsch" ist Europa es immer noch nicht.

Quelle: ntv.de