Politik
Ein Huthi-Kämpfer hält Wache in Sanaa, nachdem die Rebellen die Stadt erobert haben.
Ein Huthi-Kämpfer hält Wache in Sanaa, nachdem die Rebellen die Stadt erobert haben.(Foto: REUTERS)
Dienstag, 07. April 2015

Kampf gegen einstige Freunde: So tief steckt der Westen im Jemen-Krieg

Von Christoph Herwartz

Im Jemen kämpfen Verbündete des Westens wieder gegen Milizen, die jahrelang von den USA ausgerüstet wurden. Werden die US-Amerikaner in einen Stellvertreterkrieg hineingezogen?

Seit zwei Wochen beschießen Saudi-Arabien und einige weitere Staaten der Region nun die Stellungen der Huthi-Rebellen im Jemen. Die Rebellen haben sich nicht davon abhalten lassen, nach der Hauptstadt Sanaa auch die Hafenstadt Aden einzunehmen. Der Konflikt wirkt auf den ersten Blick wie ein weltpolitisch wenig bedeutsames Aufeinanderprallen verfeindeter Völker. Doch der Westen ist in die Sache verstrickt, und zwar auf beiden Seiten.

Um zu verstehen, wer dort miteinander kämpft, muss man den wichtigsten Politiker des Landes kennen. Sein Name ist Ali Abdullah Saleh. Er ist einer jener Machthaber in der arabischen Welt, der über Jahrzehnte vom Westen hofiert wurde. Er war zu Gast im Weißen Haus und ließ sein Militär von den USA ausstatten. 1978 war er Präsident der Jemenitischen Arabischen Republik geworden, nachdem die zuvor herrschende Monarchie in einem Bürgerkrieg untergegangen war.

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Die Monarchen waren schiitische Imame, die sich nun in die Berge des Nordens zurückziehen mussten. Zwar hatten Großbritannien und Saudi-Arabien die Imame unterstützt. Doch der neue Machthaber Saleh erfüllte seine Aufgabe zur Zufriedenheit des Westens: Er hielt das unübersichtliche Land einigermaßen stabil und sicherte so zum Beispiel die Meerenge, die das Rote Meer mit dem Indischen Ozean verbindet. Auch heute noch müssen alle Schiffe, die aus Asien über den Suez-Kanal nach Europa fahren, diese Meerenge passieren.

Armee verteidigt ihre Regierung nicht

Saleh schaffte es 1990, den zwischenzeitlich geteilten Jemen zu vereinen und war fortan Präsident des gesamten Landes. Er ließ freie Wahlen zu und schuf ein ansatzweise demokratisches System, das aber bald wieder zu einem Ein-Parteien-Staat wurde, den Saleh immer strenger führte. Gleichzeitig wurde der Jemen immer instabiler. Wirtschaftlich gab es keinen Fortschritt, das Land ist noch immer das ärmste in der arabischen Welt. Die in die Berge geflüchteten Schiiten folgten einem gewissen Hussein Badreddin al-Huthi, der 2004 eine Rebellion gegen die Regierung anzettelte. Al-Huthi wurde im Kampf getötet, seine Gefolgsleute nannten sich weiter "Huthi".

Die USA und Saudi-Arabien unterstützten Saleh, um den Jemen nicht gänzlich scheitern zu lassen – mit mäßigem Erfolg. Al-Kaida machte sich im dünn besiedelten Osten des Landes breit. Die USA rüsteten Saleh weiter auf und schossen von Drohnen aus auf mutmaßliche Al-Kaida-Stellungen, was die Bevölkerung nur weiter gegen die USA und ihren Verbündeten, Präsident Saleh, aufbrachte. Der Jemen wurde immer gefährlicher, immer wieder wurden Touristen in dem früher beliebten Reiseland entführt. Der Westen hielt weiter zu Saleh.

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Erst als 2011 in vielen arabischen Staaten demonstriert wurde, schafften es auch die unzufriedenen Jemeniten, Saleh so sehr unter Druck zu setzen, dass die USA ihn fallenließen. Den Übergang zu einer Demokratie sollte Salehs Stellvertreter Abed Rabbo Mansur Hadi organisieren, der sich dafür zum Präsidenten wählen ließ. Saleh gab seine Zustimmung und auch die USA und Saudi-Arabien begleiteten den Machtwechsel wohlwollend.

Doch wie in anderen Ländern des Arabischen Frühlings blieben die erhofften schnellen Erfolge aus. Hadi schaffte es nicht, die verfeindeten Parteien im Land zusammenzubringen und die wirtschaftlichen Probleme zu lösen. Wie schon elf Jahre zuvor versuchten nun die Huthi, die Schwäche der Regierung zu nutzen und das Land zurückzuerobern. Dass sie innerhalb von wenigen Monaten die wichtigsten Städte des Landes einnehmen konnten, ist nur so zu erklären, dass sie die Unterstützung des Ex-Präsidenten Saleh haben. Der einstige Feind hat sich mit ihnen verbündet. Saleh soll laut einer UN-Untersuchung in seiner Zeit als Präsident über 50 Milliarden Euro im Ausland versteckt haben. Außerdem hält ein Großteil der Armee noch immer zu ihm und leistete keine Gegenwehr, als die Huthi erst die Hauptstadt Sanaa und dann Aden überfielen. Wieder einmal hat der Westen einen Herrscher finanziert, den er jetzt bekämpfen muss.

USA reden sich die Krise schön

Präsident Hadi flüchtete zunächst von Sanaa nach Aden und dann nach Riad. Saudi-Arabien fliegt mit einigen anderen Staaten nun Luftangriffe gegen die Huthi, die USA liefern mit ihren Drohnen die Zielkoordinaten. Doch sie verteidigen damit eine Regierung, die faktisch keine Macht mehr hat.

Und das zeigt das Dilemma dieses Krieges: Die USA und Saudi-Arabien sind an einem stabilen Jemen interessiert, der Terroristen keine Basis bietet. Aber wer soll diese Stabilität schaffen? Die Regierung Hadi scheint längst geschlagen. Um den Huthi etwas entgegenzusetzen, müsste eine fremde Macht in das Land einmarschieren und es besetzen. Obwohl Saudi-Arabien in den vergangenen Jahren viel in sein Militär investiert hat, ist es dazu aber wohl zu schwach.

Und die USA wollen darüber gar nicht nachdenken. Laut US-Regierung geht es im Jemen nicht um das Aufbauen einer stabilen Nation, sondern nur um Terrorismusbekämpfung. Und diese Terrorismusbekämpfung sei erfolgreich, heißt es offiziell. Die Fachzeitschrift "Foreign Policy" schreibt dazu, es gebe in der Regierung niemanden, der im vertraulichen Gespräch dieser Einschätzung zustimmen würde. Die Lage so zu bewerten, sei "unfassbar kurzsichtig", so "Foreign Policy".

"Verheerende" Auswirkungen auf die Weltwirtschaft

Die Befürchtung in den USA ist, sich in einen Stellvertreterkrieg hineinziehen zu lassen, wie es im Kalten Krieg mehrere gab und wie man auch den Syrien-Krieg und den Ukraine-Krieg deuten kann. Jeweils stehen sich verfeindete lokale Gruppen gegenüber, die von größeren Mächten gestützt werden.

Auf der Seite der Huthi ist diese Macht der Iran. Nachdem die Huthi Sanaa erobert hatten, baute der Iran eine Flugverbindung von Sanaa nach Teheran auf. Dennoch ist nicht ganz klar, wie weit der Iran in den jemenitischen Bürgerkrieg verwickelt ist. Er soll Geld und Kleinwaffen geliefert haben. Über beides verfügt aber ja auch Ex-Präsident Saleh, der sich mit den Huthi verbündet hat. Und einen Waffenschmuggel aus dem Iran in die Huthi-Gebiete zu organisieren wäre kompliziert. Auch die ideologische Nähe zwischen Iranern und Huthi, die beide Schiiten sind, spielt wohl keine größere Rolle.

Wichtiger ist, dass Saleh einen Partner braucht, wenn er sein Regime wieder installieren will, und dass der Iran einen strategisch wichtigen Einfluss erhält. Er ringt mit Saudi-Arabien um die Stellung als Regionalmacht des Nahen und Mittleren Ostens. Die Kontrolle über die Meerenge zwischen Rotem Meer und Indischem Ozean käme dem Iran gelegen. "Der Iran kontrolliert schon die Straße von Hormuz, über die fast ein Viertel der weltweiten Ölproduktion verschifft wird", schreibt "Foreign Affairs". "Man kann sich vorstellen, wie verheerend die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft wären." Denn die Meerenge hat von ihrer Bedeutung nichts verloren. Je mehr Güter zwischen Asien und Europa gehandelt werden, desto wichtiger wird dieser Seeweg. Auch die deutsche Marine ist vor Ort, um ihn zu schützen.

Quelle: n-tv.de