Politik

Klimaneutral bis 2045 "Sprit wird teurer, Strom billiger"

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"Erneuerbare Energien sind bereits heute kostengünstig", sagt Patrick Graichen. "Nun geht es darum, ausreichend Flächen für den nötigen Ausbau von Wind- und Sonnenenergie bereitzustellen."

(Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild)

Die Denkfabrik Agora Energiewende hat durchgerechnet, wie Deutschland bis zum Jahr 2045 klimaneutral werden kann. Ihre Studie dazu erschien Anfang Mai. Dann kam das Urteil des Bundesverfassungsgerichts, und die Bundesregierung überschlug sich förmlich, das Klimaschutzgesetz nachzubessern. Folgender Satz soll eingefügt werden: "Bis zum Jahr 2045 werden die Treibhausgasemissionen so weit gemindert, dass Netto-Treibhausgasneutralität erreicht wird."

Vom Kabinett ist der Gesetzentwurf bereits beschlossen, an diesem Donnerstag wird er in erster Lesung im Bundestag beraten. Noch vor der Sommerpause - und damit vor der Bundestagswahl - soll das geänderte Gesetz in Kraft treten. Patrick Graichen, Direktor von Agora Energiewende, erklärt, wie das Ziel der Klimaneutralität bis 2045 erreicht werden kann.

ntv.de: Das neue Klimaschutzgesetz wird vorsehen, dass Deutschland bis 2045 klimaneutral wird, aber es legt den Weg dahin nicht fest. Was bringt ein solches Gesetz ohne konkrete Maßnahmen?

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Patrick Graichen ist Direktor der Denkfabrik Agora Energiewende.

(Foto: picture alliance/dpa)

Patrick Graichen: Als Rahmengesetz gibt es den einzelnen Sektoren - also Energie, Industrie, Gebäude, Verkehr und Landwirtschaft - bis 2030 konkrete Minderungsziele vor. Die Bundesregierung hat damit den Handlungsauftrag, dafür zu sorgen, dass diese Sektorziele bis 2030 auch tatsächlich eingehalten werden. Als Leitplanke ist das schon viel wert. Aber das Gesetz allein mindert noch keine Tonne CO2. Dafür braucht es zusätzliche Maßnahmen.

Voraussetzung für Klimaneutralität ist in vielen Bereichen der verstärkte Einsatz von Strom. In Ihrer Studie "Klimaneutrales Deutschland 2045" heißt es, der deutsche Bruttostromverbrauch werde von aktuell knapp 600 Terrawattstunden bis 2045 auf über 1000 Terrawattstunden ansteigen.

Wir werden mehr erneuerbaren Strom verbrauchen. Gleichzeitig wird aber in einem klimaneutralen Deutschland im Jahr 2045 unser Primärenergieverbrauch - also die Energie, die etwa zum Heizen, Autofahren oder zur Stromproduktion benötigt wird - deutlich niedriger sein.

Warum sinkt der Primärenergieverbrauch?

Weil insbesondere in den Gebäuden durch energetische Sanierung massive Einsparungen erreicht werden. Und weil der Wechsel von Kohle, Öl und Gas zu erneuerbarem Strom mit einem Effizienzgewinn verbunden ist: Ein E-Auto ist viel effizienter als eines mit Verbrennungsmotor. Diese beiden Effekte führen dazu, dass der Primärenergieverbrauch sich in etwa halbiert.

Der Verband der chemischen Industrie hat vor zwei Jahren vorgerechnet, dass für Klimaneutralität bis 2050 allein in dieser Branche der Strombedarf bis auf 628 Terrawattstunden ansteigen würde. Haben die sich verrechnet?

Der VCI hat in seiner Studie den aktuellen Erdöl- und Erdgasbedarf eins zu eins durch grünen Wasserstoff und grünes Ethanol ersetzt. Wir haben in unserer Studie nicht nur grünen Wasserstoff berücksichtigt, sondern auch Direktelektrifizierung. Ein Beispiel: In der chemischen Industrie werden sogenannte Steamcracker eingesetzt. Ein direkt mit grünem Strom betriebener Steamcracker ist viel effizienter, als wenn mit dem Strom erst grüner Wasserstoff hergestellt und der Cracker dann mit diesem Wasserstoff betrieben wird. Zudem haben wir die Energie aus Biomasse, die im Moment in Form von Biokraftstoffen in den Verkehrssektor geht, der Industrie zugeschlagen. Das senkt den Bedarf an Wasserstoff noch einmal deutlich. Um die Industrie erfolgreich zur Klimaneutralität zu führen, braucht es nicht die großen Strommengen, die der VCI errechnet hat, sondern eine kluge Mischung aus Elektrifizierung, grünem Wasserstoff und Biomasse.

Allerdings sind auch 1000 Terrawattstunden eine ganze Menge. Wie kann so viel Strom kostengünstig und klimaneutral produziert werden?

Erneuerbare Energien sind bereits heute kostengünstig. Nun geht es darum, ausreichend Flächen für den nötigen Ausbau von Wind- und Sonnenenergie bereitzustellen. Nach unseren Berechnungen können bis 2045 in deutschen Hoheitsgewässern 70 Gigawatt Windkraft aufgebaut werden. Bei der Windkraft an Land sind es knapp 150 Gigawatt, für die rund zwei Prozent der Landesfläche benötigt werden. Wir brauchen außerdem einen massiven Ausbau an Photovoltaik - auf Dächern und Wiesen. Mit dieser Kombination ist es möglich, den Strombedarf, den wir errechnet haben, zu über 90 Prozent inländisch zu decken.

Wie ist der Ausbau der Erneuerbaren in den letzten Jahren vorangekommen?

Bei Windkraft an Land ist der Ausbau eingebrochen, bei Windkraft auf See findet er fast gar nicht statt. Nur bei der Photovoltaik hat es einen leichten Aufschwung gegeben. Die neue Bundesregierung muss den Ausbau der Erneuerbaren nun schnell hochfahren, damit wir die vereinbarten Klimaziele erreichen.

Welcher Bereich ist der schwierigste, um Klimaneutralität zu erreichen?

Der Gebäudesektor steht vor der größten Herausforderung, denn hier sind hohe Investitionen fällig. Im Kern müssen wir bis 2050 jedes heute stehende Haus einmal anfassen. Das heißt, 40 Millionen Eigenheimbesitzerinnen und Besitzer davon zu überzeugen, ihre Häuser energetisch zu sanieren und ihre Heizungen auszutauschen. In anderen Sektoren wie etwa dem Verkehr läuft es gerade von allein. Der technische Fortschritt und die Marktentwicklung bei der Elektromobilität verlaufen so rasant, dass das Ende des Verbrenners bis 2030 realistisch ist. Beim Strom wartet die Energiewirtschaft darauf, dass endlich die bestehenden Blockaden gelöst werden. Im Industriesektor fordern die Unternehmen einen Rahmen, der ihre Investitionen in Klimaneutralität absichert. Bleibt die Landwirtschaft als Sorgenkind der Klimaneutralität

Was ist mit der Landwirtschaft?

Hier wird es auch 2045 noch Rest-Emissionen geben, weil die Methan-Emissionen der Kühe oder die Lachgas-Emissionen vom Düngen auf den Feldern nicht einzufangen sind. Diese Emissionen müsste man ausgleichen, aber die Wissenschaft sagt uns, dass die deutschen Wälder so viel zusätzliches CO2 nicht aufnehmen können. Deswegen sorgt in unserem Modell Biomasse-CCS dafür, mit der Landwirtschaft auf netto null zu kommen. Das heißt: Da, wo Biomasse in der Industrie eingesetzt wird, wird das CO2 aufgefangen, nach Norwegen verschifft und dort in leere Gasfelder unter der Nordsee gepumpt.

CCS, also die Abscheidung und Lagerung von Kohlendioxid, ist in Deutschland ziemlich umstritten.

In Norwegen wird CCS bereits genutzt, allerdings haben die Projekte eher Pilot-Charakter. Für eine großflächigere Nutzung wäre erstens zu klären, ob das CO2 auch wirklich dauerhaft im Boden bleibt, und zweitens, wer die Kosten und Risiken trägt.

Und wenn das nicht klappt, müssen wir alle Vegetarier werden?

Nein. Aber man muss sich klar werden, dass Fleischkonsum und CCS in Zukunft eine Einheit bilden. Je weniger Fleisch wir konsumieren, desto weniger CCS ist nötig.

Sie sprechen in Ihrer Studie von einer beschleunigten Transformation und von "mehr Tempo im Strukturwandel". Klappt so etwas ohne gesellschaftliche Verwerfungen?

Beim Thema Kohleausstieg haben wir gesehen, dass der gesellschaftliche Diskussionsprozess und die Strukturhilfen wichtig sind, um die Regionen mitzunehmen. Die gute Nachricht ist: Um die klimaneutrale Welt zu erreichen, werden wir viele Jobs brauchen. Die Ankündigung von VW, sechs Batterie-Fabriken für den eigenen Bedarf errichten zu wollen, weist ja in diese Richtung: Wir brauchen keine Getriebe mehr, aber wir brauchen Batterien. Wir brauchen keine Gaskessel mehr, aber genauso viele Wärmepumpen pro Jahr. Es geht im Kern darum, dass diese Transformation rechtzeitig und gemeinsam mit den Regionen und Beschäftigten angegangen wird. Die Kohle-Regionen im Rheinland, in der Lausitz und im Mitteldeutschen Revier sind gut beraten, sich auf einen Kohleausstieg schon im Jahr 2030 vorzubereiten.

Sie fordern einen erhöhten CO2-Preis. Wie teuer sollte die Tonne werden?

Wir schlagen vor, dass der CO2-Preis sukzessive erhöht wird, auf 80 bis 100 Euro pro Tonne. Im Gegenzug sollen diese Einnahmen genommen werden, um die EEG-Umlage abzuschaffen und den Strom günstiger zu machen. Das fordern so oder so ähnlich parteiübergreifend alle Energie- und Klimapolitiker - von den Grünen über die SPD bis hin zu FDP und Union. Das hat zwei Vorteile. Erstens: Weil Klimaschutz im Verkehr und im Gebäudesektor über die Elektrifizierung läuft, muss man dafür sorgen, dass die Umstellung wirtschaftlich interessant ist. Bislang steht dem unser hoher Strompreis entgegen. Es ist zweitens aber auch sozial ausgewogen, weil der Strompreis gerade für die unteren Einkommensgruppen relativ gesehen einen höheren Anteil an den Ausgaben darstellt. Wenn man die Einnahmen aus dem CO2-Preis über eine Strompreissenkung ausgleicht, dann ist das für die unteren Einkommensgruppen netto positiv.

Wie viel teurer würde dann Benzin - und wäre das in einem Wahljahr politisch durchsetzbar?

Aktuell liegt der CO2-Preis bei 25 Euro pro Tonne. Wenn man dem Vorschlag von CDU und CSU folgt und den CO2-Preis im nächsten Jahr auf 45 Euro erhöht, dann würden sich Benzin und Diesel um sieben Cent je Liter verteuern. Wichtig ist die Botschaft: Benzin, Diesel, Heizöl, Erdgas werden in den nächsten Jahren teurer, Strom wird billiger - deswegen sollte die nächste Investitionsentscheidung eine sein, die in Richtung Strom und weg von Benzin, Diesel, Heizöl, Erdgas führt. Das muss man kombinieren mit einem Förderprogramm, sodass am Schluss die Wärmepumpe und das E-Auto die insgesamt kostengünstigeren Alternativen sind.

Zuletzt schien sich die klimapolitische Debatte vor allem darum zu drehen, ob Inlandsflüge verboten werden müssen. Wie wichtig ist diese Frage, und müssen solche Verbote sein?

Inlandsflüge machen in Deutschland 2,5 Millionen Tonnen CO2 im Jahr aus - von rund 900 Millionen Tonnen. Das ist wirklich ein Nebenaspekt. Viel wichtiger sind solche Verbote im Gebäudebereich, bei Öl- und Gaskesseln, wie es die Skandinavier und die Niederländer machen. Wenn jetzt noch eine Generation von Öl- und Gaskesseln in die Häuser kommt, laufen diese 20 Jahre. Das ist eine Investitionsentscheidung, die in klarem Widerspruch mit Klimaneutralität bis 2045 steht. Aus meiner Sicht wäre es notwendig, dass wir ab 2024 den Einbau neuer Öl- und Gaskessel verbieten.

Was sagen Sie zu dem Argument, dass Deutschland einen Anteil von lediglich rund zwei Prozent am weltweiten CO2-Ausstoß hat und dass es billiger wäre, in Afrika für Klimaschutz zu sorgen?

Das ist aus zwei Gründen falsch. Erstens sollte jeder vor seiner eigenen Tür kehren. Wir haben die Aufgabe, unsere zwei Prozent Emissionen auf null zu reduzieren, so wie jedes andere Land auf der Welt das mit seinem Anteil tun muss. Nur so kommen wir auf die globale Netto-Null. Das ist der Gedanke des Pariser Klimaschutzabkommens. Und zweitens ist es auch für eine Exportnation wie Deutschland industriepolitisch absolut notwendig, beim globalen Wettlauf in Richtung Klimaneutralität vorn dabei zu sein. Nicht nur die EU hat sich zur Klimaneutralität verpflichtet, auch Joe Biden hat Klimaneutralität 2050 als Ziel für die USA ausgerufen, und der chinesische Präsident Xi Jinping hat angekündigt, dass sein Land bis 2060 klimaneutral sein wird. Die deutsche Industrie muss sich also fragen: Welche Region wird die dafür nötigen Technologien herstellen? Wer wendet sie an und verkauft sie an den Rest der Welt?

Wie viel Geld müsste der Staat investieren, um den dafür notwendigen Strukturwandel anzustoßen?

Es ist ein großes Investitionsprogramm, vergleichbar mit dem Aufbau unserer Infrastrukturen in den Wirtschaftswunderjahren. McKinsey und Boston Consulting sind in Studien auf Investitionssummen von etwa 75 Milliarden Euro pro Jahr gekommen. Das wären ungefähr zehn Prozent der jährlichen Bruttoinvestitionen in Deutschland. Aus volkswirtschaftlicher Perspektive ist das verkraftbar, zumal die meisten Makroökonomen sagen, dass Deutschland derzeit zu wenig investiert. Die Frage ist: Wie viele dieser Investitionen muss der Staat stemmen, wieviel übernehmen private Investoren - und wie reizt man diese privaten Investitionen an? Aus unserer Sicht müsste der Staat etwa ein Drittel dieser 75 Milliarden Euro bereitstellen, vor allem im Gebäudesektor.

Sie haben vor gut einem Jahr gesagt, die Industrie sei beim Klimaschutz viel weiter als die Politik. Ist das noch so?

Ja, denn viele Unternehmen wissen, dass ihre nächste Investition eine klimaneutrale sein muss - Produktionsanlagen halten schließlich oft weit über 25 Jahre. Und die Industrie weiß auch: Klimaneutralität gelingt nicht von allein, und vor allem nicht allein durch den Emissionshandel - es braucht jetzt zusätzliche Instrumente. Zwar hat die Politik mit dem neuen Klima-Ziel von minus 65 Prozent bis 2030 und Klimaneutralität bis 2045 massiv nachgezogen. Doch das sind bisher nur Überschriften und noch keine konkreten Maßnahmen. Das führt zurück zu Ihrer ersten Frage: Was sind die Instrumente, die dafür sorgen, dass wir diese Ziele erreichen? Hier braucht es nun einen klugen Instrumentenmix aus Ordnungsrecht, Emissionshandel und Förderanreizen vonseiten der Politik - in den ersten 100 Tagen der neuen Legislaturperiode.

Mit Patrick Graichen sprach Hubertus Volmer

Quelle: ntv.de

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