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Nach Schul-Massaker in Pakistan Stimmung kippt gegen radikale Geistliche

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Seit dem Massaker an einer Schule in Peshawar sind pakistanische Geistliche wie Maulana Abdul Aziz in der Defensive.

(Foto: picture alliance / dpa)

Bis vor kurzem noch undenkbar: Nach dem Massaker an einer Schule in Peshawar protestieren empörte Bürger vor der roten Moschee in Islamabad. Denn deren geistliche Führer solidarisieren sich mit den Taliban. Die Stimmung könnte sich gegen sie wenden.

In Pakistan galten radikale Geistliche wie Maulana Abdul Aziz lange Zeit als unantastbar. Der Grund war zum einen ihre breite öffentliche Gefolgschaft bei zumeist sunnitischen Muslimen, zum anderen der politische Schutz, den sie dank ihrer Verbindungen zu mächtigen Militärs genossen.

Doch seit dem Massaker an einer Schule in Peshawar vergangene Woche sind Geistliche wie Aziz in der Defensive. Noch kurz zuvor wäre es undenkbar gewesen, dass sich empörte Demonstranten vor der Moschee in Islamabad versammeln, um ihrem Ärger Luft zu machen. Doch nachdem Aziz es ablehnte, die Ermordung der Schulkinder zu verurteilen, wurde das Undenkbare Realität.

In seiner Freitagspredigt hatte Aziz gesagt, der Taliban-Angriff sei verständlich, angesichts der Offensive pakistanischer Streitkräfte gegen die Verstecke der Aufständischen in den Stammesgebieten. Doch die Demonstranten vor der Roten Moschee sahen das ganz anders. Anstatt die grausame Tat an einer Schule zu verurteilen, werbe Aziz noch für die Ansichten der Extremisten.

"Wir können niemandem länger gestatten, Hass zu predigen"

"Ich bin ein Bewohner von Peshawar. Ich habe mein ganzes Leben dort verbracht. Dass Maulana Aziz (das Massaker) nicht verurteilt, bestürzt mich sehr", sagt der 33-jährige Demonstrant Jabbar Khan. "Er hat unsere Gefühle als Muslime verletzt." Die radikalen Geistlichen seien "so gefährlich wie die Taliban, die unschuldige Kinder töteten", meint der Organisator des Protests, Jibran Nasir. "Wir können niemandem länger gestatten, Hass zu predigen. Wir werden nicht länger zuschauen, wenn Leute wie Abdul Aziz den Namen unseres Heiligen Propheten sowie unsere Religion dafür benutzen, um zur Gewalt anzustacheln."

Doch die Radikalen nehmen den Protest nicht schweigend hin. Am Montag habe er einen Anruf von einem Sprecher der pakistanischen Taliban erhalten, sagt Nasir. Dieser habe ihn aufgefordert, "Maulana nicht zu belästigen". Doch sonderlich beeindruckt zeigt sich der Organisator davon nicht. "Wir demonstrieren nicht, um Blut zu vergießen oder Steine zu werfen. Wir sind hier, weil wir eine ganz einfache, klare Botschaft aussenden wollen: "Wir haben keine Angst mehr"." In den vergangenen zehn Jahren haben landesweit mehr als 50.000 Zivilisten und mehr als 15.000 Angehörige der Sicherheitskräfte bei Anschlägen von Aufständischen ihr Leben verloren. "Diese Leute unterrichten die falsche Interpretation unserer Religion, sie lehren den Dschihad und beschützen die Mörder unserer Kinder", sagt Nasir mit Blick auf die radikalen Geistlichen.

"Hass in Millionen Köpfen"

Der Politikanalyst Raza Rumi sieht aber auch ein Versagen aufseiten der Politiker, die teilweise nicht genügend Distanz zu religiösen Vertretern wahrten. Währenddessen lehrten tausende Koranschulen jeden Tag, dass "Dschihad die grandiose Bestimmung der menschlichen Existenz ist. Die unkontrollierten Predigten in den Moscheen verbreiten jede Woche Hass und Fanatismus, die Millionen Köpfe beeinflussen."

So findet der Koranschüler Muhammad Ismail, dass Aziz mit seiner Haltung nach dem Schulmassaker richtig liegt. "Warum sollte er nur einen Vorfall verurteilen, für den eine Partei (die Taliban) in dem Konflikt die Verantwortung trägt, und nicht auch das verurteilen, was die andere Partei (der pakistanische Staat) tut?", sagt der 22-Jährige von der Jamia-Fradia-Madrasa, einer zur Roten Moschee gehörenden Koranschule.

Quelle: n-tv.de, Subel Bhandari und Zia Khan, dpa

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