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West-Irak droht in die Hände von Dschihadisten zu fallen Isis-Kämpfer bauen am Kalifatstaat

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Ein irakischer Polizist nach einem Bombenanschlag in Kirkuk am 7. Februar. Die staatlichen Sicherheitskräfte machen einen gefährlichen Job.

(Foto: AP)

Der Konflikt im Irak hat nie aufgehört. Er hat nur nicht mehr in den Medien stattgefunden. Dass islamistische Kämpfer nun auf dem besten Wege sind, in Teilen des Iraks einen totalitären Staat zu errichten, ändert diesen Zustand schlagartig.

Der Westen des Irak, eigentlich ein dünn besiedeltes Wüstengebiet, ist Schauplatz eines Kamp fes, der die Zukunft der ganzen Region beeinflussen wird. Zu allem entschlossene Dschihadisten haben zwei irakische Provinzstädte eingenommen. Der Errichtung eines totalitär-islamischen Staates sind sie inzwischen näher als kaum ein Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida zuvor. Wo die Gotteskrieger Boden gewinnen, hissen sie die berüchtigte schwarze Flagge, auf der in weißer Kalligrafie das muslimische Glaubensbekenntnis geschrieben steht: "Es gibt keinen Gott außer Gott und Muhammad ist sein Prophet."

Die Mission, in der sich die Kämpfer sehen, lässt sich bereits im Namen der Organisation ablesen: "Islamischer Staat im Irak und in Syrien", im Deutschen abgekürzt mit "Isis". In der arabischen Entsprechung wird dabei Syrien nicht mit dem offiziellen Staatsbezeichnung "Suriya" umschrieben, sondern mit der umgangssprachlichen Bezeichnung "Scham". Damit ist nicht nur das Syrien auf der Landkarte gemeint, sondern ein größeres Gebiet, das den Libanon, Teile der Türkei, Jordaniens und Palästinas umfasst. Die Pläne der Dschihadisten sind also groß. Indem sie moderne Staatsgrenzen ignorieren, sind sie letztlich nur konsequent, denn der heutige Irak, Syrien, der Libanon, Jordanien und Palästina sind Kunstgebilde, die erst nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches vor knapp 100 Jahren entstanden.

Maliki gilt als paranoid gegenüber Sunniten

Die Isis-Kämpfer - bis vor kurzem meist pauschal als Al-Kaida im Irak oder als Al-Kaida-nahe Kämpfer umschrieben - haben das Machtvakuum und das instabile politische System genutzt, dass die Amerikaner nach ihrem Abzug aus dem Irak vor zwei Jahren hinterlassen haben. Doch nicht nur das hat dazu geführt, dass das Szenario eines Kalifatsstaates im Nahen Osten Wirklichkeit werden könnte. Auch die komplizierte politische Gemengelage im Irak und ungeschicktes Verhalten des Ministerpräsidenten Nuri al-Maliki haben dazu beigetragen.

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Frauen und Kinder verlassen die Städte Falludscha und Ramadi, bevor die Kämpfe zwischen Islamisten, Bürgerwehren und der Armee zu heftig werden.

(Foto: REUTERS)

Dem schiitischen Regierungschef wird mitunter vorgehalten, er sei geradezu paranoid gegenüber den Sunniten, die im Land in der Minderheit sind, aber unter Saddam Hussein jahrzehntelang das Land beherrschten. Er soll deshalb die sunnitischen Bürgerwehren vernachlässigt haben, die die Amerikaner vor ihrem Abzug aufgebaut haben. Sie sollten eigentlich die gefährdeten Gebiete gegen die Al-Kaida-Leute verteidigen.

Als nun Falludscha in die Hände der Islamisten fiel, fiel das auch Maliki wieder ein. Er rief die Bürger dazu auf, die Isis-Kämpfer davonzujagen. Die Armee, die an sich gut ausgerüstet ist und nun auf weiteres schweres Gerät der Amerikaner hoffen darf, fühlt sich dem Kampf gegen Isis in Falludscha nicht gewachsen. Aus dem Verteidigungsministerium hieß es, es seien dabei zu viele zivile Opfer zu befürchten. Noch am Sonntag hatte die Regierung mit dem Sturm auf Falludscha gedroht.

Jetzt gibt es internen Ärger bei Al-Kaida

Der Bürgerkrieg in Syrien ist aus Sicht der Hardcore-Islamisten ein Glücksfall. Die dortige Staatsmacht von Präsident Baschar al-Assad verliert zusehends die Kontrolle über weite Teile des Landes und macht auch keine Anstalten, diese zurückzuerobern. Für Assad ist es wichtiger, ein Kernsyrien zu halten, das Damaskus, Aleppo und die Küste einschließt. So schlüpften die Isis-Kämpfer kurzerhand über die Grenze und eroberten bis heute so viel Terrain, dass die syrische Opposition inzwischen genauso gegen diese Islamisten mobil macht wie gegen das Assad-Regime.

Doch die Gruppen, die als Ableger von Al-Kaida gelten, haben sich im Gerangel um Geländegewinne in Syrien offenbar auch selbst schwer zerstritten. So ist in Syrien die ebenfalls Al-Kaida zugeordnete Nusra-Front aktiv. Diese gilt als brutal, die Isis aber als noch brutaler. Von oberster Al-Kaida-Ebene wurde der Chef von Isis, Abu Bakr al-Baghdadi, aufgefordert, sich auf den Irak zu konzentrieren. Doch das akzeptierte dieser nicht und verwies darauf, dass er allein Gott folge und nicht anderen Anführern.

Konflikte im Irak und in Syrien überlappen sich

Der "islamische Staat" befindet sich so noch im Anfangsstadium und in einem abgelegenen Gebiet, in dem ohnehin nur wenige Menschen leben. Er hat keine klaren Grenzen und er ist noch lange nicht fest etabliert. Doch möglicherweise wird im Westen des Iraks und im Osten Syriens gerade ein Szenario wahr, vor dem immer wieder in unterschiedlichen Kontexten gewarnt wurde, das im Nahen Osten aber nie greifbare Wirklichkeit geworden ist. In Afghanistan, in Somalia und Teilen Malis dagegen konnte man schon sehen, wie ein islamischer Staat aus Al-Kaida-Sicht aussehen soll. Wo die Isis Fuß gefasst hat, wurden Gerichte einberufen, die auf angebliches, wortwörtlich hergeleitetes koranisches Recht Bezug nehmen. Von Folterkellern ist die Rede und brutaler Einschüchterung der Bevölkerung. Das ist freilich kein Alleinstellungsmerkmal in der von Gewalt zerrütteten Region.

Der Konflikt im Irak hatte nie aufgehört. Er hatte nur aufgehört, in den westlichen Medien stattzufinden. Jede Woche explodieren Bomben in Bagdad, Kirkuk und anderswo. Jeden Monat sterben Dutzende oder Hunderte Menschen. Der vergangene Oktober war einer der blutigsten seit fünf Jahren, bei Anschlägen starben fast 1000 Menschen. Doch zu viele andere, allesamt schwer zu verstehende Ereignisse haben den Nahen Osten in den vergangenen Jahren und Monaten ereilt. Der Bürgerkrieg in Syrien und der Konflikt im Irak überlappen sich in großen Teilen. War vor einigen Jahren das Wort "Flächenbrand" noch eine etwas übertrieben wirkende und überstrapazierte Floskel, so könnte es jetzt allmählich den tatsächlichen Zustand der Länder zwischen Euphrat und Tigris, zwischen dem Mittelmeer und dem Persischen Golf beschreiben.

Quelle: n-tv.de

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