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Essensausgabe in Jordanien. Das Welternährungsprogramm hat kein Geld mehr, die Flüchtlinge aus Syrien angemessen zu versorgen.
Essensausgabe in Jordanien. Das Welternährungsprogramm hat kein Geld mehr, die Flüchtlinge aus Syrien angemessen zu versorgen.(Foto: REUTERS)
Dienstag, 30. September 2014

"Wir haben einfach kein Geld mehr": UN kürzen Nahrung für syrische Flüchtlinge

Von Christoph Herwartz

Das Welternährungsprogramm kann die Flüchtlingslager rund um Syrien nicht mehr ordentlich mit Lebenmitteln versorgen. Das könnte Kriminalität und neue Unruhen hervorrufen.

Elisabeth Rasmusson kann sehr freundlich lächeln, wenn sie eine Frage abwehren will. "Warum öffnet die Türkei die Grenze nicht, damit die UN die syrischen Kurden mit Lebensmitteln versorgen können?" Rasmusson möchte nicht antworten. Sie gehört zur Führung des Welternährungsprogramms (WFP), das weltweit gegen Hungersnöte ankämpft. In der Türkei werden 50.000 geflohene Kurden mit Nahrung versorgt. Die Lastwagen des WFP dürfen die Grenze nach Syrien nicht überqueren, obwohl auch dort Menschen hungern. Im Süden versperrt der Islamische Staat den Weg, im Norden lässt die Türkei niemanden über die Grenze. "Frau Rasmusson, warum lässt die Regierung Ihre Hilfskonvois nicht passieren?" Lächeln. "Das müssen Sie schon die türkische Regierung fragen." "Was sagt man Ihnen denn zur Begründung?" Lächeln, Schweigen. Rasmusson mag die türkische Regierung nicht kritisieren. Immerhin leistet sie viel für die Flüchtlinge.

Elisabeth Rasmusson im libanesischen Sidon.
Elisabeth Rasmusson im libanesischen Sidon.(Foto: WFP/Gawaher Atif)

Die geschlossene türkisch-syrische Grenze ist bei Weitem nicht das größte Problem, mit dem Rasmusson derzeit kämpft: Weil immer mehr Menschen auf Hilfe angewiesen sind und die Spenden langsam versiegen, wird das Geld knapp. 4,2 Millionen Menschen in Syrien hat das Programm im August erreicht. Wenn Rasmusson niemanden verhungern lassen möchte, muss sie jeden hungern lassen: Am 1. Oktober kürzt das WFP die Rationen um 40 Prozent.

Fünf Krisen der höchsten Kategorie

Rasmusson fürchtet in der Folge eine zunehmende Kriminalität und weniger Akzeptanz durch die Bevölkerung im Libanon und in Jordanien. Der Libanon könnte sogar destabilisiert werden.

Die Norwegerin ist nach Berlin gekommen, um die Bundesregierung um zusätzliche Spenden zu bitten. "Wir haben einfach kein Geld mehr", sagt sie. Wenn die Flüchtlinge in Syrien, in Jordanien, im Libanon und in der Türkei satt werden sollen, braucht das WFP zusätzliche 352 Millionen US-Dollar. Damit käme es bis Dezember hin. Wie die Situation im nächsten Jahr aussieht, weiß sowieso niemand.

Hilfeschrei nach Berlin

Das WFP ist in einer schwierigen Lage, weil es gleich fünf Krisen gibt, die als humanitäre Katastrophe in der höchsten Kategorie eingeordnet werden: die Kriege im Südsudan, in Syrien, in Zentralafrika, im Irak und der Ausbruch des Ebola-Virus.

Rasmusson war selbst vor Kurzem noch in den Flüchtlingslagern in Syrien und in den benachbarten Ländern. Sie stand selbst an der türkischen Grenze und kam nicht durch. Ihr Besuch in Berlin ein Hilfeschrei, auch wenn sie sehr nüchtern die Zahlen referiert.

Die meiste Unterstützung bekommen die syrischen Flüchtlinge von der Türkei. Rasmusson mag kein schlechtes Wort über das Land verlieren. Dass Ankara gleichzeitig durch seine geschlossene Grenze die Kurden einkesselt, kann sie nicht kritisieren. Die 70.000 kurdischen Flüchtlinge im Nordosten Syriens versorgt das WFP jetzt per Flugzeug von Damaskus aus – auch wenn das wesentlich teurer ist und das Geld an anderen Stellen fehlt.

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Quelle: n-tv.de