US-Wahl 2020

In der eigenen Show gefangen Trump - plötzlich nur noch Verlierer

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US-Präsident Trump - hier auf dem Weg zum Golfen - wird sich nach Lage der Dinge vom Weißen Haus verabschieden müssen.

(Foto: imago images/ZUMA Wire)

Alle reden vom zukünftigen US-Präsidenten Biden, aber Amtsinhaber Trump mauert. Er klagt und schmiedet zugleich Pläne für seine Rückkehr. So weit hätte es nicht kommen müssen.

Als sich Donald Trumps Niederlage am vergangenen Donnerstag abzeichnet, tritt der US-Präsident vor die Presse. Die Demokraten versuchten, ihm die Wahl zu stehlen, klagt er im Weißen Haus und zählt vermeintliche Unregelmäßigkeiten auf. Hochburgen des politischen Gegners, die ihn die Bundesstaaten Pennsylvania und Michigan gekostet haben, beschimpft er: "Philadelphia und Detroit sind als die korruptesten Orte im ganzen Land bekannt, sie können eine Präsidentschaftswahl unmöglich entscheiden."

Wenige Minuten danach verlässt er den Raum. Nachfragen gestattet er nicht. "Sind Sie ein schlechter Verlierer?", ruft ihm ein Journalist mehrfach hinterher: "Sind Sie ein schlechter Verlierer?"

Es ist nicht bekannt, ob Trump es tatsächlich nicht fassen kann oder nicht versteht, dass er verloren hat. Vielleicht lässt er die Bundesstaaten mit Klagen überziehen, um nicht sein Gesicht zu verlieren - vor sich selbst und seiner Basis, die es liebt, dass er nie aufgibt. Dass er ein Kämpfer ist. Einer, der jeden Morgen aufsteht, um zu gewinnen. So wie er es schon häufig getan hat in seinem Leben. Trump entging mehrfach denkbar knapp dem Bankrott, ließ Zeugen bedrohen, zahlte Schweigegelder, kam immer irgendwie durch.

Doch diese Geschichte des geborenen Gewinners, die er seit Jahrzehnten über sich selbst erzählt, ob in seinen Büchern, seinen Shows, in seiner zweifelhaften Schule für Geschäftsleute, diese Geschichte hat eine dramatische Wendung genommen. Es war nur der Anfang, dass mindestens 74 Millionen Amerikaner gegen ihn votierten. Trump muss diese Niederlage verarbeiten, die er diesmal nicht verstecken kann; auch nicht vor sich selbst. Spätestens wenn er das Weiße Haus verlassen muss, wird sich sein Leben deutlich verändern.

Eingemauert im Weißen Haus

Die Welt guckt derzeit minutiös zu, wie er mit dem Wahlergebnis umgeht. Seine Beschuldigungen, die pure Ignoranz der Realität, eine Machtdemonstration wie die plötzliche Entlassung des Verteidigungsministers Mark Esper, das sind die ersten seiner Reaktionen. Die üblichen wilden Tweet-Tiraden gehören schon zum Grundrauschen. Den Pentagonchef traf es laut US-Medien, weil der im Sommer gegenüber Trump darauf bestanden hatte, dass es keine gesetzliche Grundlage dafür gebe, das US-Militär gegen "Black Lives Matter"-Demonstranten auf die Straßen zu schicken. Esper sagte nun, wenn ein Ja-Sager seinen Posten erbe, "dann hilft nur noch Gott".

Es wird noch weitere Aktionen von Trump geben. Die Aufmerksamkeit wird ihm auch in Zukunft gewiss sein. Auf sein Altenteil zurückziehen wie andere Ex-Präsidenten dürfte er sich gewiss nicht. Bilder malen wie George W. Bush etwa. Oder den weisen Familienkomödianten geben wie Barack Obama. "Verlieren ist nie einfach, nein, für mich nicht", hatte Trump noch am Wahltag gesagt. Es war ein einzigartiger Moment, in dem er fast nahbar schien.

Ein erstes Zeichen, dass er sich selbst die Niederlage eingestehen könnte, sind Unterhaltungen, die er im Weißen Haus führt, eingemauert und von Demonstranten belagert. Trump erwägt, in vier Jahren wieder anzutreten, schreiben US-Medien. Bislang ist nur ein US-Präsident für eine zweite Amtszeit zurückgekehrt: der Demokrat Grover Cleveland, ein wirtschaftsfreundlicher Konservativer im 19. Jahrhundert, ganz nach dem Geschmack der Prä-Trump-Republikaner. Cleveland war so populär, dass sogar politische Gegner zu ihm überliefen. Das dürfte bei Trump schwierig werden, erhielt Biden doch vor allem so viel Unterstützung, weil er nicht sein Gegner war.

Fehlende Verhältnismäßigkeit

Trump ist für sein Dilemma, sich die Niederlage eingestehen zu müssen, ohne sein Image zu gefährden, selbst verantwortlich. Wenn Biden im Wahlkampf mehrfach sagte, er habe in seiner politischen Karriere schon Fehler gemacht, klang das menschlich und glaubhaft. Er verschafft sich damit auch Spielraum: Schaut her, ich versuche mein Bestes, aber ich bin fehlbar. Trump hingegen schafft es noch nicht einmal, seine eigene Leistung verständlich einzuordnen; er redet nur in Superlativen. Irgendwann geht auch den gutmütigsten Zuhörern die Verhältnismäßigkeit verloren.

Trump hat etwa unbestritten das längste Wirtschaftswachstum in der US-Geschichte mitzuverantworten, mit historisch niedrigen Arbeitslosenzahlen durch nahezu alle Bevölkerungsgruppen. Frühere erfolgreiche US-Präsidenten erfuhren bei wirtschaftlichem Aufschwung breite Unterstützung für eine Wiederwahl. Trump nicht. Er verpasste es vor der Pandemie, seine Wählerschaft auszubauen, blieb unberechenbar und in einem permanenten Angriffsmodus, der nur seine Basis bediente. Die Regierung machte selten den Eindruck, sie sei stabil. Trumps ständige Personalrochaden und persönliche Fehden vermittelten das Gefühl, trotz allen Erfolgs im Krisenmodus zu sein.

Als das Virus dann zuschlug, verpasste Trump die große Chance, sich als Präsident aller Amerikaner zu qualifizieren. Er handelte nicht der Ernsthaftigkeit der Lage entsprechend, ignorierte guten Rat und gab schlechten weiter. In seinem Wahn, jeden Tag immer gewinnen zu müssen, und in der Angst, "die Pest" könne ihm seine Erfolge wieder wegnehmen, ließ Trump wertvolle Wochen zur Bekämpfung des Coronavirus verstreichen. Dabei hatte sein Schwiegersohn und Berater Jared Kushner gemeinsam mit Experten schnell einen Notfallplan für die Bundesregierung ausgearbeitet. Aber er wurde nicht umgesetzt.

Es ist bitter für Trump. Die Umfragen hatten über Monate einen Erdrutschsieg für den Kontrahenten Joe Biden heranrollen sehen. Doch der Präsident gab nicht auf, er kämpfte mit allem, was er hatte. Trump bewarf Biden mit Schmutz, wie er nur konnte; aber nichts verfing so wirklich bei den wenigen unabhängigen Wählern, auch nicht der "Laptop aus der Hölle", der Bidens Verstrickungen mit Russland und China belegen sollte. Er aktivierte seine Wähler, trat bis zum letzten Tag permanent in Swing States auf und redete, höhnte, tanzte. Er kam einem Sieg viel näher, als viele geglaubt hatten. Doch es war nicht genug. Wisconsin ist weg, Michigan weg, Pennsylvania, Arizona. Sogar Georgia ist möglicherweise verloren.

Alle gucken zu

Jeder Bundesstaat organisiert seinen Wahlprozess so, wie er will. Wie Stimmen gezählt werden und bis wann - die Regierung in Washington hat das zu akzeptieren. Der Wahlprozess in den USA ist, wie er ist, ein zweifelhaftes, häufig diskriminierendes Durcheinander. Das fängt schon damit an, dass Menschen sich zunächst registrieren müssen. Sie können erst dabei behindert werden und dann noch einmal bei der Wahl selbst - mit kreativen Wahlkreiszuschnitten, fehlenden Wahllokalen, oder - wie diesmal - zum Teil sehr verzögerter Briefzustellung.

Die Wahlbeobachter der OSZE fanden jedoch "keine Manipulationen, keine Verfälschungen oder gar Betrug". Trump ist mit seinen Vorwürfen schlicht unglaubwürdig, dafür hat er selbst lange genug gesorgt. Es brauchte kaum eine Woche im Amt, da jonglierte seine Regierung schon mit "alternativen Fakten", um sein Ego zu streicheln. Trumps Wählerbasis hat es nicht so genau genommen, weil sie schlicht andere Prioritäten hat, oder es so hielt wie Mitarbeiter des Weißen Hauses: "Der Präsident empfindet das aber anders" war mehrfach zu hören, wenn sie mit Tatsachen konfrontiert wurden.

Die von Barack Obama geäußerte Hoffnung, das Amt werde seinen Nachfolger schon in die Spur setzen, verschwand schnell. Trump blieb Trump, er griff immer an. Genau deshalb hat er wohl verloren, und damit irgendwie auch gegen sich selbst. Das muss er nun akzeptieren.

Quelle: ntv.de