Politik

USA töten Al-Kaida-Chef in Kabul Al-Sawahiris Tod ist eine Warnung an die Taliban

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Aiman al-Sawahiri starb durch einen Drohnenangriff, als er auf den Balkon eines Hauses in Kabul trat.

(Foto: dpa)

Schon früh radikalisierte er sich, plante etliche Anschläge und wurde schließlich zum Nachfolger von Bin Laden. Doch unter Al-Sawahiri verlor Al-Kaida an Bedeutung. Sein Tod ist weniger ein bedeutender Schlag gegen den Terrorismus als ein deutliches Signal der USA an die Taliban.

Er ist bei weitem nicht so bekannt wie Osama bin Laden und stand in der öffentlichen Wahrnehmung oft in seinem Schatten. Doch Aiman al-Sawahiri, der am Samstag von den USA durch einen Drohnen-Schlag getötet wurde, war auch nicht einfach dessen Nachfolger an der Spitze von Al-Kaida. Er war keine Nummer zwei, sondern ein mindestens ebenso gefährlicher Terrorist, dessen Blutspur sich über mehrere Kontinente zieht. Und er war eine wichtige Figur in den islamistischen Terror-Netzwerken.

"Es wurde Gerechtigkeit geübt, und dieser Terroristenanführer lebt nicht mehr", sagte US-Präsident Joe Biden nach dem erfolgreichen Angriff. Al-Sawahiri sei der Drahtzieher von Anschlägen auf US-Amerikaner gewesen und habe eine Schlüsselrolle bei diversen Terrorangriffen gespielt. Es war nicht nur eine Anspielung auf die Anschläge vom 11. September 2001, sondern auch auf die Attacken auf die US-Botschaften in Daressalam und Nairobi 1998 sowie auf die USS Cole im Jahr 2000 im Jemen, für die Al-Sawahiris Terrorgruppe Al-Dschihad ("Heiliger Krieg") verantwortlich war.

Der 1951 geborene Ägypter hatte sich früh radikalisiert. Er war Mitglied der Muslimbruderschaft, führte Anfang der 70er-Jahre eine Terrorzelle mit Dutzenden Mitgliedern - während er gleichzeitig als Arzt praktizierte - und stieg schließlich zum Anführer von Al-Dschihad auf. Er terrorisierte die ägyptische Regierung, rekrutierte Anhänger und kämpfte mit den afghanischen Mudschahedin gegen die sowjetischen Invasoren - wo er erstmals Bin Laden traf.

Das Führungsduo von Al-Kaida

Auch wenn Al-Sawahiri in den 90er Jahren weiterhin eigene Pläne verfolgte und weltweit nach Unterstützern suchte, blieb er Bin Laden doch stets verbunden - nicht zuletzt, weil dieser erfolgreicher rekrutierte und über größere Geldreserven verfügte. So errichtete er mit Bin Laden im Sudan mehrere Terror-Trainingslager, zusammen gingen sie Ende der 90er nach Afghanistan, nachdem dort die Taliban die Macht errungen hatten. Unter dem Einfluss Bin Ladens nahm er auch zunehmend westliche, vor allem US-Ziele ins Visier.

Der Saudi-Araber und der Ägypter wurden zum Führungsduo von Al-Kaida, nach 9/11 traten sie zusammen in einem Video auf. In Schriften und Videobotschaften rechtfertigte Al-Sawahiri in den folgenden Jahren nicht nur den Massenmord vom 11. September, sondern auch weitere Terrorangriffe wie in London 2005 oder den islamistischen Kampf in Somalia. 2011 schließlich wurde Al-Sawahiri zum neuen Kopf Al-Kaidas, nachdem die USA in einer nächtlichen Kommandoaktion Bin Laden in Pakistan getötet hatten. Für die USA wurde er damit zum meistgesuchten internationalen Terroristen, mit einem Kopfgeld von 25 Millionen US-Dollar.

Doch Al-Sawahiri verlor zunehmend an Einfluss, die Anziehungskraft seines Vorgängers erreichte er nie. So löste sich 2013 die Terrorgruppe Islamischer Staat von Al-Kaida und gewann in den folgenden Jahren durch Gebietsgewinne in Syrien und im Irak an Größe und Macht. Viele junge Dschihadisten schlossen sich dem dynamischer wirkenden IS an, der auch nach dem Ende des eigenen Kalifats die bekannteste islamistische Terrororganisation blieb. Der IS wurde auch in Afghanistan aktiv, wo vor einem Jahr die westlichen Truppen endgültig abzogen und die islamistischen Taliban erneut die Macht übernehmen konnten.

Doch der Islamische Staat spielt am Hindukusch eine andere Rolle als die mit den Taliban verbündeten Al-Kaida. "Es gibt den örtlichen Ableger des Islamischen Staates, ISKP, der weiterhin bewaffnet gegen die Taliban kämpft, Anschläge verübt. ISKP würde gern den Staat übernehmen", sagte dazu Afghanistan-Experte Thomas Ruttig ntv.de. Daneben gebe es aber auch Al-Kaida und weitere militante Gruppen. "Die Taliban haben diese meiner Meinung nach aber relativ sicher im Griff", so Ruttig. "Sie haben auch kein Interesse, dass erneut von Afghanistan aus Anschläge ausgeführt werden, denn man will nicht erneut die internationale Aufmerksamkeit auf sich ziehen."

Taliban beherbergen doch Terroristen

Der Tod des 71-jährigen Terroristen ist daher auch weniger ein bedeutender Schlag gegen den internationalen Terrorismus, sondern vor allem als Warnung der USA an die neuen Herrscher in Kabul zu verstehen. Noch unter Präsident Donald Trump hatten sie mit der Taliban-Führung das Doha-Abkommen unterzeichnet. Darin verpflichtete sich Washington, alle eigenen Truppen abzuziehen. Die Taliban wiederum sagten nicht nur Friedensverhandlungen mit der damaligen Regierung zu - was durch die Machtübernahme im August 2021 obsolet wurde -, sondern auch, dass sie keine Terroristen beherbergen würden. Diese Vereinbarung zielte vor allem auf Al-Kaida ab.

Die Taliban mögen gegen den Präzisionsschlag protestieren, doch sie selbst waren es, die zuletzt immer wieder betont haben, Terroristen keinen Unterschlupf mehr gewähren zu wollen. Und die USA zeigen mit dem Tod Al-Sawahiris mitten in Kabul sehr deutlich, dass sie sich an Doha erinnern. Die Taliban hätten klar gegen Vereinbarungen mit den USA verstoßen, sagte auch eine US-Regierungsvertreterin. Und Mitglieder der Taliban-Führung hätten vom Aufenthaltsort des Al-Kaida-Chefs gewusst. Überraschend ist das nicht: Er starb in einem Haus im ehemaligen Diplomatenviertel, das laut "New York Times" zum Immobilienbesitz von Siradschuddin Haqqani gehört, einem Warlord und Innenminister der Taliban-Übergangsregierung. Auch andere Taliban-Größen leben in der Gegend, darunter der Premier der Übergangsregierung und dessen Stellvertreter. Undenkbar, dass sich Al-Sawahiri hier hätte verstecken können.

Seit Monaten haben die USA laut eigenen Angaben die Attacke auf Al-Sawahiri vorbereitet. Das heißt auch, dass sie ihm erst auf die Spur kamen, nachdem die Taliban wieder an der Macht waren. Davor soll er sich im Grenzgebiet zu Pakistan versteckt gehalten haben. Gut möglich, dass der Al-Kaida-Chef sich nach dem Machtwechsel wieder sicher fühlte. Er habe wieder mehr Zeit mit seiner Familie verbringen wollen, die in besagtes Haus zog, heißt es. Vielleicht dachte er an die Zeit zurück, als er sich zusammen mit Bin Laden frei in Afghanistan bewegen konnte, bevor die Taliban nach 9/11 gestürzt wurden.

"Egal, wie lange es dauert, egal, wo ihr euch versteckt: Wenn ihr eine Bedrohung für unser Volk seid, werden die Vereinigten Staaten euch finden und euch ausschalten", sagte nun Präsident Biden. Er kann vor den wichtigen Zwischenwahlen im Herbst einen längst überfälligen Erfolg im Kampf gegen den Terror verbuchen, der wohl auch den chaotischen Abzug vor einem Jahr überdecken soll. Doch der Tod Al-Sawahiris kann nicht davon ablenken, dass Al-Kaida unter dem 71-Jährigen an Bedeutung verloren hat und von anderen Terrororganisationen derzeit eine größere Gefahr ausgeht.

(Dieser Artikel wurde am Dienstag, 02. August 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de

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