Politik

Jung, freundlich, offen - radikal? Was über den Axt-Attentäter bekannt ist

Ein junger Afghane schickt sich an, in Bayerns Provinz eine Musterintegration hinzulegen: Pflegefamilie, Sportverein, Praktikum. Doch dann steigt er in einen Zug und verletzt mit Axt und Messer mehrere Menschen. Was treibt den jungen Flüchtling dazu?

Mit dem Axt-Angriff von Würzburg erreicht der Terror Deutschland. Nach und nach werden Details über den Attentäter bekannt, einige Fakten sind noch unklar. Das wissen wir bisher:

Fest steht, dass der junge Mann am 30. Juni 2015 über Passau in die Bundesrepublik Deutschland eingereist ist. Er gibt an, Riaz Khan Ahmadzai zu heißen, 16 Jahre alt zu sein und aus Afghanistan zu stammen. Inzwischen gibt es jedoch Zweifel an Herkunft und Alter des Attentäters. Die Terrororganisation IS, die die Tat rasch für sich reklamierte, feierte den Anschlag eines Muhammad Riyadh – verwendet also einen anderen Namen als den, unter dem der Attentäter eingereist ist.

Laut ZDF fanden die Ermittler ein pakistanisches Dokument in seinem Zimmer. Das ZDF hat zudem ein später vom IS verbreitetes Video, das den jungen Mann zeigt, von einem Sprachexperten analysieren lassen. Der Mann spricht zwar Pashtu, eine in Afghanistan gebräuchliche Sprache. Sie wird aber auch in Pakistan gesprochen. Der Jugendliche bediene sich einer eindeutig pakistanischen Aussprache und verwende pakistanische Varianten verschiedener Begriffe, heißt es.

Denkbar scheint, dass Riaz Khan Ahmadzai – so soll er an dieser Stelle der Einfachheit halber weiter heißen – bei seiner Einreise im Sommer 2015 eine afghanische Identität nur vorgespiegelt hat, um seine Bleibechancen zu erhöhen. Die sogenannte Schutzquote, also der Anteil derer aus einem bestimmten Land, die entweder Asyl bekommen, als Flüchtlinge anerkannt werden oder aus anderen Gründen zumindest geduldet werden, lag 2015 bei Afghanen deutlich über der von Pakistanern.

Ein netter, unauffälliger Flüchtling

Gut dokumentiert ist der weitere Werdegang Ahmadzais: Nach seiner Ankunft gilt er qua Alter als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling, dem daher eine besondere Zuwendung der Behörden zuteil wird. Am 16. Dezember 2015 beantragt er Asyl, am 31. März 2016 erhält er eine Aufenthaltsgenehmigung. Seit März ist er auch in der Region, in der er später seine Tat verübt. Er wird zunächst mit 15 anderen Jugendlichen in einem kirchlichen Kolpingheim in Ochsenfurt untergebracht. Bayerns Sozialministerin Emilia Müller sagt, in der Einrichtung sei er "intensiv betreut worden". Die "Süddeutsche Zeitung" berichtet, Leiter und Mitarbeiter der Einrichtung wollten sich nicht zu Ahmadzai äußern.

Später kommt Ahmadzai in eine Pflegefamilie. Sie lebt auf einem Bauernhof in einem kleinen Ort in der Nähe von Ochsenfurt, der 2500-Einwohner-Gemeinde Gaukönigshofen. Die Familie, die sich sehr in der Flüchtlingshilfe engagiert, umfasst Vater und Mutter sowie zwei leibliche Kinder, die noch zu Hause wohnen. Die "Süddeutsche Zeitung" beschreibt den Wohnort als "fränkisches Idyll". Und auch sonst scheint das Leben Ahmadzais in den vergangenen Monaten in einer geordneten Bahn zu verlaufen.

In Ochsenfurt erfährt er Unterstützung eines Helferkreises für Flüchtlinge. Dort wird er als "sympathisch, offen und freundlich" beschrieben. Ahmadzai unternimmt erste Integrationsbemühungen. Er lernt Deutsch und spielt Fußball in einem örtlichen Sportverein. Zuletzt machte er ein Praktikum in einer Bäckerei und hatte sogar eine Lehrstelle in Aussicht. Es gibt Bilder, die ihn zeigen sollen, auf denen er mit einer rosa Perücke abgebildet ist und ihn beim Faschingfeiern zeigen. Strafrechtlich tritt Ahmadzai nicht in Erscheinung.

Viele Telefonate vor der Tat

Er besucht regelmäßig die Islamische Gemeinschaft in Würzburg. Als gläubiger Sunnit soll er täglich gebetet haben – für einen Jugendlichen aus Afghanistan nichts Ungewöhnliches. Nichts deutete auf einen radikal-islamischen Hintergrund hin. Dass er, wie später herauskommt, eine IS-Flagge auf seinen College-Block gemalt hatte, fällt den Pflegeeltern nicht auf. Vermutlich ist die Skizze recht jung.

Die Ermittler glauben daher, dass er eine sogenannte "Turboradikalisierung" hinter sich hat. Der Wandel zum Attentäter, so der leitende Oberstaatsanwalt Erik Ohlenschlager, habe lediglich ein oder zwei Tagen gedauert. Als junger, alleinreisender Flüchtling plagt ihn das Heimweh. Die "Bild"-Zeitung berichtet, er habe bei Facebook geschrieben: "Ich liebe dich Mama. Ich kann alles vergessen, aber dich nicht. Ich vermisse dich Mama." Als 17-Jähriger fern der Heimat – das ist eine psychische Ausnahmesituation, die ein Nährboden für verführerische Ideologien sein kann.

Zumal, wenn, wie im Fall Ahmadzai offenbar geschehen, ein heftiger Schicksalsschlag eintritt. Ihn ereilt die Nachricht, dass ein enger Freund in Afghanistan ums Leben gekommen sei. Über die Umstände des Todes ist nichts bekannt. Die Ermittler glauben jedoch, Ahmadzai habe sich mit seiner Tat "an den Ungläubigen rächen wollen", für das, was sie dem Freund angetan haben. Die Ermittler geben an, in der Zeit nach der Todesnachricht habe Ahmadzai viel telefoniert. Mit wem, ist unbekannt. Womöglich liegt in diesen Gesprächen der Schlüssel zur Erklärung seiner Radikalisierung.

IS reklamiert die Tat für sich

Am Abend des 18. Juli steigt Ahmadzai, vermutlich in Ochsenfurt, in den Regionalzug. Offenbar packt er in der Zugtoilette Messer und Axt aus und beginnt mit seiner grausamen Tat. Zeugen zufolge soll er dabei "Allahu Akbar" rufen. Die Wahl der Opfer scheint willkürlich, er verletzt in dem Zug vier Menschen – eine Familie aus Hongkong. Als der Zug auf den Gleisen zum Stehen kommt, flieht Ahmadzai, verletzt auf der Flucht eine weitere Frau. Schließlich stellt ihn ein Spezialeinsatzkommando und erschießt ihn.

Später beginnt die Aufarbeitung der Tat. In Ahmadzais Zimmer wird der College-Block mit der IS-Flagge gefunden. Er enthält eine Art Abschiedsbrief, der laut Ermittlern als ein "Abschiedstext an den Vater" interpretiert werden könne. Darin heißt es: "Und jetzt bete für mich, dass ich mich an diesen Ungläubigen rächen kann, und dass ich in den Himmel komme."

Noch nicht zweifelsfrei geklärt ist, ob und in welcher Form Ahmadzai Kontakt zum IS hatte. Das Dschihadisten-Portal Amaq meldet recht rasch unter Berufung auf eine "Quelle aus dem Sicherheitsbereich", der Axt-Attentäter sei "Kämpfer des IS" gewesen. Amaq ist jedoch selbst nicht Teil des IS, sondern steht der Terrorgruppe lediglich nahe. Nichts deutet darauf hin, dass Amaq oder der IS mehr über den Täter wissen als das, was in den Medien berichtet wird.

Auch das Video, das Amaq am Nachmittag des 19. Juli veröffentlicht, klärt die Verbindungen Ahmadzais zum IS nicht zweifelsfrei. Es zeigt den jungen Mann, der sich als "Kämpfer des Kalifats" bezeichnet und sagt, er sei zu einer "Märtyrer-Attacke in Deutschland" entschlossen. Er zeigt ein Messer in die Kamera und sagt: "Ich werde euch mit diesem Messer abschlachten, und ich werde eure Hälse mit Äxten abschlagen.". Ob er damit im Auftrag oder nur im Sinne des IS handelt, bleibt ebenso offen wie die Frage, wie Amaq an das Video gekommen ist. Bundesinnenminister Thomas De Maizière spricht jedenfalls von einem Einzeltäter, der sich vom IS "angestachelt" gefühlt habe. Der Fall liege "vielleicht auch im Grenzgebiet zwischen Amoklauf und Terror".

Quelle: n-tv.de

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