Politik

Symbol des Kapitol-Sturms Was wurde eigentlich aus dem "Büffelmann"?

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Mit Büffelhörnern wurde Jacob Chansley zum Symbol des Kapitol-Sturms. Hier steht er am 6. Januar 2021 in einem Flur vor der Senatskammer.

(Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

Als am 6. Januar vor einem Jahr Hunderte Menschen das US-Kapitol stürmen, sticht er heraus: Jacob Chansley trägt eine Fellmütze mit Büffelhörnern, seinen nackten Oberkörper zieren Tattoos, er wirbt für den "QAnon"-Verschwörungsmythos. Doch was wurde aus dem Trump-Anhänger?

Er wurde zum Gesicht des Kapitol-Sturms. Nicht, weil er schon zuvor besonders bekannt war oder zu den Wortführern gehörte, die den US-Parlamentssitz besetzten. Es war die Aufmachung, die Jacob Chansley (alias Jake Angeli) hervorhob. Als er am 6. Januar 2021 auf den Fluren des Kapitols steht, trägt er eine Fellmütze mit großen Bisonhörnern und Kojotenfell, zwei buschige Schwänze hängen an den Seiten herunter. Er hat zudem eine beige Hose mit Fransen an.

Auf seinem freien Oberkörper sind großflächige Tattoos mit Motiven aus der nordischen Mythologie zu sehen. Das Gesicht ist rot, weiß und blau bemalt, in Anlehnung an die US-Flagge. Diese trägt er auch noch in der Hand - befestigt an einem Speer -, dazu ein Megafon. Auf einigen Bildern hält er ein Schild mit der Aufschrift "Q SENT ME!".

Wer die dramatischen Stunden des Sturms auf das Kapitol verfolgt hat, dem prägte sich diese Gestalt in besonderer Weise ein. "Büffelmann" wird sie genannt, "QAnon-Schamane" oder auch "Hörnermann". Bilder von Chansley gehen in den folgenden Tagen um die Welt, garnieren Nachrichtenartikel und Titelseiten. Doch wer ist dieser Mann und was passierte mit ihm nach diesem Ereignis, das die USA erschüttert hat und bis heute beschäftigt?

Der 1987 geborene Chansley stammt aus Arizona. Zwei Jahre diente er in der Navy, aus der er aber laut einem US-Medienbericht geworfen wurde, weil er eine Impfung verweigerte. Schon vor der Corona-Pandemie hängt er Verschwörungsmythen wie "QAnon" an und verbreitet sie weiter. Auch jenes Outfit, mit dem er bekannt wird, trägt er da schon - nach eigenen Angaben, um Aufmerksamkeit zu erregen. Später protestiert er gegen die Corona-Maßnahmen der US-Regierung und den Wahlsieg des Demokraten Joe Biden über Amtsinhaber Donald Trump.

Einer der Ersten, die das Kapitol betreten

"QAnon"

Der Verschwörungsmythos hat sich seit dem Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump rasant verbreitet. Er soll auf eine Person mit dem Pseudonym Q zurückgehen. Behauptet wird etwa, dass eine weltweite, satanistische Elite Kinder entführt, foltert, missbraucht und ermordet, um aus dem Blut ein Verjüngungsserum zu gewinnen. Sie soll zudem planen, die USA in eine Diktatur zu verwandeln. Trump gilt als Retter, der diese Elite bekämpft. Der Mythos hat einen rechtsextremen Hintergrund und sich zum Erkennungsmerkmal radikaler Trump-Anhänger entwickelt.

Auch dem Kapitol-Sturm geht ein von Trump-Anhängern initiierter Protest gegen angebliche Wahlmanipulationen voraus. Der abgewählte Präsident behauptet bis heute, die Wahl sei "gestohlen" und er nur durch Betrug aus dem Amt gedrängt worden. Der Protest am 6. Januar 2021, als Bidens Wahlsieg im Kongress final bestätigt werden sollte, steht unter dem Motto "Save America March" - und Trump ruft alle Patrioten auf, zu kommen. In seiner Rede vor Tausenden Anhängern - darunter auch rechtsextreme, bewaffnete Milizen - spricht Trump davon, dass es "wild" zugehen werde. Er ruft dazu auf, zum Kapitol zu gehen und "unser Land zurückzuerobern".

Hunderte Anhänger des abgewählten Präsidenten stürmen wenig später das Kapitol, sie überwinden Absperrungen und Sicherheitskräfte und dringen gewaltsam in das Gebäude ein. Unter ihnen ist auch Chansley, der nach Angaben der Justiz zu den ersten 30 Angreifern gehört. Videos zeigen, wie er eintritt, nachdem Scheiben zerschlagen wurden. Er selbst behautet später, er sei zunächst am Zutritt gehindert, später aber mit anderen von der Polizei eingelassen worden. Er gehört zu jenen, die den Senatsflügel des Kapitols betreten, und wird vor dem Stuhl des Senatsvorsitzenden, damals Vizepräsident Mike Pence, fotografiert. Andere Fotos zeigen ihn mit weiteren Eindringlingen auf einem Flur vor der Senatskammer, wo sie einem Sicherheitsbeamten gegenüberstehen. Später verlässt Chansley das Gebäude unbehelligt und fährt zurück nach Arizona.

Doch der Auftritt hat juristische Folgen. Zwei Tage nach dem Kapitol-Sturm lobt das FBI 1000 US-Dollar für Informationen zu Chansley und anderen Beteiligten aus - am Ende stehen mehr als 700 Anklagen. Am 9. Januar stellt sich der "Büffelmann" in einem FBI-Büro in Phoenix in Arizona und wird angeklagt. Ihm wird vorgeworfen, sich gewalttätig und unangemessen verhalten sowie ein abgesperrtes Gebäude betreten zu haben. Der Anwalt Chansleys argumentiert dagegen, sein Mandant sei nur wegen der Einladung Trumps an alle Patrioten in Washington gewesen und habe sich nicht gewalttätig verhalten. Der noch amtierende Präsident solle ihn deshalb begnadigen - was nicht passiert.

Laut Anwalt von "QAnon" losgesagt

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Im Gefängnis erstritt sich Chansley gerichtlich die Verpflegung mit Bio-Lebensmitteln.

(Foto: via REUTERS)

Später äußert Chansley mehrmals seine Enttäuschung über Trump. Dieser habe "viele friedliche Leute fallen gelassen" und sei nicht ehrenhaft, heißt es in einem Statement. In einem Interview bereut Chansley zudem, das Gebäude betreten zu haben, auch wenn er darin nichts Falsches sieht, weil er von Polizisten eingelassen worden sei. Seine Loyalität zu Trump bereut er in dem Interview nicht. Eine psychologische Untersuchung des FBI ergibt nach Angaben des Anwalts mehrere psychische Erkrankungen, darunter vorübergehende Schizophrenie, bipolare Störung, Depressionen und eine Angststörung. Der Verteidiger sagt zudem, Chansley habe sich inzwischen vom "QAnon"-Mythos losgesagt.

Die Justiz bewertet Chansleys Verhalten aber anders, es sei weder friedlich noch harmlos gewesen. Der Speer, den er bei sich trug, wird als gefährliche Waffe eingeordnet. In dem psychologischen Gutachten sieht ein Richter keinen Grund zur Entlassung: Chansley sei fähig, sich dem Urteil zu stellen. Schließlich einigen sich Verteidigung und Staatsanwaltschaft auf einen Deal. Am 3. September bekennt sich Chansley in einem Anklagepunkt schuldig - der Behinderung der während des Sturms stattfindenden Stimmauszählung im Kongress. Zudem stimmt der Angeklagte dem von der Staatsanwaltschaft empfohlenen Strafmaß von 41 bis 51 Monaten Gefängnis zu. Theoretisch wäre ein Strafmaß von bis zu 20 Jahren möglich gewesen.

Das Urteil fällt wenige Tage später, am 17. November: eine Haftstrafe von 41 Monaten, anschließend drei Jahren Bewährung sowie eine Entschädigungszahlung von 2000 Dollar - es ist eines der höchsten, wenn auch nicht das härteste Urteil gegen am Kapitol-Sturm Beteiligte. In der Begründung heißt es, Chansley habe sich selbst zum Inbegriff des Aufruhrs gemacht. Mit neuem Anwaltsteam, darunter der Verteidiger von Kyle Rittenhouse, will Chansley allerdings in Berufung gehen. Eine finale Entscheidung darüber steht noch aus.

Doch Chansleys Beteiligung am Kapitol-Sturm hat nicht nur juristische Folgen. Seine herausstechende Erscheinung wird auch in der Popkultur aufgegriffen. Mehrere Serien, darunter "South Park", zitieren die auffällige Gestalt mit Fellmütze und Büffelhörnern. Er ist und bleibt wohl das Gesicht des Kapitol-Sturms.

Quelle: ntv.de

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