Politik

Ein Wahlergebnis ohne Antworten Wenn Parteien trotzdem feiern

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"Team Kretschmer" feiert das Wahlergebnis als Erfolg.

(Foto: REUTERS)

Die CDU bleibt in Sachsen stärkste Kraft. Die SPD rutscht ab, siegt aber doch irgendwie. Und die AfD feiert heimlich. Eindrücke von den Wahlpartys der Gewinner und Verlierer.

Im Restaurant auf dem Dach des Landtags in Dresden ist es voll und stickig. Verhaltenes Gemurmel der CDU-Mitglieder erfüllt den Raum. Eine Gruppe vor allem junger Wahlkampfhelfer formiert sich hinter dem sitzenden ersten Ministerpräsidenten Sachsens, Kurt Biedenkopf, mittlerweile 89 Jahre alt. Alle Mitglieder des jungen Wahlkampfteams tragen über ihren Hemden und Krawatten T-Shirts mit der Aufschrift "Team Kretschmer" und einem Herz. "Wir sind guter Dinge und enorm gespannt", sagt Felix Theuerkauf aus dem Team des sächsischen Ministerpräsidenten. Trotzdem wirkt die junge Gruppe angespannt. Vielleicht, weil die CDU in Sachsen seit der Wende niemals so bangen musste.

18 Uhr, plötzlich verstummt das Gemurmel. Die Hochrechnung. Der Balken der CDU wächst auf den Fernsehbildschirmen auf 32 Prozent. Frenetischer Jubel setzt ein. Die Hochrechnungen der anderen Parteien sind nicht mehr zu verstehen. "Team Kretschmer" klatscht gegenseitig ab, es wird gehüpft und sich in die Arme gefallen. Sie sind stärkste Kraft, und das sei eines der Hauptziele gewesen, wird da einem Kamerateam zugerufen. Dann versuchen alle schnell zum Eingang des Restaurants zu kommen, denn Michael Kretschmer, Spitzenkandidat der CDU und amtierender Ministerpräsident, wird die Party gleich betreten, sie wollen ihn begrüßen.

Zehn Minuten später steht er auf der Bühne. Kretschmer sieht abgekämpft aus, aber erleichtert. "Das freundliche Sachsen hat gewonnen. Das ist ein wirklich guter Tag für unser Land". Dass die CDU vor der AfD liegt, war lange nicht sicher. Jetzt, ein Unterschied von 4,5 Prozentpunkten. Für eine CDU, die erheblich Wähler verloren hat, trotzdem ein Erfolg. Die Linke wird laut der ersten Hochrechnung drittstärkste Kraft, mit 10,5 Prozent, danach folgen die Grünen, mit 9 Prozent, die SPD mit 8 Prozent und die FDP mit 4,8 Prozent.

SPD schlecht, aber cool

Im Gegensatz zur FDP wird die SPD im sächsischen Landtag zwar wieder vertreten sein, trotzdem ist die erste Hochrechnung ein herber Rückschlag. Als die Balken auf der Leinwand zu wachsen beginnen, sei es auf der Wahlparty der Sozialdemokraten im benachbarten Herbert-Wehner-Haus still gewesen, berichten Reporterkollegen. Die Mitglieder wirken gefasst, sie hatten das erwartet. Nur als das Ergebnis der FDP angezeigt wird, verbreitet sich leichte Freude. Dass die Liberalen keine Sitze im Landesparlament bekommen, bedeutet, dass eine Koalition aus CDU, Grünen und FDP nicht möglich ist. So eröffnet sich eine kleine Chance für die Sozialdemokraten.

Doch bevor ernsthaft über die Zukunft gesprochen wird, betritt Martin Dulig, der Spitzenkandidat und derzeitige Wirtschaftsminister die Bühne und versucht es mit Galgenhumor: "Wir haben das schlechteste Wahlergebnis. Wir sind aber der coolste Landesverband." Die Masse jubelt. Martin Dulig schafft es wieder, mit der Parole, den Kopf jetzt nicht in den Sand zu stecken, die sächsischen SPD-Mitglieder zu motivieren.

Ohnehin kommt die Veranstaltung der SPD einer richtigen Party am nächsten. Draußen steht ein Foodtruck, es gibt einen großen Grill, Pavillons stehen auf dem Hof, Kinder spielen neben ihren Eltern. Den Kopf lassen nur die wenigsten hängen, denn irgendwie sei es auch ein Erfolg, sagt Kay Dramert, stellvertretender Bürgermeister des sächsischen Ortes Hainichen. "Es ging darum, dass keine rechten Kräfte das Land erobern." Andere haben sogar noch Hoffnung, denn natürlich ist die Hochrechnung 18 Uhr nur die Veröffentlichung der ersten Zahlen, noch nicht das Endergebnis. Vielleicht bekommt die SPD noch ein paar Sitze mehr.

AfD verlegt Party auf die "Gräfin Cosel"

Henning Homann, Generalsekretär der sächsischen SPD hingegen, fängt gleich an zu analysieren. Für ihn werden die Sozialdemokraten im Freistaat "von der Bundes-SPD nach unten gezogen", außerdem geht er davon aus, dass viele Stimmberechtigte strategisch die CDU gewählt haben, um die AfD als stärkste Kraft zu verhindern. Darüber, ob eine Kenia-Koalition, also ein Bündnis aus CDU, SPD und Grünen die Zukunft der sächsischen Sozialdemokratie sein könnte, will er allerdings noch nicht sprechen. Denn allzu klar seien die Zahlen da noch nicht, eventuell könnten die Christdemokraten auch noch alleine mit den Grünen koalieren.

Kretschmer würde mit den Grünen alleine aber vielleicht gar nicht regieren wollen. Immerhin sagte er erst vor kurzem auf einem Wahlforum, dass er mit den Grünen nicht wolle, aber es vielleicht müsse, wenn zu viele Menschen AfD wählen. Laut der ersten Hochrechnung kann sich der Ministerpräsident seinen Partner aussuchen. Die AfD, so seine klare Aussage, wird das aber nicht sein. Doch wird er sein Wort wirklich halten? "Mal sehen", sagen die SPD-Mitglieder. Nur wenn sich die CDU uns unterordnet, sagt die AfD.

Kollegen berichten, wie die AfD ihren Wahlerfolg nach der ersten Hochrechnung minutenlang beklatschte. AfD-Chef Jörg Urban zeigte sich zufrieden. Ihm selbst wurde für seine "großartigen" Leistungen gedankt. Trotzdem zog er sich nach seinem Bühnenauftritt sehr schnell zurück. Er wies einige Journalisten am Fahrstuhl ab und verschwand schnell in selbigem. Vielleicht, weil er weiß, dass eine Regierungsbeteiligung relativ unrealistisch ist? Eher aber, weil er zügig zur eigentlichen Wahlparty der Rechtspopulisten wollte. Die fand nämlich auf einem Dampfer statt, der "Gräfin Cosel", die ankerte ganz in der Nähe des sächsischen Landtags. Im Landtag hatte sich die AfD den großen Raum nur geben lassen, um kurz öffentlich jubeln zu können.

Dementsprechend schnell leerte sich der Saal nach der ersten Hochrechnung auch. AfD-EU-Parlamentarier Jörg Meuthen blieb allerdings länger und machte auch klar, dass die AfD aus der Opposition wirkungsvoller sein könnte. Ob Jörg Urban das auch so sieht? Vielleicht haben die beiden das auf der "Gräfin Cosel" diskutiert. Das Schiff ist übrigens benannt nach der bekanntesten Mätresse Augusts des Starken. Allerdings blieb diese Fahrt Journalisten verwehrt. Beim Feiern wollte die sächsische AfD niemanden dabei haben.

Quelle: n-tv.de

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