Politik
2000 Beschäftigte aus dem Gesundheitswesen haben an einer Umfrage für den Gesundheitsatlas 2017 teilgenommen.
2000 Beschäftigte aus dem Gesundheitswesen haben an einer Umfrage für den Gesundheitsatlas 2017 teilgenommen.(Foto: picture alliance / Oliver Berg/d)
Mittwoch, 05. Juli 2017

Gesundheitsatlas warnt : Wenn Pfleger zu Pflegefällen werden

Von Theresa Ebert

Viele Überstunden, kaum Pausen und niedrige Löhne - Menschen, die andere gesund pflegen, leiden in vielen Fällen selbst unter einem schlechten Gesundheitszustand.

Der neue Gesundheitsatlas 2017 des Dachverbands der Betriebskrankenkassen (BKK) ist veröffentlicht worden und beschäftigt sich mit den Beschäftigten des Gesundheitswesens. Jeder Zehnte in Deutschland arbeitet in dieser Branche, das sind 3,2 Millionen sozialversicherungspflichtig beschäftigte Menschen. Ungefähr die Hälfte von ihnen arbeitet als Kranken- oder Altenpfleger. Ständiger Zeitdruck, körperliche Belastung, viele Überstunden, befristete Arbeitsverhältnisse und vor allem niedrige Löhne belasten die Angestellten. Eine Umfrage unter Beschäftigten zeigt, wie ernst die Lage, und wie groß der Handlungsbedarf ist. Die schwierige Situation lässt sich in mehreren Bereichen beobachten:

Personalnot

Gesundheitsatlas

Der BKK Dachverband vertritt 78 Betriebskrankenkassen und vier BKK Landesverbände. Die politische Interessenvertretung der betrieblichen Krankenversicherungen veröffentlicht jährlich einen Gesundheitsreport und alle zwei Jahre einen Gesundheitsatlas.Thematisiert werden relevante aktuelle gesundheitliche Tendenzen in Deutschland. Der vorherige BKK Gesundheitsatlas 2015 mit Blickpunkt Psyche fokussierte sich vor allem auf psychische Erkrankungen wie Depressionen und dem Burn-out-Syndrom.

Studien zufolge ist in Deutschland eine Pflegefachkraft pro Schicht für 13 Patienten verantwortlich. In der Nachtschicht muss eine Fachkraft sogar durchschnittlich 26 Patienten betreuen, auf einigen der Stationen sollen es sogar mehr als 40 Patienten sein. Das ist aber bisher alles erlaubt in Deutschland. Denn es bestehen noch keine gesetzlichen Vorgaben für die Personalausstattung in der Pflege. Verdi fordert deshalb eine neue Regelung, denn die Lage sei ernst.

"Die permanente Unterbesetzung wird bei kommerziellen Unternehmen bewusst einkalkuliert", bemängelt Sylvia Bühler, Mitglied des Verdi-Bundesvorstandes. Die Personalnot würde nicht nur die Angestellten selbst, sondern auch die Versorgung der Patienten gefährden. Denn auch die zu Betreuenden bekommen die Unterbesetzung, den Stress der Angestellten und die Überforderung zu spüren.

Arbeitsfähigkeit

Ein Teil der Umfrage beschäftigt sich mit der Einschätzung der Angestellten zu der Qualität ihrer Arbeit. Demnach bewerten mehr als 40 Prozent der Kranken- sowie der Altenpfleger ihre Arbeitsfähigkeit als schlecht. Im Vergleich aller Berufstätigen in Deutschland ist das überdurchschnittlich viel. 23,5 Prozent aller Beschäftigten bewerten ihre Arbeit als mäßig oder schlecht.

Krankheitstage

(Foto: BKK Gesundheitsatlas)

In einer bundesweiten Befragung von Angestellten im Gesundheitswesen stellt sich heraus, dass die psychische und auch physische Belastung durch die Arbeit überdurchschnittlich häufig zu Erkrankungen führt. Das hat hohe Arzneimittelverordnungen, Arbeitsunfähigkeitsgeschehen und ambulante und stationäre Versorgungen zur Folge.

Im Durchschnitt sind Beschäftigte in Deutschland im Jahr 16 Tage krank gemeldet, Angestellte in Pflegeberufen fehlen 8 Tage mehr. Die Ausfallzeiten wegen psychischer Störungen sind sowohl in der Gesundheits- und Krankenpflege als auch in der Altenpflege besonders hoch. Weibliche Pflegekräfte melden sich besonders häufig wegen Muskel-Skelett-Krankheiten arbeitsunfähig. Altenpflegerinnen fallen wegen den physischen Krankheiten doppelt so oft aus wie angestellte Frauen im Durchschnitt.

Menschen, die in Pflegeberufen arbeiten, befinden sich überdurchschnittlich oft aufgrund psychischer Diagnosen im Krankenhaus. Die Anzahl an Krankenhaustagen ist um 55 Prozent größer als im Durchschnitt. Auffallend ist: Männer aus Pflegeberufen wurden häufiger wegen psychischen Störungen stationär behandelt als Frauen. Dabei gibt es jedoch starke regionale Unterschiede: Bei angestellten Pflegern im Saarland ist die Zahl der Tage in stationärer Behandlung besonders hoch, in Sachsen ist sie rund ein Drittel niedriger.

Betriebliche Gesundheitsförderung

Für die Befragten spielt die Gesundheitsförderung innerhalb der Einrichtungen eine große Rolle. Für 9 von 10 der befragten Angestellten aus dem Gesundheitssektor ist diese Förderung wichtig oder sehr wichtig. In der Altenpflege ist hier noch Ausbaubedarf. Demnach soll es noch immer in vielen Einrichtungen der Altenpflege keine Gesundheitsförderung geben.

Löhne

Besonders in der Altenpflege ist die Vergütung für die körperlich und psychisch belastende Arbeit sehr niedrig. Im Osten beträgt das durchschnittliche Brutto-Gehalt einer Altenpflegefachkraft in Vollzeit 1945 Euro, im Westen 2548 Euro. In der Krankenpflege liegt die Vergütung etwa 21 Prozent höher als in der Altenpflege und ist damit trotzdem weit unter dem Durchschnittsgehalt aller Branchen. Dieses liegt bei 3462 Euro. Ein Problem sind auch die Verträge vieler Beschäftigter in der Branche. Jeder dritte Altenpfleger hat ein befristetes Arbeitsverhältnis, im Schnitt aller Berufstätigen sind es nur 14,6 Prozent. "Die Gefahr, später unter Altersarmut zu leiden, ist bei Angestellten im Gesundheitswesen sehr hoch", sagt Verdi-Vorstandsmitglied Bühler.

Verdi will die Arbeitsbedingungen für Beschäftigte in Pflegeberufen verbessern und auch tarifvertraglich regeln. "Für die gute Versorgung der Kranken und Pflegebedürftigen hat die Politik die Verantwortung", sagt Bühler.

Quelle: n-tv.de