Politik

Litwinenko-Witwe über Nawalny "Wer die Wahrheit sucht, lebt gefährlich"

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Alexej Nawalny liegt in der Berliner Charité im Koma.

(Foto: AP)

Der russische Präsident Putin hat Angst vor Alexej Nawalny, sagt die Witwe des Ex-KGB-Spions Alexander Litwinenko im Interview mit ntv. Ihr Mann wurde 2006 in Großbritannien ermordet. "Russland ist unter diesem Regime kein demokratisches Land."

n-tv.de: Was haben Sie gedacht, als Sie das erste Mal von Alexej Nawalnys Vergiftung gehört haben?

Marina Litwinenko: Ich war vollkommen schockiert. Alexej Nawalny hatte ja schon lange Probleme mit den politischen Kreisen in Russland, es gab schon mehrere Anschläge auf ihn. Aber dass jemand tatsächlich versuchen würde, ihn umzubringen, das hätte niemand für möglich gehalten.

Haben Sie sofort Parallelen zum Mord an Ihrem Mann, dem ehemaligen KGB-Spion Alexander Litwinenko, gesehen?

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Marina Litwinenko im Gespräch mit Liv von Boetticher.

Auch wenn es mir nicht gefallen hat, habe ich die Parallelen sofort gesehen. Es sieht schon sehr ähnlich aus. Obwohl mein Mann und Alexej Nawalny einen sehr unterschiedlichen Hintergrund haben, hatten sie ein gemeinsames Ziel: den Menschen die Wahrheit zu erzählen. Mein Mann war ein Agent des Geheimdienstes. Er sagte, dass der Geheimdienst die Menschen nicht schützt, sondern dass die Menschen vor dem Geheimdienst geschützt werden müssen. Aber das wollte ihm niemand glauben. Das Gleiche ist auch Alexej Nawalny passiert, als er über Korruption und die Verbrechen sprechen wollte. Er wollte den Menschen die Wahrheit erzählen, wie das moderne Russland aussieht.

Wie geht man als Ehefrau damit um, wenn der eigene Mann vergiftet wird?

Ich verstehe, dass Julia Nawalnaja [die Ehefrau von Alexej Nawalny] im Moment keine Interviews gibt. In so einem Moment konzentriert man sich in erster Linie auf seinen Ehemann, auf seinen Nächsten. Man will ihm all seine Energie geben, damit er überlebt. Mein Mann hatte mich damals darum gebeten, Interviews zu geben, den Menschen zu erzählen, was uns zugestoßen war. Er wollte, dass ich der Welt erkläre, warum man ihn töten wollte. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich aber noch, dass Sascha überleben würde und dass er eines Tages selbst darüber sprechen könnte; dabei wollte ich ihn unterstützen. Als er dann starb und ich die ganzen Lügen und Kommentare in der russischen Presse las, habe ich beschlossen, über alles zu sprechen.

Was haben Sie gedacht, als Sie realisierten, dass es sich bei dem Anschlag auf Ihren Mann höchstwahrscheinlich um eine staatlich veranlasste Vergiftung handelt?

Ich war vollkommen schockiert! Wir waren doch nur Individuen! Wie sollten wir es mit dieser riesigen Staatsmaschine der russischen Propaganda aufnehmen?

Was braucht die russische Opposition?

Zunächst braucht die russische Opposition Unterstützung. Wir wissen, dass zum jetzigen Zeitpunkt kaum Chancen bestehen, dass ein Oppositioneller wie Alexej Nawalny tatsächlich gewählt wird und systemrelevant wird. Wladimir Putin sagt ja auch immer, er wüsste nicht mal, mit wem aus der Opposition er sprechen sollte, denn es gebe ja niemanden, der wirklich relevant ist. Die Oppositionsparteien, die im russischen Parlament vertreten sind, sind keine wirkliche Opposition, denn sie tun genau das, was Wladimir Putin von ihnen erwartet. Das Wichtigste ist, dass Oppositionelle wie Alexej Nawalny von westlichen Staatschefs akzeptiert werden.

Wie bewerten Sie denn das Statement von Bundeskanzlerin Merkel zum Fall Nawalny?

Das war sehr wichtig. Als 2006 mein Mann vergiftet wurde, stand England ziemlich allein da. Es gab lediglich eine Stimme, die der britischen Regierung, die sagte, dass Russland mit diesem Verbrechen zu tun habe. 2018, als die Skripals in Salisbury vergiftet wurden, hat die internationale Gemeinschaft schon reagiert und gesagt, dass Russland bei der Tat involviert war. Und jetzt, da Angela Merkel, die wir als eine sehr diplomatische und geduldige Staatschefin kennen - besonders in Bezug auf Wladimir Putin, der immer versucht hat, eine gute Beziehung zu ihr zu haben - jetzt die Verantwortung so klar zu weist, sieht es so aus, als ob genug endlich genug ist.

Welche Lehre sollte man ziehen?

Wir müssen akzeptieren, dass man zu Russland keine normale Beziehung haben kann, wie zu einem anderen demokratischen Land. Was soll noch passieren? Soll es zu einem weiteren Georgien kommen? Einer weiteren Ukraine? Soll etwas in den baltischen Staaten passieren? Russland ist unter diesem Regime kein demokratisches Land.

Wie viele Mitstreiter Ihres Mannes sind inzwischen auf unnatürliche Art und Weise gestorben?

Sobald es Menschen gibt, die die Wahrheit verfolgen, wird es gefährlich für sie. Sie könnten getötet werden oder sterben plötzlich durch einen Unfall. 2003 starb beispielsweise der berühmte russische Journalist und Freund meines Mannes, Juri Schtschekotschichin, als er rund um die Bombenattentate in Apartmenthäusern im Jahr 1999 recherchierte. Er wurde vergiftet; es wurde aber nie ermittelt, welches Gift es genau war. Oder Wladimir Kara-Mursa, auf ihn fand schon zwei Mal ein Giftanschlag statt. Die Journalistin Anna Politkowskaja, eine sehr enge Freundin meines Mannes, wurde 2006 erschossen. Davor hatte man bereits versucht, sie zu vergiften.

Nach dem Tod Ihres Mannes gab es eine groß angelegte Untersuchung und alle Hinweise führten nach Russland. Aber Russland stritt jede Mittäterschaft und Mitwisserschaft ab. Glauben Sie, dass der Fall Nawalny jemals gelöst werden kann?

Als mein Mann ermordet wurde, fand die Tat in Großbritannien statt. Alle Untersuchungen, alle Recherchen, wurden von den dortigen Behörden genauestens durchgeführt. Das Gleiche sollte nun auch mit dem Giftanschlag auf Alexej Nawalny geschehen - aber das Verbrechen fand in Russland statt.

Richtig. Aber alle Hinweise führten damals ja nach Russland. Und jetzt wieder.

Wladimir Putin wurde vom KGB als Spion ausgebildet. Als solcher verbrachte er ja auch seine Zeit hier in Deutschland, in Dresden [von 1985 bis 1990]. Als ich vor einigen Jahren in Washington im Spionage-Museum war, gab es da ein T-Shirt zu kaufen, da stand drauf "Deny anything", also "streite alles ab". Ich glaube, das ist Putins Motto: einfach immer alles abstreiten. Selbst wenn man ihm etwas Schwarzes zeigt, würde er sagen, es ist weiß. Darauf zu warten, dass Putin Ermittlungen zulässt, ist hoffnungslos. Warten Sie bitte nicht darauf.

Glauben Sie, Putin wusste von der Vergiftung von Alexej Nawalny?

Natürlich. Ohne jeden Zweifel. Absolut. Er hat vor Alexej Nawalny richtig Angst, er hat seinen Namen nicht mal in den Mund genommen. Er hat von "diesem Mann" oder "diesem Oppositionellen" geredet. Hätte er ihn beim Namen genannt, hätte er ihm erst richtig Profil gegeben.

Mit Marina Litwinenko sprach Liv von Boetticher

Quelle: ntv.de