Politik
Eines der Fahndungsfotos, mit dem Anis Amri gesucht wird.
Eines der Fahndungsfotos, mit dem Anis Amri gesucht wird.(Foto: AP)
Donnerstag, 22. Dezember 2016

Lebenslauf eines Straftäters: Wer ist Anis Amri?

Von Kira Pieper

In Tunesien wird Anis Amri zum ersten Mal straffällig. Doch mit seiner Ausreise entzieht er sich einer Verhaftung. Auch später entgleitet er den Behörden immer wieder – aufgrund von Gesetzeslücken.

Anis Amri gilt als dringend Tatverdächtiger hinter dem Attentat von Berlin. Am Mittwoch veröffentlichte die Bundesanwaltschaft einen europaweiten Fahndungsaufruf. Mittlerweile sind 100.000 Euro Belohnung auf ihn ausgesetzt.

Video

Laut Fahndungsaufruf wurde Amri am 22. Dezember 1992 geboren. Er ist nun also 24 Jahre alt. Er ist 1,78 Meter groß, wiegt circa 75 Kilogramm und hat schwarze Haare und braune Augen. Er gilt als gewalttätig und kriminell.

Amris Familie lebt in der Stadt Oueslatia im Zentrum von Tunesien - nicht weit von der heiligen islamischen Stadt Kairouan, die zeitweise als eine Hochburg des Salafismus galt. In seiner Heimat wurde er nach Angaben aus tunesischen Sicherheitskreisen mehrmals als Drogenkonsument festgenommen. Seitdem er das Haus verlassen hat, hatte er einem Bericht der Zeitung "Al-Chourouk" zufolge keinen regelmäßigen Kontakt zu seiner Familie. Bei seinem Auszug von zu Hause muss Amri 17 oder 18 Jahre alt gewesen sein.

Bruder: Anis verdient "jede Strafe"

Bilderserie

Anis Amris Bruder Abdelkader erzählte der "Bild"-Zeitung, dass er das letzte Mal vor zwei Wochen mit seinem Bruder Kontakt hatte. Mehrere Medien berichten, dass er seinen Bruder aufforderte, sich zu stellen. "Ich kann nicht glauben, dass er das Verbrechen begangen hat." Sollte sich wider Erwarten doch herausstellen, dass sein Bruder für den Anschlag verantwortlich sei, verdiene er "jede Strafe", fügte er hinzu.

Die Karriere des Straftäters Amri begann wohl 2010. Seinerzeit stahl er in Tunesien einen Lastwagen. Ungefähr zur gleichen Zeit muss er sein Heimatland verlassen haben. Denn er wurde in Abwesenheit zu fünf Jahren Haft verurteilt.

2011 kam er – laut Nachrichtenagentur Ansa – auf der Insel Lampedusa als Bootsflüchtling nach Italien. Dort wurde er in einem Auffanglager auf Sizilien untergebracht. Anis Amri behauptete damals, minderjährig zu sein, er war jedoch bereits 19 Jahre alt. Laut Ansa zündete er mit anderen Flüchtlingen das Auffanglager an. Und auch der Brand in einer Schule wird ihm zur Last gelegt.

Verurteilung wegen Brandstiftung, Körperverletzung und Diebstahl

Wie die "Welt" aus italienischen Regierungsquellen erfuhr, wurde er 2011 im Ort Belpasso nahe der sizilianischen Hauptstadt Catania verhaftet. In Palermo wurde er schließlich wegen Brandstiftung, Körperverletzung und Diebstahl zu vier Jahren Haft verurteilt. Seine Strafe verbüßte er in Catania und Palermo. Sein Bruder vermutet, dass Anis Amri dort radikalisiert worden sein könnte. Mithäftlinge sollen ihn seinerzeit bereits als gewalttätig beschrieben haben.

Video

Im Mai 2015 wurde er entlassen und zur Abschiebung nach Caltanissetta verlegt. Doch die Italiener mussten Amri nur wenige Wochen später laufen lassen. Denn: Schon damals erkannte Tunesien Anis Amri nicht an. Er nutzte die Gesetzeslücke und reiste nach Deutschland weiter.

Dort kam er nach den Worten von Nordrhein-Westfalens Innenminister Jäger im Juli 2015 an und hielt sich dann in Baden-Württemberg, Berlin, Nordrhein-Westfalen und schließlich ab Februar dieses Jahres wieder hauptsächlich in Berlin auf.

In Deutschland gab sich Amri laut "Spiegel" als politisch verfolgter Ägypter aus. Weil er aber kaum Angaben zu Ägypten machen konnte, wurde sein Asylantrag innerhalb weniger Wochen als "offensichtlich unbegründet" abgelehnt.

Amri bot sich als Selbstmordattentäter an

Gleichzeitig geriet der junge Tunesier offenbar rasch ins Visier der Ermittler. Laut Jäger wurde Amri von mehreren Sicherheitsbehörden als "Gefährder" eingestuft, weil er Kontakte zur radikalislamischen Szene unterhielt. Der "Süddeutschen Zeitung" zufolge gehörte dazu der Hildesheimer Hassprediger Abu Walaa, der im November gemeinsam mit vier weiteren mutmaßlichen Mitgliedern eines IS-Rekrutierungszentrums festgenommen wurde.

Dem "Spiegel" zufolge soll sich Amri schon vor Monaten als Selbstmordattentäter angeboten haben. Auch habe er sich erkundigt, wie er sich Waffen beschaffen könne. Gegen Amri wurde monatelang wegen des Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Straftat ermittelt, die Berliner Justiz observierte ihn von März bis September. Es bestand der Verdacht, dass er einen Einbruch plante, um Geld für den Kauf automatischer Waffen zu beschaffen - nach Angaben der Berliner Staatsanwaltschaft "möglicherweise, um damit später mit noch zu gewinnenden Mittätern einen Anschlag zu begehen".

Die monatelange Überwachung brachte nach Angaben der Behörden jedoch keine Hinweise, so dass sie im September schließlich eingestellt wurde. Während der Zeit der Observierung fiel Amri offenbar als Kleindealer auf.

Amris Abschiebung scheiterte offenbar an bürokratischen Hindernissen, die auch in Italien schon bestanden hatten: Der 24-Jährige hatte keine gültigen Ausweispapiere. Und die Behörden seines Heimatlandes bestritten, dass er Tunesier war. Ein Verfahren zur Ausstellung eines Ersatzpasses zog sich seit August hin. Am Mittwoch übermittelten die tunesischen Behörden die Papiere schließlich - zwei Tage nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt.

Quelle: n-tv.de