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Wer steckt hinter dem Putsch? Fethullah Gülen, Erdogans Erzfeind

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Lebt in den USA, ist in der Türkei aber immer noch einflussreich: Fethullah Gülen.

(Foto: AP)

Nach dem gescheiterten Putschversuch reagiert der türkische Präsident Recep Erdogan mit aller Härte. Im Visier hat er einen Mann, der früher mal ein Verbündeter war: den populären Prediger Fethullah Gülen.

Es war Freitagnacht um kurz nach ein Uhr türkischer Zeit. Und Recep Tayyip Erdogan gab ein etwas ungewöhnliches Interview. Über eine Video-App war er dem Nachrichtensender CNN Türk per Smartphone zugeschaltet. Der Putschversuch der Militärs war noch in vollem Gange. Doch der türkische Staatspräsident verkündete bereits etwas, als sei es eine bewiesene Tatsache. Fethullah Gülen sei für den Putschversuch verantwortlich gewesen.

Der Aufstand der türkischen Soldaten war noch nicht niedergeschlagen, da hatte Erdogan den Sündenbock schon gefunden. Dass er Gülen als Initiator ausgemacht hat, überrascht nicht. Der Präsident sieht in dem Prediger seit Jahren einen seiner gefährlichsten Widersacher. Die beiden Männer verbindet ein besonderes und wechselhaftes Verhältnis.

Gülen, der 1941 in der osttürkischen Stadt Pasinler geboren wurde, war bis in die 80er Jahre Imam. Auch durch die Veröffentlichung von mehr als 60 Büchern erlangt er große Popularität. Gülen befürwortet die Säkularisierung, bekannt ist sein Satz "Baut Schulen, nicht Moscheen". Er begründet die Hizmet-Bewegung, die ihren Schwerpunkt in der Verbesserung von Bildungschancen sieht.

Gülens Anhänger gründen hunderte Schulen in mehr als 100 Ländern, Universitäten, Krankenhäuser, Wohlfahrts- und Medienorganisationen. 1999 verlässt er die Türkei, Auslöser ist eine Anklage wegen staatsgefährdender Umtriebe und dem Vorwurf, das Land in einen islamischen Staat verwandeln zu wollen. Er wird freigesprochen. Mit Erdogan verbindet Gülen lange ein gutes Verhältnis. Die beiden sind verbündet, die Beziehungen zwischen dem Prediger und der islamisch-konservativen AKP eng. Gülens Anhänger besetzen wichtige Ämter im Staat, er verfügt über ein großes Netzwerk und viel Einfluss. Zu viel?

Die "Phantom-Bedrohung"

2013 kommt es zum Zerwürfnis. Gülen kritisiert Erdogans Niederschlagung der friedlichen Proteste im Istanbuler Gezi-Park. Erdogan reagiert und verkündet, den Großteil der Hizmet-Schulen schließen zu wollen. Als die Justiz Korruptionsermittlungen gegen Personen aus Erdogans Umfeld einleitet, wittert der einen Komplott durch Gülen. Diesem wirft er vor, Parallelstrukturen errichten und ihn stürzen zu wollen. Erdogan, damals noch Ministerpräsident, lässt Gülen-Anhänger festnehmen. Polizisten, Staatsanwälte und Richter mit Verbindungen zu der Bewegung werden entlassen oder versetzt, Gülens Medien unter staatliche Kontrolle gestellt.

Gülen weist die Vorwürfe zurück. Erdogan versuche den Menschen Angst "vor einer nicht vorhandenen Phantom-Bedrohung" zu machen, sagt er im Januar 2014 in seinem ersten TV-Interview seit 16 Jahren in seiner neuen Heimat. Gülen lebt in einem Anwesen in Saylorsburg im US-Ostküstenstaat Pennsylvania, von wo er regelmäßig Videoansprachen für seine Anhänger verschickt.

Zu Hause in der Türkei wird er in dieser Zeit zum Staatsfeind Nummer eins. Im Dezember 2014 nehmen die Behörden den Chefredakteur einer Gülen-nahen Zeitung wegen Terrorverdacht fest. Im Februar 2015 erlassen sie einen Haftbefehl gegen den Exil-Türken. Die Behörden übernehmen die Asya Bank, die in enger Verbindung zu Gülen stehen soll. Mangelnde Transparenz in der Gesellschafterstruktur lautet die offizielle Begründung.

Gülen beleidigt

Im Januar 2016 beginnt der Prozess gegen Gülen, der nicht anwesend ist. Die Anklage fordert lebenslange Haft für den Mann, der den türkischen Staat unterwandert haben soll. Im Mai wird Gülens Bewegung zur Terrororganisation erklärt, seine Anhänger stehen bei den türkischen Behörden auf der Liste der meistgesuchten Personen. Egal ob bei Protesten oder Anschlägen - Gülens Name ist immer einer der ersten, der als potenzieller Drahtzieher genannt wird. Auch in jener Putschnacht vom 15. auf den 16. Juli. Daraufhin lässt Erdogan mehr als 100 Richter und Staatsanwälte festnehmen. Ihnen wird unter anderem vorgeworfen, Anhänger Gülens zu sein.

Dieser dementiert die Vorwürfe, hinter dem Aufstand zu stehen. Die Behauptung sei "besonders beleidigend", er verurteile den Putsch "auf das Schärfste", erklärt er in Saylorsburg. Der 75-Jährige ist gesundheitlich angeschlagen. Vor einem Interview, das er gibt, lässt er sich vor Reporter den Blutdruck messen. Möglicherweise habe Erdogan den Putsch selbst organisiert, sagt er der "New York Times". Der Türkei-Forscher Yasar Aydin sagt im Gespräch mit n-tv.de. "Dass Gülen dahintersteckt, halte ich für unwahrscheinlich." Es könne jedoch sein, dass die Verantwortlichen gehofft hätten, dass Gülen-Sympathisanten mitmachten. Andere Experten schließen eine Beteiligung Gülens aus und verweisen darauf, dass dieser in Militärkreisen unbeliebt gewesen sei.

Die Türkei fordert nun Gülens Auslieferung. Am Samstagabend sagt Erdogan vor Anhängern: Wenn die USA und die Türkei strategische Partner seien, müsse Präsident Barack Obama handeln. Jedes Land, das auf Gülens Seite stehe, werde man als Land betrachten, mit dem sich die Türkei im Krieg befinde, sagt Ministerpräsident Binali Yildirim.

Ob die USA dem Drängen nachgeben? Außenminister John Kerry signalisierte Bereitschaft, die Ermittlungen zu unterstützen. Der Fall sei zu prüfen, wenn die Türkei Beweise vorlegten. Offiziell wurde noch kein Ersuchen um Auslieferung gestellt. Angesichts des Tempos, mit dem Erdogan nach dem Putsch Konsequenzen zieht und gegen seine Gegner vorgeht, dürfte dies jedoch nicht mehr allzu lange dauern.

Quelle: n-tv.de

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