Politik

Buchvorstellung in Berlin Westerwelle: "So fühlt sich das Sterben an"

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Guido Westerwelle bei der Vorstellung seines Buches "Zwischen zwei Leben" in Berlin, links im Bild sein Arzt Michael Hallek

(Foto: REUTERS)

Guido Westerwelle hat ein Buch geschrieben, über seinen Kampf gegen den Krebs. Bei der Vorstellung erzählt er über das Zusammensein mit den Mitpatienten, goldene Regeln und Lehren. Über ein Thema will er nicht reden.

Es ist ein kleines Familientreffen: Fernsehjournalistin Sabine Christiansen, die FDP-Politiker Dirk Niebel, Silvana Koch-Mehrin und Christian Lindner sowie die Politikberaterin und Publizistin Gertrud Höhler. Handschütteln, Umarmungen, Küsschen links und rechts. "Ich bin hier nicht Chef, ich bin hier nur Freund", sagt Lindner. Kurz darauf ist der FDP-Chef schon wieder weg, er muss den Freiheitskonvent der FDP eröffnen. Um 11 Uhr liegt eine ehrfurchtsvolle Ruhe über dem Saal im ersten Stock des Berliner Ensembles. "Das ist doch keine Gedenkfeier", flüstert eine Frau.

Dann betritt Westerwelle den Raum. Er lächelt gequält, läuft etwas geduckt und wirkt noch schmaler als früher. Auf dem Weg zur Bühne winkt er einigen Gästen und klopft sich mit der Hand aufs Herz. "Mir geht es eigentlich ganz gut", sagt der Mann, der einmal Außenminister war. "Ich hatte bessere Phasen, aber auch sehr viele schlechtere." Sein Nuscheln bittet er zu entschuldigen, er habe mit einer Abstoßungsreaktion zu kämpfen. Doch Mitleid will er nicht, deshalb schiebt er hinterher. "Vor einem Jahr hätte ich mir diesen Zustand herbeigesehnt."

Es ist erst zwei Jahre her, da flog die FDP aus dem Bundestag, der Liberale verlor sein Ministeramt. Am 1. Januar 2014 spürte er beim Joggen auf Mallorca einen Schmerz im Knie. Monate später wollte er sich operieren lassen. "Mit Ihrem Blut stimmt etwas nicht", teilten ihm die Ärzte mit. Am 17. Juni 2014 erhielt Westerwelle die Diagnose: myeloische Leukämie, Blutkrebs. Am selben Tag begann er zu schreiben. Er wollte nichts vergessen, schrieb er in sein Tagebuch, "Erinnerungen an mich selbst und an das, was von mir übrig bleiben würde". Das Ergebnis ist das Buch "Zwischen zwei Leben", das Westerwelle mit dem Journalisten Dominik Wichmann verfasst hat. Auf 236 Seiten erzählt der Politiker darin von seinem Kampf gegen den Krebs. Westerwelle will "anderen Mut machen und Kraft geben", der 53-Jährige muss kurz schlucken, als er sagt, "bei vielen reicht es nicht".

"Ich habe ja auch mal auf den Pudding gehauen"

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Westerwelle mit seinem Co-Autor Dominik Wichmann

(Foto: picture alliance / dpa)

Im Gespräch mit Moderatorin Dunja Hayali erinnert er sich an die emotionale Nähe der Mitpatienten, an "die Schicksalsgemeinschaft" auf der Station für Knochenmarktransplantationen des Kölner Uniklinikums. 14 kleine Zimmer mit medizinischen Apparaturen, in denen es "pausenlos piepte und ratterte", alle Patienten angeleint. Manchmal sah Westerwelle Mitpatienten tagelang nicht und wusste nicht, was los ist. "Die Goldene Regel lautet: Jeder kämpft ums Überleben. Da zieht man sich nicht runter und erzählt nicht, was schlimm läuft. Man muss immer das Beste sehen." Sein Arzt Michael Hallek, der Direktor der Klinik, sitzt neben Westerwelles Lebensgefährten Michael Mronz in der ersten Reihe und nickt. Er empfahl vor der Chemotheraphie das Symbolbild der Weltumsegelung. Der Arzt war dabei der Kapitän und Westerwelle der Reeder. "Das Schiff ist Ihr Leben", habe Hallek damals zu ihm gesagt.

Westerwelle erzählt auch von den Infusionen nach der Transplantation. Zwei habe er fabelhaft weggesteckt, bei der dritten habe sein Körper allergisch reagiert. "Das war wie ein Delirium. Ich habe Schüttelfrost bekommen, der ganze Körper war unkontrolliert. Sie stürzen in sich zusammen. Ich habe gedacht: So fühlt sich das Sterben an. Das ist der Tod." An machen Tagen habe er sich nach dem Aufwachen gefühlt, als sei er ein auf dem Rücken liegender Käfer - ganz wie in Kafkas "Verwandlung".

Der Westerwelle, der auf der Bühne von seinem Kampf erzählt, ist ein anderer als früher. "Ich habe ja auch mal auf den Pudding gehauen", sagt er. Aber der Mann, der ein Machtmensch war, mit dem Guidomobil Wahlkampf gemacht und ins "Big Brother"-Haus eingezogen ist, ist kein Provokateur und Krawall-Mensch mehr. Der neue Westerwelle spricht leiser als der alte, bedächtig wägt er seine Worte ab, es kostet ihn Kraft. Redegewandt ist er aber immer noch.

"Wenden Sie sich Angehörigen zu"

Inzwischen hat Westerwelle den Krebs besiegt, die Transplantation von Stammzellen war erfolgreich. "Die Strahlen haben mein Knochenmark und damit einen nicht unwesentlichen Teil meines Ichs zerstört", schreibt er in dem Buch. Angst? Er habe aufgehört, sich mit der Zeit nach dem Tod zu beschäftigen. Westerwelle sagt: "Ich will nicht nur überleben, sondern leben." Er will in die Oper gehen, lesen, Freunde treffen, sich nicht mehr verstecken müssen. So qualvoll die zurückliegenden eineinhalb Jahre für ihn auch waren: Er begreift sie auch als Lehre. Er habe sich Fragen stellen müssen: "Was hast du aus deinem Leben gemacht? Worüber hast du dich damals nur aufgeregt? Das kann ich allen Gesunden nur sagen."

In der ersten Reihe erhebt sich Patricia Espinosa die frühere Außenministerin Mexikos. "Als Mensch sind Sie ein Vorbild", sagt sie mit Tränen in den Augen. Westerwelle bedankt sich gerührt. Er habe viel Zuspruch erfahren, auch von politischen Gegnern. Die Krankheit trenne Wichtiges von Unwichtigem und versöhne. "Wenden Sie sich Angehörigen hin und zu, die brauchen das", rät er. Ob er Pläne habe, will eine Zuschauerin wissen. Westerwelle antwortet: "Ich will mein Leben zurückerobern, das ist mein einziger Plan.

Nur über ein Thema will er an diesem Tag nicht sprechen. Über Politik und die FDP. Er habe zu allen ein gutes Verhältnis, aber er wolle keine tages- und parteipolitischen Aussagen machen. "Für mich ist das weit weg. Das ist so lange her."

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Quelle: ntv.de