Politik

Merkels "Wir schaffen das!" Wie ein Satz zur Provokation wurde

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Eine klare Botschaft an die Kanzlerin - gesehen in Rambin auf der Insel Rügen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Im Sommer 2015 sagt Kanzlerin Angela Merkel einen Satz, der die Moral der Deutschen stärken soll - und wird dafür zunächst auch im Ausland gefeiert. Doch der Wind dreht sich schnell. Drei Jahre später ist "Wir schaffen das" ein Synonym für Spaltung geworden. n-tv.de verfolgt die Genese des Satzes vom Ursprung bis heute - und zeigt, dass Merkel keineswegs die Erste war, die ihn gesagt hat.

Samstag, 22. August 2015

Im Internet taucht ein Video des SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel auf, in dem er sich zur Flüchtlingspolitik äußert. "Frieden, Menschlichkeit, Solidarität, Gerechtigkeit, das zählt zu den europäischen Werten", sagt er in dem Clip. "Jetzt müssen wir sie unter Beweis stellen. Ich bin sicher: Wir schaffen das."

Sonntag, 30. August 2015

Gemeinsam mit 99 anderen Prominenten spricht sich Wolfgang Schäuble in der Zeitung "Bild am Sonntag" für die Aufnahme von Flüchtlingen aus. Und er sagt diesen Satz: "Ich bin überzeugt: Wir schaffen das."

Montag, 31. August 2015

Bei ihrer jährlichen politischen Bilanzpressekonferenz beschreibt Merkel die Ankunft der vermuteten 800.000 Flüchtlinge als "eine große nationale Aufgabe". Den Deutschen will sie Mut machen. "Wir schaffen das", sagt sie, "und wo uns etwas im Wege steht, muss es überwunden werden."

Mittwoch, 7. Oktober 2015

Bei einer Demonstration im thüringischen Erfurt nimmt der Brandenburgische AfD-Landesvorsitzende Alexander Gauland den Satz der Kanzlerin auseinander. Vor etwa 8000 Anhängern sagt er: "Wir wollen das gar nicht schaffen!" Merkel fordert er indes zum Rücktritt auf. Die Menge jubelt.

Donnerstag, 8. Oktober 2015

Merkel erhält für ihren Kurs in der Flüchtlingspolitik Unterstützung aus den Reihen von SPD- und CDU-geführten Bundesländern. Alles, was die Kanzlerin gesagt habe, sei richtig und könne nur unterstützt werden, erklärt Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig von der SPD. "Wir schaffen das auch."

Donnerstag, 3. Dezember 2015

EU-Ratspräsident Donald Tusk plädiert für eine stärkere Sicherung der EU-Außengrenzen. Bislang sei es zu leicht, nach Europa zu gelangen. Lediglich die Fingerabrücke abzunehmen, reiche nicht aus. Diese Praxis führe auch zu einem Sicherheitsrisiko. Auf die Frage, ob das überhaupt zu bewältigen sei, antwortet der Pole auf Deutsch: "Wir schaffen das."

Montag. 14. Dezember 2015

Auf dem CDU-Parteitag in Karlsruhe verteidigt Merkel ihren Satz. "Ich kann das sagen, weil es zur Identität unseres Landes gehört, Größtes zu leisten." Trotz des Ansturms von Hunderttausenden Schutzsuchenden dürfe das Land seine Grenzen nicht schließen, sagt sie. "Abschottung im 21. Jahrhundert ist keine vernünftige Option."

Freitag, 29. Januar 2016

Schriftsteller Martin Walser verteidigt Merkel und ihren mittlerweile umstrittenen Satz. "Es ist doch klar, wir haben doch gar keine andere Möglichkeit mehr, als es zu schaffen", sagt er dem "Focus".

Mittwoch, 24. Februar 2016

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble von der CDU fordert, den Flüchtlingsandrang stark zu drosseln. "Die Flüchtlingszahlen müssen dramatisch sinken", sagt er, "sonst schaffen wir das nicht mehr."

Freitag, 8. Juli 2016

Die Bundesregierung bewirbt ihre Integrationspolitik mit einem neuen Slogan: "Deutschland kann das." Das hört sich zwar stark nach "Wir schaffen das" an, deutet aber schon eine erste Distanzierung an. Auf der Website werden die Kernelemente des neuen Integrationsgesetzes erklärt. Außerdem stellen sich Hilfsinitiativen und Flüchtlinge vor, bei denen die Integration gut funktioniert hat.

Donnerstag, 28. Juli 2016

"Ich habe vor elf Monaten nicht gesagt, dass das eine einfache Sache würde, die wir mal nebenbei erledigen können", sagt Merkel auf einer Pressekonferenz zur Flüchtlingsfrage. "Aber ich bin heute wie damals davon überzeugt, dass wir es schaffen, unserer historischen Aufgabe - und dies ist eine historische Bewährungsaufgabe in Zeiten der Globalisierung - gerecht zu werden. Wir schaffen das."

Sonntag, 30. Juli 2016

Nur noch acht Prozent der Deutschen vertrauen einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov zufolge Merkels Grundsatz. Auf die Frage "Wie stehen Sie dazu, dass Merkel [...] mehrfach gesagt hat: Wir schaffen das?", antworten hingegen 48 Prozent der Befragten: "Ich stimme ihr ganz und gar nicht zu."

Sonntag, 30. Juli 2016

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer von der CSU distanziert sich von Merkels Satz "Wir schaffen das". Diesen könne er sich "beim besten Willen nicht zu eigen machen", sagt er nach einer Kabinettsklausur der bayerischen Landesregierung am Tegernsee.

Samstag, 13. August 2016

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Eigentlich hat er ihn zuerst gesagt, nun ist Merkels Satz "Wir schaffen das" für SPD-Chef Sigmar Gabriel nicht mehr nachhaltig genug. "Der Satz klingt schön, aber er reicht nicht aus", so der Vizekanzler. "Eigentlich muss er lauten: Wir machen das!" Merkel und die Union hätten dem Satz aber keine Taten folgen lassen.

Mittwoch, 31. August 2016

Der Geschäftsführer der Organisation Pro Asyl, Günter Burkhardt, macht Merkel in der Flüchtlingspolitik schwere Vorhaltungen. Sie habe zwar vor einem Jahr "Wir schaffen das" als Maßstab politischen Handelns formuliert, aber auf die Bereitschaft, Flüchtlinge zu schützen, sei ein "langanhaltender Winter der Restriktionen" gefolgt.

Mittwoch, 31. August 2016

Merkel steht auch ein Jahr danach noch zu ihrem Satz. "Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass dieser Satz richtig war", so Merkel. "Ich glaube, dass wir vieles geschafft haben, aber auch etliches zu tun bleibt. Aber aus meiner Sicht war dieser Satz berechtigt und richtig." Die Zustimmungswerte für die Kanzlerin sind zu diesem Zeitpunkt so schlecht wie seit fünf Jahren nicht mehr. Nach einer Befragung von Infratest dimap sind nur noch 45 Prozent der Deutschen zufrieden mit Merkel. Rang sechs knapp vor Seehofer.

Mittwoch, 7. September 2016

Bei der Generaldebatte im Bundestag sagt Merkel nicht noch einmal "Wir schaffen das". Stattdessen ruft sie ein neues Mantra aus: "Deutschland wird Deutschland bleiben - mit allem, was uns daran lieb und teuer ist."

Samstag, 17. September 2016

In der "Wirtschaftswoche" distanziert sich Merkel nun auch offiziell von dem, was aus ihrem Satz geworden ist. "Manchmal denke ich, dass dieser Satz etwas überhöht wird, dass zu viel in ihn geheimnist wird", sagt sie. "So viel, dass ich ihn am liebsten kaum noch wiederholen mag, ist er doch zu einer Art schlichtem Motto, fast zu einer Leerformel geworden."

Montag, 19. September 2016

Die Führungsgremien der CDU arbeiten die Wahldesaster bei den Landtagswahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern auf. Merkel räumt ein, dass die Diskussion über "Wir schaffen das" "zu einer immer unergiebigeren Endlosschleife" geworden seien. Manch einer fühle sich von dem Satz provoziert, obwohl er nie so gemeint gewesen sei. Sie habe den Satz aber auch "übertrieben oft" wiederholt.

Freitag, 23. September 2016

Der AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen wertet den Umgang seiner Partei mit Merkels Satz als eine Erklärung für die eigenen Wahlerfolge. "Wir sagen eben klarer als andere 'Wir schaffen das nicht'."

Mittwoch, 16. August 2017

Bundestagswahlkampf in Deutschland: SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz hält in Berlin eine Grundsatzrede zur Integration. "Es reicht nicht zu sagen 'Wir schaffen das'", sagt Schulz. "Man muss dann auch die Voraussetzungen dafür schaffen, damit das gelingt."

Freitag, 1. September 2017

In einer Umfrage für die Zeitung "Die Welt" zu Merkels Satz "Wir schaffen das", bewerten knapp 56 Prozent der Befragten den Satz als nicht zutreffend oder gar nicht zutreffend. Nur 37 Prozent bezeichnen ihn als eher zutreffend oder völlig zutreffend. Große Unterschiede in der Sichtweise zeigen sich sowohl beim Alter der Befragten als auch zwischen West- und Ostdeutschen.

Dienstag, 14. November 2017

Deutschland hat gewählt - vor Wochen schon. Union, FDP und Grüne sondieren in der Parlamentarischen Gesellschaft. Kommt es zu einer Jamaika-Koalition? "Wir schaffen das", raunt Seehofer den wartenden Reportern zu, als er spätabends das Gebäude verlässt. Wenig später platzen die Gespräche, allerdings weil die Liberalen nicht mehr mitmachen wollen.

Mittwoch, 21. März 2018

Merkel sagt, die Flüchtlingskrise habe die Gesellschaft so sehr polarisiert, dass ein so banaler Satz wie "Wir schaffen das" im Herbst 2015 zum Kristallisationspunkt der Debatte geworden sei. Bei der Bundestagswahl im September 2017 hätte Union und SPD diese Verunsicherung zu spüren bekommen. Die längste Regierungsbildung in der Geschichte der Bundesrepublik sei ebenfalls ein Zeichen dafür.

Donnerstag, 28. Juni 2018

Auf die Frage in einem "Zeit"-Interview, welche Fehler Merkel gemacht hat, sagt Martin Schulz, sie habe ihren Entschluss im Sommer 2015, die Grenzen offen zu halten, nicht mit den anderen EU-Staaten abgesprochen. "Und dann dieser Satz: 'Wir schaffen das.'", so Schulz. "Da haben sich die Länder, bei denen Schäuble in der Finanzkrise Renten und Gehälter gekürzt hat, gedacht: Dann sollen die das doch mal schaffen. Und zwar allein."

Mittwoch, 29. August 2018

Nach rechtsextremen Übergriffen in Chemnitz gibt Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki von der FDP Merkel eine Mitschuld. "Die Wurzeln für die Ausschreitungen liegen im 'Wir schaffen das' von Kanzlerin Angela Merkel", sagt er. Seit der deutschen Wiedervereinigung sei es nicht ausreichend gelungen, die Ostdeutschen zu integrieren und ihnen Wertschätzung entgegenzubringen.

Quelle: n-tv.de, jug (mit dpa)

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