Politik

Sackgasse Idomeni Wo der Traum von Europa endet

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Flüchtling an der Grenze zu Mazedonien: Griechenlands Regierung holt Hunderte Menschen zurück nach Athen.

(Foto: dpa)

Mazedonien schließt die Grenzen für Flüchtlinge, es sei denn, sie kommen aus Syrien, Afghanistan oder dem Iran. Die anderen kehren nun in die griechische Hauptstadt Athen zurück - und wissen nicht, wie es weitergehen soll.

Es ist eigentümlich leer in Idomeni seit Mittwochabend. Das griechische Dorf ist die letzte Ortschaft vor der griechischen Grenze und damit das Tor nach Europa für all jene Menschen, die vor Armut und Krieg aus ihren Ländern geflohen sind.

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Zurück nach Athen: Hunderte Flüchtlinge müssen ihren Wunsch, nach Deutschland, Schweden oder in die Niederlande zu kommen, vorerst aufgeben.

(Foto: dpa)

Nach Tagen des Stillstands haben die griechischen Behörden den Rücktransport von rund 2000 Flüchtlingen nach Athen organisiert. Die Grenze zu Mazedonien ist für Flüchtlinge geschlossen, sofern sie nicht aus Syrien, Afghanistan oder dem Irak kommen. In Athen werden sie im Flüchtlingscamp Elajonas untergebracht, neuerdings auch in der Taekwondo-Arena, die für die Olympischen Spiele 2004 erbaut worden war.

Die meisten Flüchtlinge, die Griechenland erreichen, wollen weiter. Durch Mazedonien versuchen sie die "gelobten Länder" Deutschland, die Niederlande oder Schweden zu erreichen. Als sich die Grenze schloss, strandeten viele Verzweifelte in Idomeni - bei fallenden Temperaturen und mit nur wenig Wasser und Lebensmitteln.

Flüchtlinge berichten von Stockschlägen

Die Flüchtlinge stammen aus dem Iran, Pakistan, Eritrea, dem Sudan und anderen Ländern, die die mazedonischen Behörden für nicht geeignet befanden. Zurück in Athen, läuft ihnen die Zeit davon.

Auf dem Viktoria-Platz im Herzen Athens überlegen zwei Brüder, wie es weitergehen soll. Der 18-jährige Saif Ali und der 15-jährige Ali kommen aus dem pakistanischen Lahore. Auch sie sind gegen ihren Willen am Vortag in die griechische Hauptstadt zurückgekehrt. "Wir wussten, dass die Grenze geschlossen war, als wir das Busticket nach Idomeni bezahlten", sagt Saif Ali. "Doch wir riskierten es trotzdem. Sie ließen uns nicht durch und schlugen uns mit Stöcken. Und nun ist unser ganzes Geld vergeudet."

Sie seien fünf Tage lang dort gestrandet gewesen, sagt er. "Es war so kalt." Saif Ali berichtet weiter: "Wir versuchten, uns mit anderen durchzumogeln, doch sie überprüften von jedem Einzelnen die Papiere." Manche hätten gefälschte Pässe gehabt. "Und ich habe beobachtet, wie sich Flüchtlinge die Papiere von Afghanen liehen, sie den Grenzern zeigten und dann ihren Inhabern wieder zusteckten."

Pakistaner fürchten in Belutschistan um ihr Leben

Ebenfalls auf dem Viktoria-Platz hält sich eine Gruppe von Pakistanern aus Belutschistan auf. Auch sie sind von dem misslungenen Versuch, die Grenze zu passieren, gerade erst wieder zurückgekehrt. Syrer bekommen eine sechsmonatige Aufenthaltserlaubnis in Griechenland. Ihre Papiere sind dagegen nur einen Monat lang gültig. Nun versuchen sie in einem weiten Netzwerk von Freunden und Familien jemanden zu finden, der sie in Athen vorübergehend aufnimmt, bis sie einen Ausweg gefunden haben.

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Verlassene Zelte in Idomeni

(Foto: dpa)

Keiner aus der Gruppe will, dass sein Name genannt wird. Und fast alle erzählen eine ähnliche Geschichte von ihren Erfahrungen an der Grenze. Ein anderer sagt: "Ich kam vor einer Woche nach Griechenland und wollte eigentlich nach Idomeni. Doch als ich die Rückkehrer sah, änderte ich meinen Plan." Und dann berichtet er von seinem Bruder. Er wurde im Januar 2015 von den pakistanischen Behörden abgeführt. Seither hat der junge Mann nichts mehr von ihm gehört. Auf offiziellem Weg, über die Gerichte des Landes, konnte er auch nichts erreichen. Im Gegenteil: Ihm wurde gedroht, er werde ebenfalls abgeholt, wenn er die Sache nicht auf sich beruhen lasse.

"Sie führen Leute ohne Anklage ab, nur um sie zu brechen. Ich weiß nicht, ob mein Bruder tot oder lebendig ist. Ich habe sieben Brüder, wie lebten alle zusammen zu Hause. Doch seither fürchteten wir um unser Leben und sind auseinandergegangen. Ich kam nach Europa", erzählt er.

Fariba Faeezi will es trotzdem versuchen

Seine Geschichte ist glaubhaft: Human Rights Watch hat dazu aufgerufen, gegen die schweren Menschrechtsverletzungen in Balutschistan vorzugehen. Dort würden reihenweise Menschen verschleppt, gefoltert und hingerichtet, so die Organisation. Verantwortlich seien die pakistanische Regierung und die Geheimdienste des Landes. Auch Amnesty International hat die Verstöße dokumentiert.

Auf ihren Smartphones zeigen die Pakistaner auf dem Viktoria-Platz ihre eigenen Beweise: Fotos von verstümmelten Leichen und Aufnahmen von Razzien der Regierungsbehörden. "Keiner verlässt gerne sein Heimatland", sagt einer von ihnen. "Aber es ist zu gefährlich für uns, dort zu bleiben. Vier meiner Cousins wurden von den Behörden entführt. Bitte verbreiten Sie, was in Belutschistan passiert!"

Der Kälte und der geschlossenen Grenze zum Trotz bereitet sich Fariba Faeezi auf ihre Busreise nach Idomeni vor. Die 42-jährige Afghanin kam mit ihrem 16-jährigen Sohn und ihrem Mann nach Griechenland. Er ist Schriftsteller von Beruf. "Sein Name ist Abdul Hafoor Fayed Yousfi. Er hat bei der Bootsfahrt nach Griechenland alle seine Bücher verloren", sagt sie.

"Ich will nach Deutschland, so bald wie möglich. Wir sind von Afghanistan aus in den Iran geflohen. Doch die Regierung dort wollte uns nicht arbeiten lassen. Im Iran ist vor acht Jahren einer meiner Söhne verschwunden. Er war damals 16 und wir haben nie wieder etwas von ihm gehört. Ich bin Ingenieurin, ich hoffe, die Deutschen lassen mich arbeiten." Sie ergänzt: "Ich fürchte mich nicht, ich werde versuchen, es dorthin zu schaffen."

Terror in Paris hat Stimmung gedreht

Andere sind sich nicht so sicher wie Faeezi. Mohammad, ein 35-jähriger Marokkaner, ist gerade erst von der Insel Chios nach Athen gekommen. Er hat noch keine Ahnung, was er als Nächstes tun soll. "Die Grenze ist geschlossen, also was soll ich machen? Hier bleiben oder in ein Camp gehen?"

In der EU haben in diesem Jahr mindestens eine Million Menschen Asyl beantragt. Nach den Terroranschlägen von Paris hat sich die politische Stimmung in mehreren Ländern nach rechts gedreht. Und Europas einst offenen Grenzen schließen eine nach der anderen.

Zur gleichen Zeit füllen sich die olympischen Stadien Athens - einst erbaut, um Griechenland in voller Pracht zu präsentieren - mit Menschen, die an einer der Grenzen Europas weggeschickt wurden. Sie wissen nicht, wohin sie gehen sollen auf ihrer Suche nach einem Europa, das so nicht mehr zu existieren scheint.

(Aus dem Englischen von Johannes Graf)

Quelle: ntv.de

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