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Neue schwarze Bescheidenheit Laschet macht die Union kleiner, als sie ist

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Nur Platz eins kann der am Wahlabend ansonsten vermutlich bös‘ gerupften Partei noch das Argument liefern, die Regierungsbildung für sich zu beanspruchen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die kleine Trendwende in einer Umfrage lässt CDU und CSU hoffen. Aber die eigenen Ziele sind jammervoll klein geworden. Wie ein Sieger wird Armin Laschet am Wahlabend selbst dann nicht aussehen, wenn die Union es noch auf Platz eins schafft.

Das erste Mal seit mehreren Wochen geht es in den Umfragen wieder nach oben für die CDU/CSU. Auf den ersten Blick ist der Trend also gedreht, die Partei und der Kanzlerkandidat schöpfen Hoffnung, holen neuen Schwung. Aber auf jammervoll niedrigem Niveau - und mit drastisch gekappten Zielen.

Zur Erinnerung: Bei der letzten Bundestagswahl hatte die Union 33 Prozent erreicht. Dieser Wert war auch im laufenden Wahlkampf über Monate das Ziel. Denn tatsächlich können CDU und CSU nur bei ungefähr 33 Prozent sicher sein, dass man ohne sie keine Koalition mit regierungsfähiger Mehrheit bilden kann - dass also Armin Laschet geradezu zwangsläufig Kanzler würde.

Von diesem 33-Prozent-Ziel hat sich die Partei inzwischen verabschieden müssen, die Brötchen sind klein geworden, sehr klein. Angesichts der eigenen Schwäche geht es jetzt allein darum, die SPD auf den letzten Metern doch noch zu überholen. Nur Platz 1 kann der am Wahlabend ansonsten vermutlich bös' gerupften Partei noch das Argument liefern, die Regierungsbildung für sich zu beanspruchen.

Wenn es also nur noch darum geht, die 25 Prozent und Platz eins vor der SPD zu erreichen - dann ist die kleine Trendwende in der jüngsten RTL/ntv-Umfrage durchaus ein Hoffnungsschimmer. Kleines Rechenbeispiel: Geht es in der nächsten Woche zwei weitere Prozentpunkte rauf für CDU/CSU und zugleich zwei Prozentpunkte runter für die bislang stabile SPD - dann wäre schon Gleichstand erreicht. Solche Schwankungen sind in diesem Wahlkampf nicht ungewöhnlich. Die Union stand schon einmal bei knapp 30 Prozent, die SPD lange bei 15 Prozent. Diese Schwankungsbreite kann Armin Laschet Hoffnung machen, zumal SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz zum ersten Mal im Wahlkampf wirklich unter Druck steht und Nerven zu zeigen beginnt. Scholz geht als Favorit in die letzte Runde, aber unschlagbar ist er keineswegs.

Doch der Preis, den Laschet und seine Partei dafür zahlen, ist hoch: Um die CDU/CSU-Stammwähler wirklich zu mobilisieren und an die Urne zu treiben, hat Laschet auf einen lupenreinen "Anti"-Wahlkampf geschaltet. Gegen die SPD. Gegen Olaf Scholz. Und vor allem gegen eine Linksregierung von SPD, Grünen und Linkspartei. Auch wenn das Muster aus den 90er-Jahren stammt und damals "Rote-Socken-Kampagne" hieß, dürfte es bei der (alten) Stammwählerschaft von CDU/CSU bis heute funktionieren. Nicht aber bei jenen Wählergruppen, die Angela Merkel in der Mitte der Gesellschaft an sich gebunden hatte. Weit in den Hintergrund tritt nämlich, wofür CDU und CSU Wahlkampf machen, was ihre großen Ziele sind und was ihr Ehrgeiz bei der Gestaltung des Landes in der Nach-Merkel-Ära.

Heißt unter dem Strich: Um seine Kanzler-Aussichten im direkten Wettkampf mit Olaf Scholz zu retten, macht Armin Laschet seine Partei kleiner als sie ist. Das nennt man einen "Pyrrhus-Sieg", einen Sieg, der so viel von der eigenen Substanz frisst, dass mehrere von ihnen schlussendlich in Auszehrung und einer großen Niederlage münden. Laschet kann also noch gewinnen. Aber wie ein Sieger wird er wohl in keinem Fall aussehen.

Quelle: ntv.de

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