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Mitgefühl und Stacheldraht Nie war Europa so schizophren

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(Foto: dpa)

Der Tod des kleinen Aylan im Mittelmeer ist auch eine Folge der europäischen Abschottung. Er ertrank auf dem Weg nach Europa - hätte er es nach Deutschland geschafft, hätte er Anspruch auf einen Kita-Platz gehabt. Wie lange wird Europa diese Schizophrenie noch durchhalten?

Wie viele Medien macht die britische "Times" heute mit einem Foto auf. Es zeigt einen türkischen Polizisten, der ein Kleinkind trägt. Der dreijährige Junge heißt Aylan Kurdi und ist tot. Er sowie sein zwei Jahre älterer Bruder Galip und ihre Mutter ertranken bei dem Versuch, von der Türkei auf die griechische Insel Kos zu gelangen.

Weiter hinten, im Meinungsteil der Zeitung, verzweifelt ein Kommentator geradezu, weil Politik und Öffentlichkeit in Europa nicht die "moralische Courage" hätten, das Richtige zu tun. Dann blättert man weiter. Flüchtlinge bräuchten praktische Hilfe "vor Ort" und nicht "falsche Hoffnungen eines Fantasielebens in Europa", heißt es in einem Leitartikel der konservativen Zeitung. Mit anderen Worten: Aylan und seine Familie hätten besser in der Türkei bleiben sollen. Die Widersprüchlichkeit in einer einzigen Zeitung ist nur auf den ersten Blick verblüffend. Tatsächlich spiegelt sie die Widersprüchlichkeit der europäischen Flüchtlingspolitik.

Für den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban ist die Flüchtlingskrise allein ein "deutsches Problem". Bayern nennt die wieder eingeführten Grenzkontrollen zwischen Italien und Österreich "ein Beispiel gelebter europäischer Solidarität". Österreich verstärkt die Kontrollen an den Grenzen zu Ungarn ebenfalls. Wenn es gegen Russland geht, fordern die osteuropäischen EU-Länder nahezu grenzenlose Solidarität. Jetzt wollen sie in Ruhe gelassen werden.

Das Problem mit den Flüchtlingen wird, wenn irgend möglich, ins nächstbeste Nachbarland geschoben – mitunter, wie in Ungarn, auf offen brutale Art und Weise, mitunter verdruckst, mit schlechtem Gewissen. Nie war Europa so schizophren wie heute. Die Bundesregierung lobt die Willkommenskultur der Deutschen. Zugleich denkt sie darüber nach, wie sie Deutschland für Flüchtlinge weniger attraktiv machen kann – nicht nur für Albaner und Serben, auch für Syrer. So sollen Asylbewerber keine Gesundheitskarte bekommen, auch kein Bargeld mehr, solange sie in der Erstaufnahme sind, nur noch Sachleistungen.

Europa schwankt zwischen Offenheit und Skrupellosigkeit. Wir haben Mitleid mit den Menschen, die vor dem Krieg in Syrien fliehen, doch wir legen ihnen so viele Steine wie möglich in den Weg. Wenn sie es trotzdem bis nach Deutschland schaffen, dürfen sie bleiben. Die beiden toten Jungs, Aylan und Galip, deren Familie eigentlich zur Tante nach Kanada wollte, hätten in Deutschland Anspruch auf einen Kita-Platz gehabt. Im Moment funktioniert diese Schizophrenie noch. Langfristig aber werden wir uns zwischen Mitgefühl und Stacheldraht entscheiden müssen. Wenn wir den Stacheldraht wählen: Was kommt danach? Mauern? Selbstschussanlagen?

Quelle: n-tv.de

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