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Gastbeitrag zur Klimakonferenz Schluss mit dem Handel von heißer Luft!

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Wasserdampf steigt aus den Kühltürmen des Braunkohlekraftwerks Jänschwalde. Die Annahme des Clean Development Mechanism scheint zu sein, dass man ein Recht gehabt hätte, die Umwelt mit Kohlekraftwerken zu verschmutzen, und daher darf man es sich hoch anrechnen, wenn man es ein klein bisschen besser macht.

(Foto: picture alliance/dpa)

Wie jedes Jahr wird gerade auf der COP darüber gerungen, wer noch wie viel CO2 in die Luft pumpen darf. Doch um sich darauf zu konzentrieren, CO2-Emissionen wirklich zurückzufahren, müssen wir unsere Klimadenke vollkommen umstrukturieren. Höchste Zeit, den Emissionshandel Paris-konform zu machen.

Gerade ist das Kyoto-Protokoll 25 Jahre alt geworden. Eigentlich kein Alter, besonders nicht für ein internationales Abkommen mit komplizierten, rechtlich verbindlichen Mechanismen, die lange vorbereitet werden mussten, um ins Laufen zu kommen. Trotzdem ist es auch schon wieder abgelaufen - und der Handel mit "vermiedenen Emissionen", den es erfunden hat, hätte längst durch den Nachfolgemechanismus des Pariser Klimaabkommens ersetzt werden sollen. An dem feilt die Weltgemeinschaft gerade im siebten Jahr in Folge, mit mäßigem Erfolg. Höchste Zeit also, dieses Überbleibsel aus den 1990ern endgültig zu begraben und zu einem Emissionshandelssystem überzugehen, das dem Geist des Pariser Abkommens - und nebenher auch noch der Physik der Atmosphäre - entspricht.

Als erster mehr oder weniger verbindlicher Vertrag zum Klimaschutz war das Kyoto-Protokoll zwar ein Meilenstein. Aber es hat auch den Handel mit heißer Luft erfunden, denn der Vertrag führte den sogenannten "Clean Development Mechanism" (CDM) ein. Damit wurde zertifiziert, dass ein Projekt in einem Entwicklungsland eine bestimmte Menge an Emissionen "vermieden" hatte, wenn es Technologien einsetzt, die weniger emissionsträchtig sind als die, die man zur Zeit des Kyoto-Protokolls nutzte. Diese "Certified Emissions Reductions" (CERs) konnten die Länder dann an Regierungen aus dem Norden verkaufen.

Das war zwar in manchen Fällen nützlich, um Wind- und Solarkraftwerke zu finanzieren. So profitierte zum Beispiel das größte Solarthermiekraftwerk der Welt in Marokko von diesem Zusatzeinkommen. Viele Projekte dieses sogenannten "Sauberen Entwicklungs-Mechanismus" lösten aber Probleme, die ohne sie nicht existiert hätten. So wurde zum Beispiel versucht, Deponiegas aus Mülldeponien in Afrika zu gewinnen, obwohl diese aufgrund fehlender Abdichtungen und charakteristischer Zusammensetzungen nur schlecht dafür geeignet waren. Drastischer ist, dass Certified Emissions Reductions auch dadurch erzeugt wurden, dass neue Fabriken in China das ozonschädigende Kältemittel R-22 produzierten, obwohl dem keine entsprechende Marktnachfrage entgegenstand. Diese Fabriken rentierten sich nur, da sie mit der Verbrennung des ozonschädlichen Abgases HFC-23 CERs produzieren und verkaufen konnten.

Heiße Luft und Gelddruckmaschine

Für kleinere Anlagen war der relative Verwaltungs- und Nachweisaufwand oft sehr hoch - zu hoch, um wirklich etwas für das Klima zu bewegen. Und um den CDM herum bildete sich eine ganze Branche von Beratern, Experten und Administratoren. Ein großes Team der Weltbank, die bis heute der wichtigste Motor des "Carbon Markets" bleibt und die wesentliche Nachfrage nach CERs kanalisiert, sorgte dafür, dass langfristig die Finanzierung gesichert war. Beim Sekretariat der Klimarahmenkonvention UNFCCC gibt es ein weiteres Team und einen Expertenrat, die die Nachweismethoden und Bedingungen erarbeitet haben, nach denen offizielle CERs ausgegeben werden. Diese Organisationen kümmerten sich also um die neue Währung, die das Kyoto-Protokoll erschuf: nichtentstandene Emissionen. Heiße Luft, die es nicht geben sollte. Und mit ihr der Clean Development Mechanism als eine Art Gelddruckmaschine, die dieser Währung einen Wert verleiht.

Diese Währung setzte sich bald in vielen Bereichen außerhalb des Clean Development Mechanism durch - und lebt da fort: Nationale Selbstverpflichtungen beziehen sich auf prozentuale Reduktionen gegenüber einer imaginären Referenzentwicklung, denn man stößt schließlich mit Gaskraftwerken viel weniger CO2 aus als mit Kohlekraftwerken, die man ja auch hätte bauen können. Die darunterliegende Annahme scheint zu sein, dass man ja ein Recht gehabt hätte, die Umwelt mit Kohlekraftwerken zu verschmutzen, und daher darf man es sich hoch anrechnen, dass man etwas ein klein bisschen besser macht. Das ist vielleicht pädagogisch wertvoll, echter Klimaschutz ist es nicht.

Aber sogar die internationalen Klimafinanzierungsmechanismen wie die Globale Umweltfazilität oder der Green Climate Fund müssen ihren Geldgebern nachweisen, dass mit den von ihnen finanzierten Projekten soundsoviele Millionen Tonnen an CO2 nicht entstanden sind. Nun ist es quasi unmöglich abzuschätzen, was passiert wäre, wenn diese Gelder nicht zur Verfügung gestanden hätten. Zudem schaffen diese Projekte oft erst einmal die konzeptionellen und politischen Grundlagen in Entwicklungs- und Schwellenländern dafür, dass viele Jahre später Investitionen in erneuerbare Energien oder Energieeffizienz erfolgen können. Daher ist es auch nicht ganz lauter, diese Emissionen Projekten zuzuordnen, die zum Beispiel Leute ausbilden, analytische Grundlagen legen oder Politikinstrumente vorschlagen. Aber die vom Kyoto-Protokoll geschaffene Logik der "vermiedenen Emissionen" zwingt zur Nutzung dieses Indikators.

In der Logik des CDM müsste die Klima-Uhr rückwärts laufen

Da diese Logik Doppelzählungen geradezu herausfordert, haben die globalen Mechanismen über die Jahre vermutlich - theoretisch - mehr Emissionen vermieden, als in der gleichen Zeit entstanden sind. Nach dieser Logik sollte die Klima-Uhr schon lange rückwärts laufen. Dass hier etwas nicht mit der Realität übereinstimmt, merkt jedes Kind.

Zum Glück hat das Pariser Klima-Abkommen einen Paradigmenwandel vorgenommen: Es nimmt als Referenz nicht mehr ein Weiterso, gegenüber dem wir Emissionen vermeiden müssen, sondern setzt ein absolutes Null-Emissionsziel. Kompatibilität mit dem Pariser Abkommen bedeutet nicht, dass wir weniger ausstoßen müssen, als wir können, sondern es bedeutet, dass wir unseren Emissionsstandard auf Null setzen sollen. Wenn wir ihm nicht entsprechen, sondern Treibhausgase emittieren, kommen wir unter Rechtfertigungsdruck. Emissionshandel auf dieser Basis kann Carbon Budgets definieren und echte Emissionsrechte handelbar machen. So wird ein Schuh daraus.

Das müssen wir jetzt nur noch anwenden. Die Konzepte dazu, was das Pariser Abkommen in der Praxis heißt, werden von den innovativsten Mechanismen gerade ausprobiert. Auch hier werden noch viele Expertenköpfe rauchen und viel Druckertinte fließen, bis der Königsweg gefunden wird. Aber er verspricht, zu echtem Klimaschutz zu führen, und nicht zum Handel mit heißer Luft, die vermieden werden soll, wie ihn das Kyoto-Protokoll favorisierte. Lasst es in Frieden ruhen.

Christine Wörlen ist Gründerin des Forschungs- und Beratungsunternehmens Arepo.

Quelle: ntv.de

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