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Der Fall Mesut Özil Sieg der Parallelgesellschaften

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Ganz offensichtlich wird im Fall Özil mit zweierlei Maß gemessen. Wie soll man das sonst nennen, wenn nicht Rassismus?

(Foto: dpa)

Mesut Özils Rücktritt aus der deutschen Nationalmannschaft ist eine Niederlage der liberalen Mehrheitsgesellschaft. Sie hat die Enttabuisierung der Fremdenfeindlichkeit nicht verhindert.

Wenn der Fall Mesut Özil eines zeigt, dann dies: Wir sind noch lange nicht so weit, wie die einen hoffen und die anderen fürchten.

Als Deutschland 1990 Weltmeister wurde, gab es im DFB-Team keinen Özil, keinen Gündogan, keinen Boateng. Im Bundestag saß kein Abgeordneter mit Migrationshintergrund, noch acht Jahre zuvor hatte Bundeskanzler Helmut Kohl darüber nachgedacht, wie Deutschland die Zahl der hier lebenden Türken um die Hälfte reduzieren könne. Integrationshistorisch betrachtet befand sich die Bundesrepublik nach einer vorsichtigen Öffnung in den 70er-Jahren in einer Abwehrphase.

Heute sind ausländische Nachnamen in einer Vielzahl von Lebensbereichen Normalität. Das heißt allerdings noch lange nicht, dass Deutsche mit Migrationshintergrund wirklich gleichgestellt wären. Was Özil schreibt, ist richtig: "Bestimmte deutsche Zeitungen nutzen meine Herkunft und das Foto mit Präsident Erdogan als rechte Propaganda, um ihre politische Haltung zu untermauern. Warum sonst benutzen sie Bilder und Überschriften mit meinem Namen als direkte Erklärung für die Niederlagen in Russland?" Mit Blick auf DFB-Präsident Reinhard Grindel gibt Özil die Antwort in Form von Fragen: "Ist es so, weil es um die Türkei geht? Ist es, weil ich ein Moslem bin? Ich glaube, dass hier ein wichtiger Grund liegt." Mag sein, dass Özil seine Erklärung nicht selbst geschrieben hat. Falsch wird sie dadurch nicht.

Wer nun argumentiert, ein Fußball-Millionär könne keine diskriminierenden Erfahrungen gemacht haben, der stellt sich absichtlich dumm. Auch wenn Özil der erste deutsche Fußballer ist, der wegen rassistischer Anfeindungen als Nationalspieler zurücktritt, ist das Problem dahinter alles andere als neu. Nach einer Studie der Universität Bielefeld lag die Zustimmung zu muslimfeindlichen Aussagen in den Jahren 2003 bis 2016 im Schnitt bei knapp 24 Prozent, mit Höhepunkten in den Jahren 2006 und 2010. Früher war also keineswegs alles besser.

Eines jedoch hat sich geändert, angestoßen vermutlich unter anderem durch das vor acht Jahren erschienene Buch "Deutschland schafft sich ab" von Thilo Sarrazin. Fremdenfeindliche Thesen sind in gesellschaftlichen Milieus salonfähig geworden, in denen es zuvor tabu war, Intelligenz und Fleiß zu angeborenen Merkmalen bestimmter Gruppen zu erklären. Neben der neuen Normalität der Vielfalt, in der Physiklehrer Yilmaz heißen und Schwiegertöchter Elif, stehen die Parallelgesellschaften des Populismus, an denen die Veränderungen der letzten Jahrzehnte spurlos vorübergegangen sind. Hier will man einen Boateng nicht als Nachbarn, benutzt den rassistischen Begriff "Passdeutsche", um Menschen wie Özil zu beschreiben, und fordert eine "echte Nationalmannschaft". Wer so spricht und denkt, ist nicht ökonomisch abgehängt, sondern hat kulturell den Anschluss verloren.

Für jene, die sich als Teil der toleranten Mehrheitsgesellschaft sehen, gibt es allerdings keinen Grund, sich selbstzufrieden auf die Schulter zu klopfen. Im Gegenteil: Sie - wir - sind Teil des Problems. Zum einen, weil latenter, unbewusster Rassismus bis weit in die vorgeblich liberalen Milieus hineinreicht. Zum anderen, weil auch die Mehrheit eine Verantwortung für die Spaltung der Gesellschaft hat. Kaum jemand übertrifft die AfD, wenn es um die rassistische Abwertung deutscher Fußballspieler geht. Aber salonfähig gemacht wurde dieser aggressive Tonfall auch durch Medien sowie Politiker der etablierten Parteien. Seit Jahren schon lassen sich CSU-Politiker von ihren Anhängern für den Satz bejubeln, der Islam gehöre nicht zu Deutschland - ganz so als sei die Verhinderung der Scharia ein reales Problem.

Ein wirkliches Problem ist der von Özil zu Recht beklagte, immer lauter werdende Rassismus. Die Parallelgesellschaften sind dabei, der Öffentlichkeit ihre Themen und Ansichten aufzudrücken, der Rücktritt des Nationalspielers ist ihr Sieg. Natürlich ist richtig, dass Integration eine Leistung ist, die vom Staat nicht nur unterstützt, sondern auch eingefordert werden muss, und ja, es ist mehr als problematisch, wenn deutsche Fußballprofis mit Autokraten posieren. Aber es ist albern, über einen gebürtigen Gelsenkirchener zu sagen, er sei schlecht integriert, weil er sich mit Erdogan ablichten lässt. So falsch das Foto war: Die hemmungslose Anbiederung eines Lothar Matthäus an Wladimir Putin war es nicht minder. Nach dessen Autokraten-Foto kam niemand auf die Idee, Matthäus vorzuwerfen, er sei unzureichend integriert oder habe keinen Respekt vor demokratischen Werten. Ganz offensichtlich wird hier mit zweierlei Maß gemessen. Wie soll man das sonst nennen, wenn nicht Rassismus?

Der Fall Özil zeigt drastisch, dass es eben nicht damit getan ist, Fußballspieler mit türkischen Wurzeln in die Nationalmannschaft zu berufen. Integration ist dann erfolgreich, wenn ein Özil von Medien und Fans genauso behandelt wird wie ein Müller. Davon sind wir ganz offensichtlich sehr viel weiter entfernt, als man noch vor wenigen Jahren hoffen durfte.

Quelle: n-tv.de