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Völkermord ist Völkermord Warum bemüht Ankara so krude Ausreden?

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(Foto: dpa)

Historiker müssten die Sache noch prüfen, die AfD könnte von der Resolution profitieren. Die Türkei torpediert die richtige Bewertung des Völkermordes an den Armeniern mit absurden Thesen. Leider mit gewissem Erfolg.

Merkel und Steinmeier nicht dabei

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Außenminister Frank-Walter Steinmeier werden bei der Abstimmung im Bundestag fehlen. Merkel habe andere Termine, sagte eine Regierungssprecherin. Steinmeier wird wegen einer Auslandsreise nicht im Plenum sein.

Auch in Ankara weiß man: Was 1915 und 1916 im zerfallenden Osmanischen Reich passierte, war Völkermord. Die Bewegung der Jungtürken, die sich gerade an die Macht geputscht hatte, schickte Hunderttausende Armenier auf Todesmärsche nach Syrien, massakrierte sie oder ließ sie in Konzentrationslagern verenden.

Man weiß auch: Der Gründer der modernen Türkei, Atatürk, war an diesen Vertreibungen zwar nicht beteiligt. Doch der heldenhaft-nationalistische Mythos, auf den er seine Republik stützte, baute auch auf die Vernichtung christlicher Minderheiten auf dem Staatsgebiet auf. Das ist der Grund, warum Ankara sich jetzt in den absurdesten Ausreden verstrickt.

Plumper Relativismus

Der neue Ministerpräsident des Landes, Binali Yildirim, nannte die Resolution, in der der Bundestag die Ereignisse endlich als Völkermord einstufen will, "lächerlich". Was vor gut 100 Jahren passiert sei, wären "gewöhnliche Vorfälle" gewesen, die in Zeiten des Ersten Weltkrieges in jedem Land hätten passieren können. Das sind sie aber nicht. Und selbst wenn es so gewesen wäre, hätte jedes Land sich dieser Vergangenheit stellen müssen - so, wie sich die Bundesrepublik dem Holocaust Nazideutschlands gestellt hat und sich noch dem Völkermord an den Herero und Nama des Deutschen Reiches in der damaligen Kolonie Südwestafrika stellen muss.

Mustafa Yeneroglu, Menschenrechtler der regierenden AKP warnte, dass die Resolution antitürkische Positionen und so die AfD stärken würde. Als ob AfD-Anhänger nicht wüssten, dass es unglaubwürdig wäre, Türken für die Taten ihrer Ur- oder Ur-Ur-Großeltern verantwortlich zu machen. Türken, die sich auch 100 Jahre später vor dieser Geschichte verstecken, sind ein viel geeigneteres Mittel, um für antitürkische Positionen zu werben.

Die türkische Führung um Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan zieht sich darauf zurück, dass es Aufgabe von Historikern sei, den Charakter jenes Massenmordens zu bewerten, nicht von Parlamenten. Historiker haben die Ereignisse aber längt umfangreich untersucht. Zwar gibt es (vor allem türkische) Wissenschaftler, die versuchen, den Völkermord als normales Kriegsverbrechen einzustufen. Doch sind sie in der absoluten Minderheit.

Schwerer Stand für Minderheiten

Das Tragische: Obwohl Ankara so offensichtlich vertuscht, profitiert die Staatsspitze. Erdogan steht vor seinen Anhängern als starker Mann da, der die Türkei vor "Beleidigungen" aus dem Ausland schützt. Seine Drohungen von sich verschlechternden diplomatischen Beziehungen wirken angesichts der Abhängigkeit Europas in der Flüchtlingskrise machtvoll. Und Erdogan und seine AKP setzen noch nach, indem sie Kanzlerin Angela Merkel mit einem angeblichen Aufruhr der Deutschtürken drohen.

Als wäre all das nicht schlimm genug, wird wegen Ankaras Gebärden auch noch viel zu wenig über das gesprochen, um was es eigentlich gehen sollte. Das Leid und die Lage der Armenier – damals und heute. Ähnlich wie im Umgang mit den Kurden in der Türkei erlahmten Erdogans anfangs noch große Bemühungen, die Versöhnung mit der Minderheit voranzutreiben. Viele Armenier fühlen sich auch 100 Jahre nach "Aghet" (der Katastrophe) ziemlich allein gelassen - von Ankara und der Welt.

Quelle: ntv.de

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