Wieduwilts Woche

Wieduwilts WocheDeutschland sitzt wie ein Frosch im erhitzten Wasser

08.08.2026, 06:34 Uhr 20221217-Hendrik-Wieduwilt-075-highres-finalEine Kolumne von Hendrik Wieduwilt
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Bleibt der Frosch regungslos im Wasser, wenn es sich nur langsam genug erhitzt? (Foto: picture alliance / empics)

Tausende Drohnen fliegen über unsere Köpfe, nun hatte eine davon eine Bombe im Gepäck. Es ist eines von vielen Beispielen, in denen der Staat zu lahm, zerstritten und kompliziert ist, um das Richtige zu tun.

Wir alle kennen die Geschichte vom Frosch im heißen Wasser. Wenn man die Hitze langsam erhöhe, bekomme der Frosch nichts mit, bis es zu spät ist - so lautet die Story. In dieser Woche musste ich gleich mehrfach an den Frosch denken: Wir Deutschen sind bei vielen Themen zum Lurch geworden.

Dabei ist, was die Drohnen angeht, das Wasser gar nicht mal so kalt. Über Tausend Drohnenüberflüge über Militäranlagen und Einrichtungen der kritischen Infrastruktur (Flughäfen, Schienen, Straßen) hat das Bundeskriminalamt im Jahr 2025 registriert. Die Meldung im vergangenen November ging im allgemeinen Rauschen unter.

Nun aber ist in Leipzig einer dieser Apparate mit hochmodernem Sprengstoff gesichtet worden. Die Drohne war demnach so ausgerüstet, dass sie Abwehrmechanismen überlisten konnte. Stand jetzt ist sie nur durch Zufall nicht explodiert.

Man müsste mal über Zuständigkeiten reden

Einen solchen Apparat können nur Staaten bauen, heißt es, was in deutschen Ohren womöglich verwundert - hierzulande ist der Staat ja nicht gerade als obermodern verschrien, aber das ist im Ausland und bei Kriegsgerät wohl etwas anderes.

Jetzt streitet man einmal mehr um Zuständigkeiten. Die müsse man nun aber wirklich klären, mahnt NRW-Innenminister Herbert Reul. Ja, so allmählich wäre das gut, denkt sich auch der deutsche Michel und sucht etwas hilflos den Himmel nach surrenden Bomben ab.

Einfach mal machen, das wäre schön. So beherzt handeln wie der stille Held der Stunde: Angeblich war es nämlich ein Busfahrer, der die Drohnenbombe in Leipzig stoppte. Mit dem Fuß! Auf dem sehr guten Nachrichtensender ntv kam später ein Sicherheitsexperte zu Wort und sagte, bombige Drohnen seien in der Regel mit Zündern ausgestattet, die sie bei Berührung, etwa durch einen Besenstiel, explodieren lassen.

Sag bloß nicht Putins Namen

Der Mann im Bus ist also offenbar ein Held. Danke! Aber: Das einzige, was zwischen uns und feindlichen Drohnen steht, ist ein Busfahrer?! Man verstehe mich nicht falsch: Deutschland hat viele gestählte Fahrzeugführer. In Stuttgart ging kürzlich einer viral, weil er in der Pause Burpees machte. In Frankfurt etwa präsentierte bis zu seiner Rente der Tramfahrer "Bahnbabo" zwei Arme solchen Volumens, dass er damit vermutlich eine russische Panzerkette auseinanderreißen könnte. Aber das ist doch bitte keine Dauerlösung!

Doch die Öffentlichkeit mag es weiterhin lauwarm. Der Bundesinnenminister spricht dezent von "fremden Mächten", die einen "hybriden Krieg" gegen uns führten. Experten erklärten darauf kleinteilig, warum Alexander Dobrindt die Worte "Putin" und "Angriff" umschifft, obwohl doch so ziemlich alles (außer vielleicht Dieter Hallervorden) dafür spricht, dass das Fluggerät von den Russen geschickt wurde. Eines steht fest: So richtige Dringlichkeit will bei einer so verdrucksten Reaktion nicht aufkommen.

Alles kommt immer so plötzlich

Ähnlich verhält es sich bei der Hitze. Deutschlands Status als Abstiegsland ist selten so greifbar wie in 40 Grad heißen Krankenhäusern und unklimatisierten S-Bahnen. Selbst im begüterten Hamburg kippte kürzlich ein junger Mann in der S1 aus den Latschen. Da kann man wohl nichts machen! Was soll der Staat denn machen, eine Klimaanlage einbauen oder was?

Stattdessen greifen Kommunen zu Lösungen, die einem MacGyver anerkennendes Nicken abringen würden: In Frankfurt etwa hat die Stadt ausrangierte Fahrzeuge mit Rettungsdecken ausgekleidet und pustet sie mit Ventilatoren durch. Man muss sich eben zu helfen wissen!

Es kommt aber auch alles immer so plötzlich. Dass sich das Klima wandelt, wissen wir seit gerade einmal hundert Jahren. Randnotiz: Die Froschmetapher ist auch deshalb so berühmt, weil sie ein gewisser Al Gore in seinem Klima-Erweckungsfilm "An Inconvenient Truth" verwendete. Das ist auch schon wieder 20 Jahre her - die Zeit verfliegt, wenn man sich amüsiert.

Und wollen wir wirklich noch einmal über die Rente diskutieren? Wir müssen es offenbar. Denn trotz Basta-Rhetorik des angeschlagenen Bundeskanzlers werden die von der Rentenkommission vorgestellten Reformpläne gerade wieder aufgenörgelt. Nachdem Friedrich Merz also fleißig gestrickt hat, rippeln seine Parteifreunde unten wieder alles auf - und das, während der Chef endlich mal Urlaub hat.

Das Land sitzt wie ein Lurch im heißen Wasser

Derzeit kommt die lauteste Kritik nämlich nicht einmal von der SPD - sondern aus den Reihen eigener Unionsministerpräsidenten. Die so genannte "Rente mit 63" soll eigentlich gestrichen werden, aber dagegen sträuben sich Michael Kretschmer, Sven Schulze und Mario Voigt. Nach den Landtagswahlen im September könnte ein politisches Erdbeben durchaus die gesamte Reform gefährden. Mir will gerade nicht einfallen, wie ein Busfahrer dieses Problem lösen könnte. Oder ein Bus.

Und so bekommt man den Eindruck, das Land sitze wie ein Lurch im Wasser, egal, ob es um feindliche Drohnen, lebensbedrohliche Hitze oder uferlose Sozialkosten geht. Es müsste wohl mal jemand laut in die Hände klatschen, damit Lurchland aufwacht.

Eigentlich wäre das ein Job für den Bundespräsidenten. Aber der amtierende trägt in Sachen Aussitzen und Augenverschließen den schwarzen Gürtel. Der nächste soll eventuell Boris Rhein werden - der Kanzler meint, der könnte als Jurist gut mit Staatskrisen umgehen.

Da hat sich offenbar ein bisschen Defätismus in die kanzlersche Perspektive gemischt: Staatskrisen plant er fest ein. Aber ein Verdachtskandidat für eine Rede, die das Land wachrüttelt, ist der staatsexaminierte Rhein eher nicht.

Die Geschichte vom Frosch ist übrigens womöglich doch ein Mythos, der auf krude biologische Vorstellungen aus dem 19. Jahrhundert zurückgeht. Längst sind Zweifel aufgekommen, ob Lurche wirklich so dumm sind - oder ob sie nicht doch einfach springen, wenn’s zu warm wird. Wäre schön, wenn sich dasselbe in ein paar Jahren über Deutschland sagen ließe.

Quelle: ntv.de

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