Wieduwilts Woche

Wieduwilts Woche Meine neue Lampe, die Öko-Wut und der Abgrund der Endlichkeit

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Was Gérard Depardieu mit dieser Kolumne zu tun hat? Er tanzte einst in Straßburg auf Tischen, was sonst?

(Foto: picture-alliance / dpa)

Diese Woche habe ich eine kleine Lampe gekauft und kurz darauf meinen Glauben an die Zivilisation verloren. Denn diese Lampe stirbt einen langsamen Tod, sobald man sie anschaltet.

Manche Dinge passieren schleichend, dann ist es zu spät. Gern bemühen manche das Beispiel des zu kochenden Froschs, der das langsame Erhöhen der Hitze nicht spüre, was Unsinn ist - die Tiere hüpfen aus dem Topf, wenn man den Deckel nicht schließt. Ich wurde von einer Erhitzung allerdings wirklich kalt erwischt: Im Jahr 2022, dem Zeitalter der Nachhaltigkeit und der Klimaproteste, über zehn Jahre nach dem historischen Glühbirnenverbot der EU, ist es völlig normal geworden, LED fest in Lampen einzubauen - man muss also das ganze Ding wegwerfen, wenn das Licht den Geist aufgibt.

Wie bitte? Diesen Skandal habe ich durch den Kauf einer kleinen Lampe aufgedeckt. Es ist eine Anglepoise 90 Minimini, sie ist filigran, hübsch und mittelteuer. Ich zog das Gerät aus dem Karton und freute mich: "Die Birne ist ja schon drin!", dachte ich dumm, und stellte dann fest: Da bleibt sie auch, und zwar bis in alle Ewigkeit.

Bin ich auf einen Internetbetrug hineingefallen? Nein, nur aus der Zeit. Eine kurze, empörte Recherche zeigt mir, der ich seit vermutlich zehn Jahren keine Lampe erworben habe, dass die unheilige Einigkeit der Lampe mit dem Leuchtmittel Normalität geworden ist. Die Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz etwa ermittelt einen Anteil fest verbauter LED zwischen 22 und 44 Prozent - und das war im Jahr 2016, Herrgott.

Keine Angst vor LED-Leuchten!

Mit meiner Unkenntnis allein bin ich allerdings nicht. Ich frage im Freundeskreis herum. "Was?", fragt eine, "oh Gott", sagt ein anderer, schockierte Emojis fliegen mir entgegen. Wir sind alle Frösche.

Vielleicht war 2016 auch noch eine andere Zeit. Heute kleben sie sich draußen fürs Klima fest, auf Konferenzen wird der Weltuntergang beschworen - und die Industrie baut Wegwerflampen? Was kommt als nächstes, ein E-Auto mit verklebter Batterie, dass man nach 300 Kilometern auf den Recyclinghof fährt?

Beschwichtigungen finden sich leicht: "Keine Angst vor LED-Leuchten mit fest eingebauten LEDs", schreibt ein, na klar, LED-Fachhändler. Wärmeabfuhr, Baugröße, Lebensdauer, alles sei besser - und austauschbare LED führten zu "Einschränkungen im Dimmverhalten".

Einschränkungen im Dimmverhalten erfassen mich auch gerade. Wie kann es als normal gelten, eine Lampe zur Einwegfunzel zu degradieren? Lampen gehören neben mittelalterlichen Kanonen zu den wenigen Gegenständen, die einen glaubhaften Ewigkeitsanspruch erheben. Lampen sind simpel. Auf der einen Seite geht Strom rein, auf der anderen kommt Licht heraus. Ich besitze eine knapp 50 Jahre alte Stehlampe, Tante Ullas Stehlampe, sie glüht mit einer Halogen-Birne in den trüben November und sie wird noch glühen, wenn Sie und mich die Würmer fressen.

Eine Woge Öko-Wut

Ich rechne: Eine LED soll bis zu 100.000 Stunden halten. Das sind 12.500 Arbeitstage, also 54 Arbeitsjahre. Wenn ich etwas spare, hält die kleine Anglepoise-Lampe länger als ich, denke ich, und starre in den Abgrund der Endlichkeit. Aber muss es denn nur um mich gehen? Lampen aus den 1920er Jahren sind in Berlin beliebt. Erheben die 2020er Jahre denn gar keinen Geltungsanspruch mehr?

Dann spüre ich eine Woge Öko-Wut: Ich weiß nicht, ob "brav" das richtige Wort ist, aber ich bemühe mich meist um umweltschonende Daseinsbewältigung. Müll trennen, beim Verlassen eines Raums das Licht ausmachen, Wasserhahn zu während des Zähneputzens, solche Dinge. Wenn die Politik mir einen Waschlappen nahelegt, lehne ich dankend ab, aber besonders kurz Duschen, das geht. Ich akzeptiere, dass wir keine AKW mehr wollen, auch wenn ich es nicht verstehe.

Aber ich erwarte eine gewisse Konsequenz. Und ich will nicht zu viel denken müssen. Die Verbraucherschutzpolitik hält Menschen für instinktgeleitete Idioten und in dieser Weltsicht habe ich es mir bequem gemacht. Ich frage gar nicht mehr, warum Dr. Oetkers Fischstäbchenpizza im Nutriscore ein "B" abräumt, ich begrüße es. Wenn ich eine Gurke mit "Bio"-Etikett kaufe, erwarte ich die Dankbarkeit der Bauern und schere mich nicht, wer das Schildchen verklebt. Aber mein Lampenladen sagte mir nicht, dass die Birne im Schirm bleiben muss - und ausgerechnet für die Verklebtheit meiner Lampe gibt es keine gesetzliche Kennzeichnungspflicht. Warum?

Gérard Depardieu tanzt auf meinem Tisch

Und wann haben wir eigentlich den Charme der Ewigkeit vergessen? Mein Küchentisch stammt aus einem Berliner Antikladen. Er hat Kratzer, ich liebe ihn dafür. In Straßburg saß ich einmal in einem Café und der Tisch war von tiefen, schwarzen Scharten übersät. Da habe Gérard Depardieu betrunken drauf getanzt, sagte mir die Kellnerin, ich nippte ehrfürchtig an meinem Espresso und glaubte ihr sofort. Wer weiß, wer auf meinem Küchentisch schon tanzte.

Kostenoptimierung und Futurismus haben die banalsten Gegenstände unseres Lebens ruiniert. Küchenherde, zum Beispiel, werden inzwischen oft mit einer Touch-Oberfläche produziert. Das spart Kosten und die Marketing-Menschen verkaufen es als innovativ. Aber eine Oberfläche, die nach Kontakt mit Wasser unbenutzbar wird, ist praktisch überall besser aufgehoben als in der Nähe eines brodelnden Nudeltopfs. Kürzlich habe ich also einen Herd mit Drehreglern erworben. Das Marketing versprach hier, dass das Modell gerade für Ältere geeignet wäre. Ich bin 42 und starre schon wieder in den Abgrund der Endlichkeit.

Die Ewigkeit der Gegenstände ist natürlich eine Illusion, aber eine schöne - und sie ist ein Geschäftsmodell: Menschen lassen ihre Körper einfrieren. Sie kaufen sich Uhren für Generationen ("Eine Patek Philippe gehört einem nie ganz allein") und neu aufgelegte Leica Filmkameras, weil diese Gegenstände die eigene drohende Verwesung kaschieren. Jede Billiglampe wurde früher genau diesem Anspruch gerecht, ganz mühelos.

Schon wieder bin ich Frosch

Meine LED-Lampe stirbt also, sobald man sie anschaltet. Und doch hat diese Vergänglichkeit sie inzwischen aufgewertet: So ist das mit knappen Gütern. Ich schalte sie nur an, wenn es gar nicht anders geht. Ich habe nämlich irgendwo gelesen, dass so eine LED nicht irgendwann mit einem "Piff" aufgibt, sondern lediglich langsam dunkler wird. Manchmal verändere sich schleichend die Lichtfarbe. Ich beäuge also meine kleine Lampe und frage mich: War die nicht eben noch heller? Und das Licht ein Kelvin wärmer? Schon wieder so eine schleichende Entwicklung, schon wieder bin ich Frosch.

Aus Sorge nehme ich stattdessen bisweilen lieber die Lampe von Tante Ulla, die mit der fauchigen Halogenbirne, diese kleine menschgemachte Sonne mit Fassung. Die menschgemachte Sonne kann man wechseln - und schön warm wird es auch.

Und Dank Öko-Wut ist mit die Energiebilanz mindestens eine Woche lang völlig egal.

Quelle: ntv.de

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