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Rücktritt von Martin Winterkorn "Es brennt im Hofstaat"

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(Foto: picture alliance / dpa)

"Volkswagen braucht einen Neuanfang - auch personell" - mit diesen Worten zieht Martin Winterkorn die Konsequenzen aus dem Skandal um manipulierte Abgaswerte und räumt seinen Posten als VW-Chef. Ein notwendiger Schritt,  meint die deutsche Presse.

"Martin Winterkorn war nicht zu halten", konstatiert die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Es sei nicht ausschlaggebend, was der Vorstandsvorsitzende von VW im Detail wusste: "Es geht darum, dass Winterkorn als langjähriger Chef eine Unternehmenskultur schuf, in der Betrug gedieh. Vor der Probefahrt mit den beiden 'Alten' zitterten selbst stolze Entwicklungsingenieure (neben Winterkorn nahm früher auch der vormalige Aufsichtsratsvorsitzende Ferdinand Piech jedes neue Auto ab, bis sich die beiden im Frühjahr zerstritten). In so einem Klima von Leistungsdruck und Einschüchterung wird eher geschummelt und getrickst." Abschließend richtet das Blatt eine Handlungsempfehlung an die Verantwortlichen bei VW: "Das Kontrollgremium muss jetzt Tabula rasa machen und alle Betrüger belangen. Mehr als 60.0000 Beschäftigte dürfen nicht länger Spielball von zwei verfeindeten Familienstämmen sein."

Auch die Süddeutsche Zeitung befürwortet Winterkorns Entscheidung, unterstellt dem Manager jedoch zugleich mangelndes Verantwortungsbewusstsein: "Der Rücktritt Winterkorns ist Teil des VW-Höllensturzes: Dieser Rücktritt war notwendig; aber er klärt und erklärt noch gar nichts. Der Zurückgetretene ist sich keiner Schuld bewusst. Das ist eine befremdliche Einlassung: Er war Vorstandschef, verantwortlich für das, was er getan und auch für das, was er - zum Beispiel bei der Kontrolle - unterlassen hat. Wertvolle Autos baut man nur dann, wenn im Unternehmen Werte gelten. Die Frage lautet nun: Wie wird VW wieder wertvoll?"

Der Tagesspiegel sieht in der Krise des Autoherstellers auch Gelegenheiten: "Volkswagen hat nun die Chance zu einem Neuanfang, mit einer neuen Führung - nicht nur an der obersten Spitze. Die Notwendigkeit war schon vor Bekanntwerden der illegalen Tricks mit Dieselfahrzeugen unübersehbar. Als im Frühjahr der Streit zwischen Winterkorn und Ferdinand Piëch eskalierte, war bereits allen klar, dass die alten Männer an der VW-Spitze der Komplexität des Konzerns nicht mehr gewachsen sind." Auf die VW-Führung, so die Zeitung weiter, komme nach dem Abgang Winterkorns allerdings viel Arbeit zu: "Volkswagen hat nicht nur ein Corporate-Governance-Problem, sondern auch viele operative Baustellen. Weil sich der Konzern wie kein anderer von China abhängig gemacht hat, wird die Schwäche der dortigen Wirtschaft am sinkenden VW-Gewinn ablesbar sein. Den amerikanischen Markt kann Volkswagen bis auf Weiteres abschreiben. In Russland und Brasilien ist der Absatz eingebrochen. Es brennt im Hofstaat - an allen Ecken und Enden."

Die Stuttgarter Zeitung sieht den Konzern nach den Rücktritten der Zwei starken Männer Winterkorn und Piëch vor einer Zäsur: "Der aktuelle Skandal überdeckt ein wenig, dass der Wolfsburger Konzern nun vor einer Zeitenwende steht. Innerhalb weniger Monate gehen die beiden prägenden Figuren von Deck, die sich wohl selbst am meisten für unersetzbar gehalten haben: vor Martin Winterkorn bereits Ferdinand Piëch, der Patriarch. Es ist eigentlich unglaublich, in welcher Weise zwei Männer in eher fortgeschrittenem Alter die Abläufe in einem Riesenunternehmen auf sich zugeschnitten hatten."

Die Welt verteidigt den zurückgetretenen Winterkorn vor überzogener Kritik: "Der zum Teil hysterische Ton, mit dem VWs Betrügerei kritisiert wurde, neigt zur Tugendprahlerei. Natürlich sind die US-Abgaswerte ernst zu nehmen. Aber wer weiß, dass die top drei der bestverkauften Autos in den USA Sprit vernichtende Pick-ups sind, könnte ahnen, dass jedes Land mit Autoindustrie seine eigenen Produzenten hegt und pflegt. Martin Winterkorn war ein großartiger Autobauer, der es sich selbst nicht verzeihen wird, dass er seinen geliebten Konzern zum Abgang derart lädiert zurücklässt. Niemand wird das mehr schmerzen als ihn, den pflichtbewussten Schwaben. Ob er als einer der großen Wirtschaftslenker des Landes in die Geschichtsbücher eingehen darf, kann erst am Ende der Aufklärung entschieden werden."

Zusammengestellt von Aljoscha Ilg.

Quelle: n-tv.de

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