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Zum Tod von Günter Grass "Seine Stimme wird uns fehlen"

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Günter Grass gilt als einer der wichtigsten deutschen Nachkriegsautoren. Sein moderner Schelmenroman "Die Blechtrommel" brachte ihm den Literaturnobelpreis ein. Unumstritten war der Moralist Grass dennoch nicht. Mit seinem Geständnis, bei der Waffen-SS gedient zu haben, oder einem Anti-Israel Gedicht zog er ein ums andere Mal den Zorn der Öffentlichkeit auf sich. Nun ist der Nobelpreisträger im Alter von 87 Jahren in Lübeck gestorben. Nach Grass' Tod zieht die Presse ihren Hut, vor allem vor dem literarischen Werk dieser polarisierenden Persönlichkeit.

Grass sei niemand Geringeres als "der größte Schriftsteller seit Thomas Mann", schreibt die Heidelberger Rhein Neckar Zeitung. Ob ihm eines Tages sogar der Rang eines Goethe zuteil wird, müssten spätere Generationen entscheiden. Bei all den Lobeshymnen werden seine bisweilen fragwürdigen Stellungnahmen zu Griechenland oder Israel von dem Blatt als "verunglückte Äußerungen" bezeichnet. Sein künstlerischer und gesellschaftspolitischer Einfluss sei größer, als es seine Polemik zu Lebzeiten hätten vermuten lassen können.

Die Stuttgarter Zeitung schließt sich diesem Lob an und ist der Meinung, dass Grass' Werk ihn dazu prädestiniert hätte, die Deutschen nach dem Krieg moralisch zur Verantwortung zu ziehen. "Wer in einem Roman wie der 'Blechtrommel' darzustellen vermochte, wie sich in einer Stadt wie Danzig der Nationalsozialismus in die Gemüter gräbt, wer den kleinbürgerlichen Mief in ein dichtes Sittenbild zu fassen vermochte, aus dem die geschichtliche Wahrheit entgegen leuchtet, der durfte mit Recht eine Stimme beanspruchen, wenn es im Nachkriegsdeutschland darum ging, Fragen der Schuld und Verantwortung zu klären."

"Seine Stimme wird uns fehlen, auch wenn sie manchen genervt hat", erinnert die Nürnberger Zeitung. Grass sei ein "alter Dickschädel" gewesen, der "in Wahrheit sehr dünnhäutig war". Als Literat sei es seine Aufgabe gewesen, unbequem zu sein und Dinge anzusprechen, vor denen man lieber die Augen verschließt. Aus diesem Grund habe er immer wieder "auf gesellschaftliche Fehlentwicklungen und Missstände hingewiesen".

Grass' sei der letzte seiner Art, der "das Dichterische und das J'accuse kultiviert" hat, meint der Berliner Tagesspiegel. Einerseits war er ein "Präceptor Germaniae, ein Prediger des Zorns, ein Hedonist: Aus seiner Gift- und Garküche kamen späte Gedichte über Israel und Griechenland." Er wurde "ungenießbar". So wollte es Günter Grass selbst und so wollte es auch die Öffentlichkeit, bei der der "unangenehme, sperrige Brocken" immer wieder Nachhall fand. Das Blatt ist der Ansicht, dass die Zeit sein literarisches Vermächtnis vom gesellschaftlichen trennen wird. Es helfe den Büchern, "wenn man sie befreit von der Last der Eitelkeit und der Moral des Tages". Was bleiben kann und wird, sei die Literatur.

Auch die Thüringer Allgemeine aus Erfurt ist der Meinung, dass Grass´ Polemik "nicht immer sachlich" war. Sein literarisches Werk werde seine Missgeschicke aber überleben und ihn vor allem als großen Autoren in Erinnerung halten. "Doch wenn schon niemand mehr wissen wird, wann wer warum auf eine mediale Pauke haute, dann wird man 'Die Blechtrommel' noch immer lesen."

"Kann einer, der seine historische Wahrheit so lange verschwiegen hat, als Geschichtsdeuter auftreten?", fragt die Westdeutsche Zeitung aus Düsseldorf nach Grass´ Tod. Um beides miteinander zu vereinbaren, bräuchte man "Glaubwürdigkeit" und "Demut". Diese Werte seien Grass nach dessen Geständnis, in der Waffen-SS gedient zu haben, abgesprochen worden. So würde Günter Grass "in Erinnerung bleiben als die vielleicht streitbarste moralische Instanz dieser Republik, als 'Splitter im Auge', der er sein wollte."

Zusammengestellt von Katja Belousova

Quelle: n-tv.de

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