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Gewaltausbruch in London "Soziales Pulverfass" explodiert

Eines eint die, die sonst in London in allen möglichen Sprachen aneinander vorbeireden: ihre Armut. Der Groll der Demonstranten resultiert aus einer tiefgreifenden sozialen Problemlage, die zum Pulverfass angeschwollen ist. Ein Funke genügt. Die gewalttätigen Ausschreitungen sind keine soziale Bewegung, aber sie kommen nicht überraschend. Und sie sind kriminell.

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2012 will sich London als Olympia-Hauptstadt in Szene setzen.

(Foto: AP)

"Für alle, die mit den Verhältnissen in den Arbeitslosenghettos Englands vertraut sind, spielt der Groll der Demonstranten eine zentrale Rolle", schreibt die Stuttgarter Zeitung und benennt die Probleme: "Notorische Joblosigkeit und weitflächige soziale Entfremdung, von Kommunalpolitikern wie von Sozialarbeitern seit Langem beklagt, bilden den Hintergrund für die gegenwärtige Krawall- und Plünderorgie. Generationen schwarzer, aber auch weißer Bewohner sind in Verhältnissen aufgewachsen und bis heute gefangen, die keine Beteiligung an 'normaler' gesellschaftlicher Entwicklung, keine Teilhabe am vielverheißenen Nutzen der herrschenden Wirtschaftsordnung erlaubt." Eine tiefgreifende Lösung muss her: "Nun einfach mehr Polizisten gegen den aufgestauten Groll in die Schlacht zu werfen, wird die Konflikte, die den Krawallen zugrunde liegen, nicht lösen."

"Wer sagt, dass die Krawalle überraschend ausgebrochen seien, lügt oder verleugnet die Realität. Denn hinter der glitzernden Fassade, die Großbritannien präsentiert, haben sich so viel Unmut, Ressentiments und Zorn angestaut, dass es nur eines Funkens bedurfte, um eine Explosion auszulösen", kommentiert die Süddeutsche Zeitung die Krawalle. Eindeutiger könnte die Botschaft für Britanniens Unterklasse nicht sein: "Einmal arm, immer arm, und das gilt selbstverständlich auch für eure Kinder und Enkel." Zwar mache das aus den Unruhestiftern weder eine soziale noch eine revolutionäre Bewegung, "wer Supermärkte abfackelt, Handy-Shops plündert und Polizisten mit Spitzhacken attackiert, handelt kriminell und muss wie ein Krimineller behandelt werden", dennoch "sind die Unruhen ein Indiz für eine breitere, tiefer sitzende Malaise".

Nach dem Berliner Tagesspiegel könne Großbritanniens Premier Cameron ein Dilemma drohen: Sein "unmittelbares Problem ist, so schnell wie möglich Recht und Ordnung wieder herzustellen. Das Vertrauen in die Welt- und Finanzstadt London wird beschädigt. In weniger als einem Jahr sollen hier Olympische Spiele stattfinden. 'Robuste Polizeiarbeit' verspricht er - was heißt, dass die Polizei ihre Samthandschuhe ablegen wird." Auf der anderen Seite aber wolle er "unter allen Umständen vermeiden, als der Premier in die Geschichte einzugehen, der zum ersten Mal seit dem Krieg die Armee rufen muss, um die Sicherheit englischer Bürger zu garantieren - das wären Szenen, die an Nordirland erinnern".

"Die Plünderungen und Brandstiftungen in London zeigen, dass es zumindest den gewalttätigen Demonstranten nicht vorrangig um die Lösung sozialer Probleme geht, sondern um Lust am Krawall, die man sich gerne noch mit einem geklauten Flachbildschirm versüßt", schreibt die Augsburger Allgemeine zieht Parallelen: "In Millionenstädten findet sich offenbar stets eine kritische Masse an unzufriedenen Personen, die eine Explosion der Gewalt auslösen kann. Aus dieser Quelle speist sich auch die Szene der Hooligans, die den Fußball für Gewaltexzesse missbraucht. Und aus diesem Ungeist heraus kommt es auch in Berlin-Kreuzberg seit Jahren immer wieder am 1. Mai zu Krawallen. Es handelt sich also beileibe um kein rein britisches Phänomen."

Die Landeszeitung Lüneburg glaubt nicht an eine schnelle Lösung der Problematik, dafür sind die Ursachen zu tiefgehend: "Die Olympia-Planer werden nervös. Noch gelang es nicht, den Flächenbrand der Gewalt in London auszutreten. Dabei hätten sie wissen müssen, dass sie den Olympischen Frieden einem glimmenden sozialen Pulverfass überstülpen wollten. Denn seit 2004 steigert sich hier die Jugendgewalt ins Monströse. Vielleicht, weil hier früher als in anderen Mega-Städten der Multi-Kulti-Traum des friedlichen Miteinanders beerdigt wurde. In 39 Sprachen wird in Tottenham aneinander vorbei geredet, obwohl Armut alle eint. Die Revierkämpfe der Jugendgangs wurden umso erbarmungsloser, je mehr die Gangs Kindern aus zerbrochenen Familien die Familien ersetzten. Olympischer Friede wird hier auch 2012 nicht einziehen."

Quelle: n-tv.de, zusammengestellt von Nadin Härtwig

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