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Verbraucher zahlen unnötig Falsches Spiel mit dem Strompreis

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Die meisten der Preiserhöhungen finden zum Jahreswechsel statt.

(Foto: picture alliance / dpa)

Eine Untersuchung der jüngst erfolgten Strompreiserhöhungen macht deutlich: Während die Beschaffungskosten für einen typischen Haushalt um 30 Euro gestiegen sind, haben Stromanbieter den Preis im Schnitt um das Doppelte erhöht. Hier lesen Sie, ob und was man dagegen tun kann.

Seit dem Jahreswechsel sind die Preise für Strom und Gas durchschnittlich um etwa fünf Prozent gestiegen. Für einen typischen Haushalt mit einem Stromverbrauch von 4000 Kilowattstunden führt dies laut einer Berechnung vom Vergleichsportal Verivox im Schnitt zu 60 Euro Mehrkosten pro Jahr. Als Begründung für die Preissteigerungen geben Anbieter vor allem gestiegene Einkaufspreise an.

Laut dem Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) sind die Strom-Beschaffungskosten von 6,20 Cent (2018) auf 6,88 Cent (2019) gestiegen. Praktisch ergeben sich dadurch Mehrkosten für den Anbieter von 27,20 Euro bei einem typischen Verbrauch von 4000 kWh. Also weit weniger als 60 Euro. Selbst wenn man die ebenfalls gestiegenen Netzentgelte hinzu addiert, die von 7,29 Cent auf 7,39 Cent gestiegen sind, kommt man gerade einmal auf Mehrkosten von 31,20 Euro. Da gleichzeitig die Steuern, Abgaben und Umlagen von 15,98 Cent leicht auf 15,95 Cent gesunken sind, ergeben sich in Summe Mehrkosten von genau 30 Euro.

Folglich stellt sich die Frage, warum Anbieter in diesem Jahr die Strompreise für Verbraucher im Schnitt um 60 Euro angehoben haben, zumal die Strom-Beschaffungskosten jüngst wieder gesunken sind?

"Die Branche macht sich unglaubwürdig"

Udo Sieverding, Bereichsleiter Energie bei der Verbraucherzentrale NRW und einer der führenden Energieexperten Deutschlands, hält die Erhöhung nicht für gerechtfertigt: "Zwar sind in der Tat die Großhandelspreise für Strom in den letzten Monaten gestiegen, aber nicht in dem Maß, dass die Strompreise um fünf Prozent steigen müssten. Die Branche macht sich auch unglaubwürdig, da sie uns Verbraucher in Zeiten sinkender Börsenstrompreise auf ihre langfristige Beschaffungsstrategie verwiesen hat."

Doch sobald die Energiepreise einen leichten Anstieg verzeichnen, ist diese zögernde Haltung wie weggeblasen: Es scheint sehr viel leichter zu fallen, die Kunden zur Kasse zu bitten, als ihnen Zugeständnisse zu machen.

Die meisten der Preiserhöhungen finden zum Jahreswechsel statt. Sieverding beschreibt jedoch auch ein Phänomen, das schon in den letzten Jahren zu beobachten war: "Erfahrungsgemäß kleckern aber auch zahlreiche Unternehmen zum 1. Februar oder später nach. Wir vermuten aus taktischen Gründen, um sich der medialen Diskussion zu entziehen".

Wo kein Kläger, da kein Richter

In anderen Märkten würden Kunden derartige Preiserhöhungen Anbietern quittieren, indem sie sich einen anderen Anbieter suchen. So jedoch nicht bei Stromtarifen. Schließlich haben die wenigsten Verbraucher Lust, sich um solch ein Thema zu kümmern. Dies wissen natürlich auch die Anbieter und können sich aus diesem Grund auch drastische Erhöhungen wie in den letzten Monaten erlauben, ohne eine Konsequenz zu befürchten. Grund dafür ist die bisher bedingungslose Treue der Kunden zu ihren Anbietern. Mit dem am 29. April 1998 in Kraft getretenen "Gesetz zur Neuregelung des Energiewirtschaftsrechts" begann in Deutschland die von der Europäischen Union vorgegebene Liberalisierung der Strommärkte. Das ist nun schon fast 21 Jahre her. Seit dieser Zeit kann man sich zwischen Hunderten einzelner Anbieter entscheiden.

Das Ergebnis des jüngsten Monitoringberichts der Bundesnetzagentur zeigt, dass diese Freiheit nicht wirklich genutzt wird – 69 Prozent der Deutschen haben nach wie vor nie den Stromanbieter gewechselt und sind ihrem Anbieter fast bedingungslos treu ergeben. Damit ist Deutschland auch im internationalen Vergleich weit abgeschlagen. Und das in einem Land, wo sonst gerne jeder Cent zweimal umgedreht wird, um ja nicht zu viel zu bezahlen. Dabei ist die Möglichkeit der Ersparnisse enorm, wie das Vergleichsportal Check24 vor kurzer Zeit vorrechnete: Im Schnitt spart ein Vierpersonenhaushalt 199 Euro pro Jahr.

Die Macht der Verbraucher

Wer als treuer Kunde seines Stromanbieters nicht länger mehr berechnet bekommen möchte, kann etwas dagegen unternehmen. Schließlich werden wechselwillige Kunden mit allerlei Geschenken belohnt. Verbraucherschützer Sieverding hält daher den Anbieterwechsel für den logischen Schritt: "Der Wechsel des Anbieters ist eine gute Sache. Da kann man viel sparen, da kann man auch Druck auf den Wettbewerb ausüben."

Mittels des eigenen Portemonnaies ein Zeichen zu setzen, ist häufig das wirkungsvollste Mittel. Allerdings sollte man nicht blindlings einfach nur den billigsten Tarif auf einem der Vergleichsportale wählen, da sich in den letzten Jahren einige Billiganbieter regelmäßig auf den klassischen Vergleichsportalen durch künstlich abgesenkte Erstjahrespreise ganz oben platziert haben. Deren Strategie ist, nichtsahnenden Kunden mit Ablauf des ersten Vertragsjahres eine versteckte Preiserhöhung unterzujubeln.

Warentest empfiehlt Tarifaufpasser

Stiftung Warentest hat in ihrer jüngsten Finanztest-Ausgabe das neue Marktsegment sogenannter Tarifaufpasser oder Tarifoptimierer in einem Langzeittest beleuchtet. Der Gedanke hinter diesen Unternehmen richtet sich an Menschen, die keine Lust haben, sich Jahr für Jahr mit ihrem Strom- und Gastarif zu beschäftigen. Wobei die Tarifaufpasser nicht nur rechtzeitig vor Ablauf der Kündigungsfrist aktiv werden und überprüfen auf Basis aller Stromangebote, ob sich eine Tarifoptimierung lohnt, sondern nehmen diese auf Wunsch vollautomatisch vor, ohne das man selber aktiv werden braucht. Fragwürdige Stromanbieter werden von diesen Tarifaufpassern von vornherein ausgeschlossen. Sogar auf Preiserhöhungen passen die Dienstleister auf und sorgen dafür, dass diese nicht übersehen werden, sondern wehren sie aktiv ab.

Die neun von Stiftung Warentest überprüften Tarifaufpasser, zu denen Esave, SwitchUp, Wechselpilot oder Wechselstrom gehören, wurden größtenteils als empfehlenswert beziehungsweise sehr empfehlenswert eingestuft. Die Tester kommen zu einem klaren Fazit: "Das ist bequem und lohnt sich".

Die Kosten für den Service dieser Tarifaufpasser variieren – so berechnen viele der Anbieter 20-30 Prozent der Ersparnisse. Unter den Testsiegern ist mit SwitchUp auch ein Dienstleister, der eine kostenfreie Lösung anbietet. Das Berliner Start-up, welches laut Stiftung Warentest der Marktführer ist, finanziert sich über eine kleine Provision des neuen Anbieters und ist so in der Lage, den eigenen Service für Verbraucher kostenfrei anzubieten. Der Dienstleister geht dabei noch einen Schritt weiter und schließt auf eigene Kosten für jeden Verbraucher einen Wechselschutz ab, den laut Stiftung Warentest die übrigen Tarifaufpasser in dieser Form nicht beinhalten.

Ob man nun über einen der Tarifaufpasser oder über die Vergleichsportale wechselt, eines sollte allen Verbrauchern klar sein: Solange man nicht aktiv wird, darf man sich nicht wundern, wenn Stromanbieter das falsche Spiel mit dem Strompreis fortsetzen und ihren treuesten Kunden wie selbstverständlich die höchsten Preise berechnen.

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Quelle: n-tv.de, awi

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