Ratgeber

Wohnen im Alter Im Vorfeld Alternativen zum Pflegeheim finden

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Wird der Angehörige zu Hause gepflegt, gibt es einen Anspruch auf vollständige Freistellung bis zu sechs Monaten.

(Foto: picture alliance / dpa)

Wenn ältere Menschen zu Hause nicht mehr angemessen versorgt werden können, ist der Umzug ins Pflegeheim nur eine von mehreren Optionen. Je früher die Beteiligten alle Möglichkeiten durchspielen, desto besser.

Wenn ein Mensch pflegebedürftig wird, ist immer auch sein Umfeld betroffen. Aktuell leben in Deutschland von 3,4 Millionen Pflegebedürftigen etwa 820.000 in stationären Pflegeeinrichtungen - Tendenz steigend, allein durch die demoskopische Entwicklung.

Der Wunsch nach verlässlichen Informationen zur Auswahl des richtigen Heims ist sowohl bei Betroffenen als auch Angehörigen sehr groß. Dies belegt eine aktuelle Studie des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP) in Zusammenarbeit mit der AOK und der Charité Berlin.

Pflege von Angehörigen teils emotional belastend

Der ZQP-Vorsitzende Ralf Suhr kennt die Not der Betroffenen. "Die Pflege von Angehörigen ist eine anstrengende Tätigkeit - körperlich wie emotional. Die Grenze der heimischen Versorgung ist dann erreicht, wenn die Kräfte am Ende sind."

Bei Überforderung in der Pflege können Aggressionen auftauchen. Auch Grenzen der Intimität werden erreicht. So mag nicht jede Tochter ihren Vater waschen müssen. Eng wird die Situation schnell nach einem Krankenhausaufenthalt: Kann die Ehefrau nicht mehr laufen, so müssen der Ehemann oder die Kinder pflegen, egal ob selbst betagt oder noch voll berufstätig.

"Allein die Überlegungen, ob die Mutter nun doch ins Heim muss, sind sehr belastend. Die Angehörigen plagen sich oft mit Schuldgefühlen oder Versagensbewertung", sagt Ralf Suhr. "Man will ja das Beste für seine Lieben."

Möglichst frühzeitig über Optionen informieren

Ein Grundproblem ist oft, dass die Menschen gar nicht wissen, welche Möglichkeiten der pflegerischen Versorgung es gibt oder ob Alternativen zur Unterbringung im Heim bestehen. Dabei haben Pflegebedürftige in Deutschland seit 2009 das Recht auf kostenlose und individuelle Pflegeberatung. Über die ZQP-Webseite lassen sich Tausende von Beratungsstellen nach Region und eigenen Präferenzen durchsuchen.

"Alle reden von der Gesellschaft des langen Lebens, aber wir müssen auch lernen, damit umzugehen. Dazu gehört die Auseinandersetzung mit der Frage, wie eine pflegerische Versorgung gestaltet werden könnte", sagt Ralf Suhr. Daher rät er, rechtzeitig zu besprechen, wie die Zukunft aussehen könnte.

Dabei sollte auch ein möglicher Einzug in ein Pflegeheim bedacht werden, selbst wenn er nicht unmittelbar bevorsteht. Irgendwann könne es plötzlich schnell gehen - zum Beispiel nach einem Sturz, so Suhr. Dann könne es unter Zeitdruck leicht passieren, dass das bestmögliche Heim keine Option mehr sei.

Welche Alternativen möglich sind, hängt auch vom eigenen Zustand und der Region ab. Dazu gehören ambulante Dienste, Tages- oder Nachtpflege, Pflege-Wohngemeinschaften oder betreutes Wohnen samt Fahrstühlen und sicherer Tür. In einigen Fällen kann die beste Lösung für alle Beteiligten auch bedeuten, einzelne Komponenten zu ergänzen - etwa Hausnotrufsysteme, Einkaufs- oder Putzhilfen.

Bedingungen für Unterbringung im Pflegeheim

In manchen Bundesländern gibt es ein dichteres Netz der Beratungsstellen als in anderen. Die PBMs in Hamburg sind Pflegestützpunkte und Beratungszentren für ältere, pflegebedürftige und körperbehinderte Menschen, die in dieser Art in Deutschland einzigartig sind.

Rüdiger Thomas als Leiter der Beratungszentrale PBM-Nord weiß durch seine langjährige Erfahrung, dass die meisten Senioren so lange wie möglich in der Wohnung bleiben möchten. "Zuerst geht es darum: Was will der betroffene Mensch? Sind alle Möglichkeiten ausgeschöpft, um ihn zu Hause leben zu lassen? Punktuelle und gezielte Betreuung kann da vieles ergänzen. Der Schwerpunkt in Hamburg ist eindeutig: Ambulant vor stationär", so Thomas.

Wenn ein hinzugezogener Pflegedienst den Pflegeaufwand als zu hoch einschätzt, muss neu abgewogen werden. Voraussetzung für eine Heimunterbringung ist mindestens der Pflegegrad 2 - von fünf möglichen. "Die betroffene Person muss geistig selbst in der Lage sein, dies zu entscheiden. Wenn sie dies zum Beispiel aufgrund von Demenz nicht mehr kann, reicht es nicht, die Vollmacht den Kindern oder dem Ehemann zu überschreiben. Das muss ein fachlich versierter Pflegebetreuer entscheiden", so Thomas.

Probewohnen als Chance

Selbstbestimmte Entscheidungen führen selten zur Unterbringung im Heim. Aber auch in solchen Fällen sollte auch diese Wohnstätte ein Zuhause darstellen. "In eine Wohnung zieht man auch nicht um, ohne sie vorher genau gesehen zu haben", sagt Thomas. Das richtige Heim wird manchmal über ein Probewohnen gefunden. "Es kommt nicht oft vor, aber es ist eine echte Chance", so der Experte. "Wenn der Betroffene sich zu Hause einfach nicht mehr sicher fühlt, ist das für manche ein Grund, ins Heim wechseln zu wollen."

Eine andere Möglichkeit, ein Heim unverbindlich kennenzulernen, ist dort essen zu gehen - wie in einem Restaurant. Auch Sommerfeste oder Pflegeheimtouren, wo man mehrere Heime in einer Gruppe besucht, werden gern genutzt. Wichtiger Nebeneffekt: So lässt sich die Angst vor dem Heim verringern.

Die Selbstbestimmtheit des älteren Menschen stehe im Vordergrund, so Thomas. "Die Grenze ist da, wo jemand nicht mehr in der Lage ist, das selbst zu entscheiden." Auch er plädiert dafür, sich rechtzeitig mit der Thematik auseinanderzusetzen.

Die eigenen vier Wände können Freiheiten bieten

Christine Sowinski vom Kuratorium Deutsche Altershilfe glaubt, dass der Heimeinzug generell zu schnell empfohlen wird. Nach ihrer langjährigen Erfahrung als Krankenschwester und als pflegende Angehörige ist die Psychologin nun selbst in der Beratung tätig und plädiert für umsichtige Entscheidungen. "Niemand geht freiwillig ins Heim, das geschieht meist auf Bitten eines Gesünderen. Viele Menschen sind bei einer Heimunterbringung oft in einer Schocksituation."

Gerade nach einem Krankenhausaufenthalt sollten Ältere bevorzugt nach Hause kommen, auch wenn der Zustand auf der Station kritisch erschien, so Sowinski. "Ich habe schon wahre Wunder gesehen, was die auf einmal alles können. Das eigene Zuhause ist unheimlich gesundheitsfördernd."

So bietet das eigene Zuhause Möglichkeiten, die andernorts nicht denkbar sind: "Zu Hause haben die Menschen die Hoheit über ihr Verhalten. Dort kann der Betroffene Bewegungsabläufe machen, die im Heim gar nicht erlaubt sind, und sie trainieren trotzdem dabei Muskulatur und Beweglichkeit", so Sowinski.

Quelle: ntv.de, Sabine Schreiber, dpa