Rath around the world Vielleicht eines der besten Hotels der Welt - unauffälliger Luxus in der Schweiz
Von Carsten K. Rath 
Während andernorts Reichtum inszeniert wird, begegnet man in Gstaad Milliardären und Weltstars auf der Straße. Diese Mischung aus großem Geld und demonstrativer Gelassenheit hat das Hotel Alpina Gstaadt perfektioniert.
Ich kenne das "Preferred Hotel The Alpina" seit vielen Jahren und habe das Haus mehrfach besucht. Ihm gelingt etwas, das bei Hotels dieser Klasse keineswegs selbstverständlich ist: Es wird mit jedem Aufenthalt besser. Als ich diesmal auschecke, denke ich sogar: Für mich ist es heute vielleicht eines der besten Hotels der Welt.
Dabei sind es gar nicht die großen Gesten, die mich zu diesem Urteil bringen. Natürlich ist die Hardware spektakulär. Gerade einmal 56 Zimmer und Suiten verteilen sich in bester Hanglage oberhalb Gstaads. Altes Scheunenholz, Ringgenberger Kalkstein, handbemalte Möbel und Schweizer Handwerkskunst prägen das Haus. Internationale Kunst hängt an den Wänden, Blumen stehen überall, der Blick schweift über die Berge des Saanenlandes. Der riesige Spa mit mehreren Whirlpools schafft eine Welt der Ruhe.
Doch wirklich bemerkenswert finde ich etwas anderes: die Liebe zum Detail.
Dafür steht General Managerin Nadine Friedli. Auf meinem Bademantel entdecke ich meine Initialen, ebenso auf Kissen und Waschbeutel. Kleine persönliche Aufmerksamkeiten tauchen genau dort auf, wo ich sie nicht erwarte. Selbst an Tennisbälle wurde gedacht. Vieles davon habe ich auch in anderen Spitzenhotels erlebt. Selten jedoch mit dieser Konsequenz.
Die Kunst des scheinbaren Laissez-faire
Vielleicht liegt genau darin eines der Geheimnisse großer Hotellerie. Der Gast soll die perfekte Organisation hinter seinem Aufenthalt gar nicht wahrnehmen. Je komplizierter die Abläufe im Hintergrund, desto selbstverständlicher sollte sich vorne alles anfühlen.
Das Haus beherrscht diese Kunst. Die Atmosphäre ist entspannt, fast beiläufig. Gleichzeitig stimmt das Timing. Wünsche werden erfüllt, bevor daraus große Anliegen entstehen. Es ist eine Form des Laissez-faire, hinter der in Wahrheit höchste Präzision steckt.
Einer, der dieses Prinzip geradezu personifiziert, ist Chef-Concierge Nuno Costa. Gute Concierges kennen die besten Restaurants, organisieren Tickets und lösen Probleme. Hervorragende Concierges kennen ihre Gäste.
Costa organisiert mir einen Tennisprofi ebenso selbstverständlich wie für einen anderen Gast das passende Geschenk. Er weiß erstaunlich viel, trägt dieses Wissen aber nie vor sich her. Diskretion gehört schließlich zu den wichtigsten Währungen in Gstaad. Manche Concierges tragen ihre goldenen Schlüssel wie Orden. Nuno Costa braucht solche Insignien nicht. Für mich ist er der Chef-Concierge aller Concierges.
Ein Dorf, in dem niemand zweimal hinschaut
Diese Haltung endet nicht an der Hoteltür. Sie prägt ganz Gstaad. Internationale Unternehmer, Milliardäre und Prominente bewegen sich hier mit einer Selbstverständlichkeit durchs Dorf, die mich immer wieder fasziniert. Ohne großes Gefolge, ohne demonstrative Abschirmung und vor allem ohne die permanente Inszenierung des eigenen Status.
Das unterscheidet Gstaad für mich auch von St. Moritz. Dort gehören Glanz und Glamour zum gesellschaftlichen Schauspiel. Gstaad ist leiser. Reichtum muss hier nicht permanent bewiesen werden.
Vielleicht kommen deshalb selbst internationale Tennisstars gerne zum ATP-Turnier, obwohl Gstaad sportlich "nur" ein 250er-Turnier ausrichtet. Hier können Menschen, die anderswo ständig beobachtet werden, erstaunlich normal leben.
Warum das funktioniert, erklärt mir ein Mann, der die Entwicklung des Ortes über Jahrzehnte mitgeprägt hat.
Vom Holzfäller zum Luxusentwickler
"Mein erstes Geld habe ich als Skilehrer, später als Landwirt und Holzfäller verdient", erzählt mir Marcel Bach. Heute entwickelt er die exklusivsten Immobilien Gstaads. Eine bemerkenswerte Karriere - und eine, die viel über diesen Ort erzählt.
Im Winter arbeitete Bach als Skilehrer, in anderen Jahreszeiten in Landwirtschaft und Wald. Früh lernte er Sprachen, ging nach England und Argentinien und knüpfte über den Skisport internationale Kontakte. Bald erkannte er die Nachfrage nach hochwertigen Immobilien im Saanenland. Er begann mit kleineren Projekten, beteiligte sich später an einem großen Immobilienunternehmen und entwickelte schließlich Luxus-Chalets und Hotels.
Auch hinter der Entstehung des "Preferred Hotel The Alpina" steht Bach. Das Grundstück war bereits viele Jahre im Besitz der Entwickler, bevor gebaut werden konnte. Allein das Bewilligungsverfahren dauerte rund 13 Jahre. Als das Hotel schließlich 2012 eröffnete, war es das erste neu errichtete Fünf-Sterne-Hotel Gstaads seit rund einem Jahrhundert.
Interessanter als die Millioneninvestitionen finde ich jedoch Bachs Erklärung für den Erfolg Gstaads. Er spricht zuerst von der Natur. Die Berge seien präsent, ohne einen zu erdrücken. Dazu kommen Sicherheit, internationale Schulen und die Möglichkeit, hier ganzjährig leben zu können.
Und dann nennt er einen Faktor, der auf den ersten Blick wenig glamourös klingt: strenge Bauvorschriften. Gstaad ist über Jahrzehnte sorgsam mit Grund und Boden umgegangen. Landwirtschaft blieb sichtbar, die typische Architektur wurde geschützt. Während andere Destinationen möglichst schnell und möglichst viel bauten, setzte Gstaad Grenzen.
Vielleicht sieht Luxus deshalb hier bis heute so selbstverständlich aus.
Gstaad vor dem nächsten großen Sprung
Jetzt steht das beschauliche Bergdorf vor einer neuen Entwicklungsphase. Das "Park Gstaad" wird umfassend erneuert und soll 2027 als "Four Seasons" zurückkehren. Damit zieht eine der bedeutendsten internationalen Luxusmarken in den Ort ein.
Noch spannender ist für mich ein anderes Projekt. Gemeinsam mit Marcel Bach darf ich bereits einen Blick auf die Baustelle des neuen "Grand Hotel Sonnenhof" oberhalb von Gstaad werfen. Das Hotel wird spektakulär in den Berghang integriert und soll Ende 2027 eröffnen. Schon jetzt lässt sich erahnen, was seine größte Attraktion sein dürfte: der außergewöhnliche Blick über Gstaad und die umliegende Bergwelt.
Gleichzeitig entwickeln sich die etablierten Häuser weiter. Das legendäre "Gstaad Palace" steht für mehr als ein Jahrhundert Grandhotellerie, das "Le Grand Bellevue" setzt unter Daniel und Davia Koetser neue Akzente bei Gastronomie und Residenzen. Und das "Alpina", Mitglied der "Preferred Hotels & Resorts", bleibt für mich die Benchmark des Ortes.
Gstaad wird also luxuriöser. Die spannende Frage lautet, ob es dabei auch lauter wird.
Der Duft bleibt
Zurück im Hotel erlebe ich, warum ich mir darüber zumindest hier wenig Sorgen mache. Die Restaurants, der großzügige Spa, die Kunst und die fantastische Ausstattung beeindrucken mich. Entscheidend bleiben am Ende jedoch die Menschen und jene kleinen Gesten, die in keiner Quadratmeterzahl auftauchen.
Beim Abschied steht mein Auto vor dem Hotel. Es wurde innen und außen gereinigt. Im Wagen entdecke ich eine handgeschriebene Karte und ein kleines geschnitztes Holzstäbchen mit dem charakteristischen Duft des Alpina.
Ich fahre hinunter ins Tal, und noch einige Kilometer begleitet mich dieser Duft. Und ich fühle mich bestätigt: Das Haus gehört regelmäßig zu den "Die 101 besten". Es wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem als Kategoriensieger in den Bereichen "Luxury Lifestyle Hotel of the Year" sowie "Luxury Leisure Hotel of the Year".
Raths Reise-Rating:
1. Ganz großes Kino
2. Wenn's nur immer so wäre
3. Hohes Niveau, mit ein paar wenigen Schwächen
4. So lala, nicht oh, là, là
5. Besser als im Hostel
6. Ausdrückliche Reisewarnung
Über den Autor: Als früherer Grandhotelier und Betreiber des relevantesten Hotel-Rankings im deutschsprachigen Raum die-101-besten.com ist Carsten K. Rath Globetrotter von Berufs wegen. Sämtliche Hotels, über die er für ntv schreibt, bereist er auf eigene Rechnung.
Rath ist zudem Autor der Bücher "Die 101 besten Hotels Deutschlands". Mit seinem Ranking kam er im Jahr 2024 erstmals in die Schweiz. Bestellen Sie das Buch gerne per E-Mail an board@i-sle.ch oder online unter:
https://die-101-besten.de/interesse-am-buchband-die-101-besten-hotels-deutschlands-2026/
Jetzt neu: PODCAST – "Minibar-Geständnisse, aus Zimmer 101" von Carsten K. Rath, der bei den besten Hoteliers hinter die Kulissen blickt. Zu hören unter anderem bei Apple und Spotify.