Ratgeber

Langfristige Vermögensanlage Wer teure Aktien kauft, ist doof?

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Manfred Krug wurde zur Ikone der T-Aktie.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Auf dem Konto gibt es keine Zinsen, selbst die Bundesbank warnt vor überteuerten Immobilien in Städten. Die neue Aktienkultur in Deutschland liegt an fehlenden Alternativen. An der krisenanfälligen Wirtschaft hat sich nichts geändert. Ob das gut geht, lässt sich heute schon beantworten.

Gemäß einer aktuellen Studie der Bundesbank hat das Geldvermögen der Deutschen mit 7,143 Billionen Euro einen neuen Rekordwert erreicht. Etwa 40 Prozent davon liegt unverzinst auf Spar- und Girokonten, aber Aktienanlagen sind inzwischen mit rund 20 Prozent auf dem Vormarsch. Laut dem Deutschen Aktieninstitut werden die Aktien von einer wachsenden Bevölkerungsschicht gehalten, die Anzahl der Aktionäre hat sich 2020 von 9,7 Millionen auf 12,4 Millionen gesteigert. Jung und Alt entdecken Aktien für den Vermögensaufbau.

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Dr. Andreas Beck bewertet als unabhängiger Finanzmathematiker die Qualität von Vermögensverwaltungen. Unter anderem testet er zusammen mit n-tv und Focus Money seit über zehn Jahren die Portfolios der führenden Privatbanken in Deutschland. Daneben leitet er die Index Capital, welche für Banken und Fondsgesellschaften wissenschaftlich fundierte Portfoliomodelle entwickelt.

Kritiker am Aktienboom weisen gerne darauf hin, dass wir Höchststände an den Börsen haben. Wer jetzt einsteigt, wiederholt den Fehler des ersten deutschen Aktienbooms mit EM.TV, Telekom, Nemax 50 und dem anschließenden Katzenjammer. Aber so einfach ist es nicht. Genau betrachtet wird der neue Aktienboom von zwei sehr unterschiedlichen Investorengruppen getragen. Eine wird scheitern, eine wird erfolgreich.

Die erste Gruppe:

Sie ist eine Kopie des letzten Booms 1998 bis 2001. Damals entstanden neue Direktbanken, die Werbung lud aggressiv zum Zocken ein und Manfred Krug wurde zur Ikone der T-Aktie. Hier ein Trade, da ein Trade und schon ist man Teil des großen Gewinnspiels. Smart und cool, wer rechtzeitig Internet- und Telekom-Aktien gekauft hatte. Jetzt - 2021 - sind die Wunden vergessen und das Spiel wird neu gespielt: Neobroker statt Direktbanken, "tenbagger"-Aktien statt neuer Markt und der Schauspieler Manfred Krug heißt heute auch anders und ist Influencer. Die Parallelen sind verblüffend. Natürlich kann es dieses Mal ganz anders kommen, aber es wäre nicht überraschend, wenn die Kritiker recht behalten und sich dieses hippe Gewinnspiel am Ende wieder als große Katastrophe für die Privatanleger entpuppt.

Die zweite Gruppe:

Sie hat mit diesem Hype nichts zu tun, sie sucht nicht den Nervenkitzel, sondern die Langeweile. Und eine langfristig erfolgreiche Geldanlage ist langweilig. Superlangweilig ist zum Beispiel die Strategie, über regelmäßige Sparraten die Welt AG zu kaufen, sich also über Indexfonds an allen knapp 9000 Unternehmen der Welt zu beteiligen und damit deren Gewinne im eigenen Depot Jahr für Jahr einzusammeln. Da die Unternehmen im Schnitt grundsätzlich profitabel arbeiten - dafür sorgt selbst in Krisen der Kapitalismus -, entsteht über den Zinseszins der Rentabilität der Weltwirtschaft langfristig Vermögenswachstum, unabhängig von kurzfristig starken Kursschwankungen. Klingt aufwendig, aber tatsächlich reicht dafür die Investition in zwei Indexfonds (ETF) und schon ist man der totale Kapitalist und Miteigentümer der Welt AG.

Dass diese Strategie über Weltkriege und Wirtschaftskrisen hinweg funktioniert hat, ist kein Zufall. Geld vermehrt sich nicht von selbst und auch nicht über Wertpapiere, sondern nur in der Wirtschaft. Einzelne Unternehmen gehen dabei auf und unter, die Welt AG bleibt bestehen und passt sich nur laufend an geänderte Rahmenbedingungen an.

Der Markt funktioniert langfristig

Beide hier beschriebenen Gruppen investieren in Aktien und doch handeln sie grundverschieden. Die erste Gruppe setzt darauf, dass bestimmte Unternehmen in Zukunft enorme Gewinne erwirtschaften werden, ohne dass dies im aktuellen Aktienkurs schon berücksichtigt wäre. Sie setzt darauf, dass der Markt nicht funktioniert und sie selbst schlauer sind. Etwas größenwahnsinnig, wenn man bedenkt, wie effizient und schnell heutzutage Unternehmenskennzahlen bei der Preisbildung am Aktienmarkt berücksichtigt werden. Die Kapitalmarktforschung zeigt recht klar, dass sich Privatanleger hier überschätzten und langfristig verlieren.

Die zweite Gruppe setzt darauf, dass der Markt funktioniert. Nicht perfekt und überall, aber im Schnitt und langfristig. Diese Gruppe braucht für ihren Erfolg nicht schlauer als der Markt zu sein, diese Gruppe ist der Markt.

Mehr zum Thema

Soweit zu den Grundlagen. In den nächsten Beiträgen stellen wir die erfolgreichsten Wege vor, mit wenig Aufwand ein Welt AG Portfolio zusammenzustellen. Hier führen mehrere Wege nach Rom, jeder Weg wird funktionieren - aber nicht alle sind gleich schnell.

Dr. Andreas Beck bewertet als unabhängiger Finanzmathematiker die Qualität von Vermögensverwaltungen. Unter anderem testet er zusammen mit n-tv seit über zehn Jahren die Portfolios der führenden Privatbanken in Deutschland. Sein neuestes Buch "Erfolgreich wissenschaftlich investieren" kann auf www.globalportfolio-one.de kostenlos heruntergeladen werden.

Quelle: ntv.de

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