Sport
Bei der EM vor zwei Jahren überzeugt Rechtsaußen Tobias Reichmann als zweitbester Torschütze des Turniers.
Bei der EM vor zwei Jahren überzeugt Rechtsaußen Tobias Reichmann als zweitbester Torschütze des Turniers.(Foto: imago/Camera 4)
Samstag, 13. Januar 2018

Handballer wollen EM-Titel: "Bad Boys" sind heiß - ganz ohne Brand

Von Judith Günther

Zur Handball-Europameisterschaft in Kroatien reist Deutschland als Titelverteidiger, dementsprechend groß ist der Erfolgsdruck. Mit Christian Prokop wollen die "Bad Boys" den nächsten Coup, der neue Trainer sorgt allerdings für mächtig Wirbel.

Nein, der Bundestrainer der deutschen Handballer heißt nicht mehr Heiner Brand. Warum wir Ihnen das erzählen? Nun, der frühere Nationalspieler Stefan Kretzschmar hat offenbar die Erfahrung gemacht, dass bei dieser Randsportart Dinge wie Trainerwechsel schnell mal untergehen: "Du kannst die Leute auch fragen: Wer ist gerade Bundestrainer? Da sagen 50 Prozent: Heiner Brand. Der ist seit sieben Jahren nicht mehr im Amt", sagte er dem "Spiegel".

Video

Also, damit das geklärt ist: Christian Prokop heißt der Mann, der mit den "Bad Boys" den Europameister-Titel erfolgreich verteidigen will. Jetzt würden wir nicht so weit gehen und Herrn Prokop unterstellen, dass er mit der überraschenden Nominierung seines EM-Kaders genau das bewirken wollte: seinen Namen in den Schlagzeilen zu lesen. Ein paar mehr Leute dürften den Trainer nach der Ausbootung zweier EM-Helden trotzdem kennen. Was ja auch nicht schadet.

Der Aufreger

Der stammt vom deutschen Bundestrainer, der als Nachfolger von Dagur Sigurdsson sein erstes großes Turnier bestreitet. Statt Finn Lemke und Fabian Wiede, die maßgeblichen Anteil am sensationellen Titel-Triumph vor zwei Jahren in Polen hatten, dürfen zwei absolute DHB-Nobodys mit zur Europameisterschaft fahren. Ein Verzicht, der vielleicht nicht ohne Grund, definitiv aber ohne Zwang ist. Denn vor allem die Nicht-Nominierung des deutschen Abwehrchefs Lemke sorgt für Kritik, mitunter sogar Fassungslosigkeit. So auch bei seinem Vereinstrainer Michael Roth von der MT Melsungen: "Auf solche Qualität ohne Not zu verzichten, wirft Fragen auf. Wenn einer das alles mitbringt wie Lemke und keine Verletzung hat, ist es schon fahrlässig", sagte Roth beim Fernsehsender Sport1. Freilich hat sich Prokop diese Entscheidung nicht leicht gemacht, sie ist vor allem taktischer Natur.

Der EM-Modus

Die Handball-EM in Kroatien ist in drei Phasen aufgeteilt: die Vorrunde (12. bis 17. Januar), die Hauptrunde (18. bis 24. Januar) und die Finalphase (26. bis 28. Januar). Zunächst treffen die 16 Mannschaften in den Gruppen A bis D aufeinander, Deutschland spielt in der Vorrundengruppe C in Zagreb gegen Montenegro (13.1. ab 17:15 Uhr), Slowenien (15.1. ab 18:15 Uhr) und Mazedonien (17.1. ab 18:15 Uhr). Der Gruppenletzte fliegt raus, die ersten drei Teams ziehen in die Hauptrunde ein und nehmen ihre Punkte mit.

Dort werden zwei Gruppen mit jeweils sechs Teams gebildet, wobei die Vorrundengruppen gemischt werden: Die drei besten aus Gruppe A müssen sich gegen die drei besten der Gruppe B beweisen; genauso läuft es bei den Gruppen C und D. Die beiden jeweiligen Gruppenbesten qualifizieren sich für das Halbfinale. Die Sieger stehen am 28. Januar ab 20.30 Uhr im Finale.

Bei der EM setzt der DHB-Stratege auf die bewährte 6:0-Abwehr, die soll jedoch aggressiver und flexibler ausgerichtet werden. Und weil der mit einer stattlichen Größe von 2,10 Metern gesegnete Lemke nun vielleicht nicht unbedingt das verkörpert, was man als flink und wendig bezeichnen würde, darf der Leipziger Bastian Roschek mitfahren. Und ein schlechter Mann ist der ja auch nicht - er gilt als einer der besten Verteidiger der Bundesliga. Dennoch: wenn das riskante Konzept nicht aufgeht, hat der Bundestrainer ein Problem, mahnt Experte Daniel Stephan im Interview mit n.tv.de: "Persönlich halte ich es für einen Fehler, auf Finn Lemke zu verzichten."

Die Bewährungsprobe

Deutschland fährt als Europameister nach Kroatien - das weckt Erwartungen. Und ist das Ziel folglich die erfolgreiche Titelverteidigung. Ein Selbstläufer wird das allerdings nicht, wie Stephan gegenüber n-tv.de betont. Das liegt vor allem daran, dass eine EM immer brutal schwer zu spielen ist. Anders als bei einer Weltmeisterschaft gibt es keine schwachen Teams, jedes Spiel ist quasi schon ein Endspiel - die Punkte aus der Vorrunde werden mitgenommen, wer sich hier Fehler erlaubt, hat kaum noch Chancen aufs Erreichen des Halbfinales (mehr zum Modus: siehe Infobox). Genau das macht den Wettbewerb aber auch so attraktiv. In Kroatien ist das Who-is-Who des europäischen Handballs vertreten, die EM ist deswegen schwer ausrechenbar. Einen eindeutigen Favoriten auf den Titel gibt es nicht, allerdings sind mit Mannschaften wie Frankreich, Dänemark, Schweden, Norwegen und auch Gastgeber Kroatien viele dabei, die immer um Gold mitspielen.

Datenschutz

Mit Montenegro, Slowenien und Mazedonien hat das deutsche Team in der Vorrunde noch nicht die ganz großen Gegner, allerdings liegen alle Länder nahe an Kroatien, sodass die "Bad Boys" eine gigantische Kulisse gegen sich erwarten wird - oder wie Kapitän Uwe Gensheimer dem Portal Sportbuzzer sagte: "Wir müssen uns auf drei Auswärtsspiele einstellen." Für eine Überraschung kann jedes der Teams sorgen - aus Mazedonien stammt der aktuelle Sieger der Champions League, Slowenien holte bei der Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr Bronze - in Kroatien fehlen ihnen allerdings einige Stars verletzungsbedingt. Stimmt die Leistung der Bad Boys, ist Platz eins durchaus realistisch.

Auf wen es ankommt

Der DHB-Kader für die Handball-EM

Tor: Silvio Heinevetter (Füchse Berlin), Andreas Wolff (THW Kiel)

Linksaußen: Uwe Gensheimer (Paris St. Germain HB/FRA)

Rückraum links: Maximilian Janke (SC DHfK Leipzig), Julius Kühn (MT Melsungen), Paul Drux (Füchse Berlin)

Rückraum Mitte: Steffen Fäth (Füchse Berlin), Philipp Weber (SC DHfK Leipzig)

Rückraum rechts: Kai Häfner (TSV Hannover Burgdorf), Steffen Weinhold (THW Kiel)

Rechtsaußen: Patrick Groetzki (Rhein-Neckar Löwen), Tobias Reichmann (MT Melsungen)

Kreis: Jannik Kohlbacher (HSG Wetzlar), Patrick Wiencek (THW Kiel), Hendrik Pekeler (Rhein-Neckar Löwen), Bastian Roschek (SC DHfK Leipzig)

Bei der deutschen Nationalmannschaft steht und fällt der Erfolg mit der Teamleistung, einen absoluten Top-Star, wie beispielsweise die Franzosen mit Nikola Karabatic haben, gibt es nicht. Das ist Stärke und Schwäche zugleich, betont auch der frühere Welthandballer Stephan: "Wir haben in der Breite eine sehr gute Qualität, in der Spitze fehlt vielleicht jemand." Wie fatal das sein kann, zeigte sich bei der WM in Frankreich im vergangenen Jahr. Im Achtelfinale gegen Katar verloren die Bad Boys völlig den Faden, agierten verunsichert und schieden - eigentlich völlig ohne Not - aus. In so einer Situation kann es von Vorteil sein, einen Spieler zu haben, der ein Spiel an sich reißt, dann wenn es mal nicht läuft. Andererseits: Der Rückraum ist hervorragend besetzt, das gilt für die erste Formation wie für die Spieler, die über die Bank kommen. Alle Leistungsträger sind fit und eben weil jeder in der Lage ist, auch mal sieben oder acht Tore zu werfen, wird es für den Gegner schwer sein, sich auf das deutsche Spiel einzustellen.

Auf den Außenpositionen bringen die Deutschen sensationelle Qualität mit, auch wenn mit Uwe Gensheimer vorerst nur ein Linksaußen im Kader ist. Der deutsche Kapitän ist zudem der unangefochtene Siebenmeter-König im deutschen Team und hat noch einen EM-Titel nachzuholen - beim Triumph in Polen fehlte er verletzt. Sein Gegenüber auf Rechts, Tobias Reichmann, ist ebenso ein Erfolgsgarant - vor zwei Jahren war er der zweitbeste Torschütze des Turniers.

Mit Andreas Wolff und Silvio Heinevetter stellen die Deutschen außerdem das vielleicht beste Torhüter-Duo der Welt. Bis heute unvergessen ist die magische Abwehrquote von Wolff aus dem EM-Finale gegen Spanien - fast 50 Prozent. Und so klingt es dann auch wie eine Kampfansage, wenn der Noch-Kieler Wolff der "FAZ" sagt: "Ich halte uns für stärker als 2016." Mit den Bad Boys ist zu rechnen - auch ohne Heiner Brand.

Datenschutz

Quelle: n-tv.de