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"Break Point" zeigt Tennis-Angst Der Albtraum der Leere bricht selbst die Größten

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Alexander Zverev bei den Australian Open 2020.

(Foto: imago images/Schreyer)

Durchzechte Nächte, unaufgeräumte Hotelzimmer, Tränen in den Katakomben: Die Doku "Break Point" bietet intime Einblicke hinter die Fassade der Tennisprofis. Doch statt des Traums des Superstars herrscht ein Albtraum der Einsamkeit - und die Angst vorm Versagen ist allgegenwärtig.

"Du bist da draußen ganz allein." Nahaufnahmen von Tennisspielerinnen und -spielern bei Ballwechseln in Zeitlupe begleiten ihre eindringlichen Zitate aus dem Off. Spannungsgeladene Musik. Drama. "Plötzlich merke ich, wie Angst in mir aufsteigt", erzählt einer. "Diese Stimme in deinem Kopf gibt einfach keine Ruhe", eine andere.

Die zum Start der Australian Open veröffentlichte Netflix-Dokumentation "Break Point" macht Thema und Ton der zunächst fünfteiligen Serie (die nächsten fünf Episoden folgen im Juni) von Anfang an klar. Hier geht es um das Innenleben der Sportler, den Blick hinter die Fassade der Profis. Und dort herrschen Angst und Depressionen. Dort wird der Traum von Tennisstar schnell zum Kampf gegen Dämonen, zum Albtraum der Einsamkeit. Dem Albtraum der großen Leere. "Kannst du jeden Punkt so spielen, als ob dein Leben davon abhängen würde?"

Der Tennissport steht vor einer großen Zeitenwende. Roger Federer ist weg. Serena Williams ist weg. Rafael Nadal ist immer wieder verletzt. Wer wird ihren Platz einnehmen? Hat die neue Generation es wirklich drauf, die alten Großmeister zu verdrängen, die die Idole ihrer Kindheit sind? Diesen Weg will "Break Point" begleiten. Die Macher der Doku haben schon die Serie "F1: Drive to Survive" zu einem Riesenerfolg gemacht. Doch die spannenderen Fragen, die immer wieder in den Interviews der Doku aufblitzen, lauten: Kann die junge Generation mit dem mentalen Druck im Tenniszirkus umgehen - und will sie ihn überhaupt in Kauf nehmen?

"Break Point" dokumentiert die Saison 2022 und beginnt mit Nick Kyrgios. Dem sogenannten Tennis-Rüpel. Der Lokalmatador muss dieses Jahr kurzfristig den Start der Australian Open in seiner Heimat absagen, da er unter Knieproblemen leidet, aber im vergangenen Jahr erzählt er, dass er den Grand-Slam-Titel unbedingt gewinnen will. Andere Spieler nennen ihn vor den Netflix-Kameras den talentiertesten Spieler seiner Generation, aber sagen, er würde nicht genug aus seinem Talent machen. Kyrgios fliegt 2022 in Melbourne in der 2. Runde aus dem Turnier, nachdem er zuvor monatelang keine Turniere gespielt hatte.

"Tennis ist ein extrem einsamer Sport"

Der 27-Jährige sträubt sich gegen ein "normales" Tennis-Leben. "Man ist mindestens 30 Wochen im Jahr auf Reisen", berichtet etwa Taylor Fritz aus den USA. "Das macht einen fertig." Und so gibt Kyrgios lieber den Halbtagsprofi. Betreibt den Sport fast wie ein Hobby. "Tennis ist ein extrem einsamer Sport", erzählt er. "Das ist das, womit ich am meisten zu kämpfen habe. Ich muss mit meiner Familie zusammen sein." Fans, die ihm zujubeln. Grandiose Momente und Siege auf dem Court. Millionen Dollar an Preisgeldern. Das alles hilft nicht gegen das Gefühl, allein gegen den Rest der Welt anzukämpfen, wenn er auf dem Platz steht und durch die Welt jettet.

Seine Freundin und sein Team sind auf den Reisen zu seinen wenigen Turnieren deshalb immer dabei. Kyrgios wirkt in der Doku wie ein lieber Spaßvogel, ist verliebt und ständig am Kuscheln mit seiner damals neuen Flamme. Bad Boy, Rüpel, Tennis-Chaot? Wer wäre denn nicht sauer, wenn er auf der größten Bühne Fehler macht, sagt der Australier zu dem Thema. Er habe einfach zwei Persönlichkeiten und die auf dem Court sei eben ganz schön wild.

Doch mehr und mehr wird deutlich, dass auch der Druck und die Einsamkeit auf dem Platz für seine Ausraster mitverantwortlich sind. Als er als 19-Jähriger Nadal in Wimbledon schlägt, erwarten auf einmal alle, dass er "the next big thing" wird. Das nächste Ass im Tenniszirkus. In Australien wird er über Nacht zum Superstar. Menschen campen vor seinem Haus. Niemand hat dem Teenager beigebracht, wie er mit diesen Erwartungen umgehen soll. Die Medien, das Scheinwerferlicht, es ist alles zu viel für Kyrgios damals. "Meine mentale Verfassung hat immer mehr abgebaut", erzählt er. "Ich habe jede Nacht getrunken." Sein Manager berichtet, wie er an vielen Tagen herausfinden musste, in welchem Hotel oder Haus sich der Tennisprofi befindet. "Ich mache mir jeden Tag Sorgen um ihn", sagt Kyrgios' Mutter Norlaila. "Denn er hat wirklich schreckliche Zeiten durchgemacht."

"An den meisten Tagen war ich traurig"

Laute "Smacks" bei jeder Vorhand, bei jedem Aufschlag. Nahaufnahmen. Super-Zeitlupen. Stöhnen, Grunzen, Schreien. Quietschen der Schuhe. Die Doku kommt mit einigen Effekten um die Ecke und sorgt für eine spannende Fahrt. Kommentiert werden die Wege der jungen Wilden von den Ex-Profis Maria Sharapova und Andy Roddick. Dann gibt es aber viele stille Szenen, intime Einblicke, die die Doku sehenswert machen.

Unaufgeräumte Hotelzimmer. Zimmer-Service. Schlechte Netflix-Filme. Koffer packen. Abschied. Taxi. Trostlos. Einsamkeit.

Auslaufen nach dem Match. Airpods im Ohr. Spärliche Fitnessräume. Auf der Physio-Bank. Leere.

Umkleidekabine. Mit dem Gegner im Aufwärmbereich. Keine Begrüßung. Einlaufen in die hellerleuchtete Arena. Tränen oder Jubel und Umarmungen in den Katakomben. Traum und Albtraum nah beieinander. Druck.

Mentale Leere ist kein neues Phänomen im Tennis. "An den meisten Tagen war ich traurig, ich hatte die Freude am Tennisspielen verloren. Deshalb dachte ich, ich müsste mich zurückziehen", hatte selbst Nadal, der Profi mit den meisten Grand-Slam-Titel aller Zeiten, kürzlich der spanischen Zeitung "Marca" gesagt. Tennis-Legende Andre Agassi schreibt in seiner Biografie "Open" darüber, wie er den Sport gehasst hat, unter anderem wegen des Drucks, den sein Vater aufgebaut hatte. Auch, weil es "so verdammt einsam" war, eine sich wiederholende Plackerei aus Reisen und Training, unterbrochen von unruhigen Kampfphasen.

Die absolute Einsamkeit auf dem Court

Erwartungen und ungesunden Druck gibt es in allen Profisportbereichen. Aber selten ist eine Athletin oder ein Athlet so allein und so absolut auf sich selbst gestellt, umgeben von tausenden frenetischen Fans, mit Millionen Zuschauern am Bildschirm, wie im Tennis, wo man seinem Gegenüber keinerlei Schwäche zeigen darf. Im Mannschaftssport werden Last, Frust und Ruhm geteilt. Sogar beim Boxen kann man seinen Gegner zumindest anfassen, umarmen, schubsen. Agassi schreibt dazu in seinem Buch: "Im Tennis hingegen steht man seinem Gegner von Angesicht zu Angesicht gegenüber, teilt mit ihm Schläge aus, darf ihn aber weder berühren noch mit ihm oder jemand anderem sprechen." Die Einsamkeit ist absolut. Und doch kann man sich nirgends verstecken. "Dieser Sport, man", sagt Wimbledon-Finalist 2021 Matteo Berrettini. "Verrückt."

Die mentalen Dämonen blitzen in den folgenden Episoden über Berrettini und Co., die allesamt noch keine Superstars sind, die ein Leben führen zwischen der Hoffnung auf den absoluten Erfolg und der riesigen Angst vor dem Versagen, immer wieder auf. Bezeichnend vielleicht, dass neun der zehn Profis der Doku bei den Australian Open 2023 schon ausgeschieden sind.

Da ist etwa Ajla Tomljanovic. "Meine Gedanken begannen sich zu drehen", sagt die Australierin über ihr Aus in Melbourne vor einem Jahr. "Die ganze Negativität kam auf einmal auf mich zu. Diese Stimme in meinem Kopf hörte nicht auf. Alles machte keinen Spaß mehr." Sauer und verzweifelt sitzt sie nach dem Match in den Katakomben, den Tränen nahe. "Was hat es für einen Sinn, da draußen zu sein, wenn ich nicht glaube, dass ich gewinnen kann? Vielleicht mache ich etwas falsch. Ich beende einfach meine Karriere. Ich fühle mich, als wäre ich verrückt geworden, das bringt mich um den Verstand." Ihr Freund Berrettini sagt: "Ich spüre eine Menge Angst. Wie immer geht es um das Gleichgewicht zwischen der Angst und dem Willen." "Tennis ist brutal. Es geht weiter, mit oder ohne dich", fügt Tomljanovic hinzu.

Mucksmäuschenstiller Albtraum

Maria Sakkari aus Griechenland kann nach ihrer Niederlage im Halbfinale von Roland Garros 2021 "drei Tage" nicht schlafen. "Ich war so traurig", erzählt sie. "Das war hart für mich. Ich sagte meinen Trainern, dass ich meine Karriere beenden will." Ihre Mutter, ein Ex-Tennis-Profi, sagt: "Tennisspieler verlieren nicht gegen ihre Gegner. Sie verlieren gegen sich selbst." Als die Kamera Paula Badosa nach Madrid folgt und die Spanierin bei dem Turnier in ihrer Heimatstadt bereits in der zweiten Runde rausfliegt, weint sie selbst beim Interview, in dem sich sich an die Pleite zurückerinnert: "Ich hatte so viele negative Stimmen in meinem Kopf."

Badosa ist neben Naomi Osaka eine der wenigen Profis, die offen über ihre jahrelangen Kämpfe mit Depressionen spricht. Als Teenagerin gewinnt sie die Junior French Open. Ähnlich wie bei Kyrgios schnellen anschließend die Erwartungen in die Höhe. Danach folgen wenige Siege. "Das Leben hatte damals nicht viel Sinn", sagt die heute 25-Jährige. "Denn seit ich sieben Jahre alt war, war es mein Ziel, Tennisprofi zu werden. Es war sehr schlimm, ich wollte nicht auf einen Tennisplatz gehen." Mit Hilfe von Psychologen findet sie Lösungen und geht anschließend offen mit ihren psychischen Problemen um, "denn selbst der beste Sportler der Welt kann sich so fühlen".

Einsamkeit, keine Schwäche zeigen, enormer Druck: "Break Point" zeichnet ein Bild, das den Traum des Profisportlers realistischer als viele andere Dokus darstellt. Dieses Leben ist nicht für jeden geeignet und bringt viel Negativität mit sich. Paul Annacone, heutiger Coach von Taylor Fritz und vormals Trainer von den Legenden Federer und Pete Sampras, fasst die scheußliche Krux des Tennissports wie folgt zusammen: "In den größten Momenten deines Lebens bist du allein. Und es ist mucksmäuschenstill." Diese Angst macht alle Profis auf dem Court gleich. Und nur wenige finden Wege, um auf Dauer mit ihm fertig zu werden: dem Albtraum der Leere.

Quelle: ntv.de

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