Fußball-WM 2019

Erkenntnisse nach dem WM-Aus DFB-Frauen leiden mit Top-Perspektive

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Das WM-Aus schmerzhaft, die Perspektive aber glänzend: die deutsche Mannschaft scheiterte in Frankreich auch an ihrer Unerfahrenheit.

(Foto: imago images / Jan Huebner)

Das DFB-Team scheitert bei der Fußball-WM im Viertelfinale. Damit ist die Qualifikation für Olympia verpasst, Bundestrainerin Voss-Tecklenburg bekommt plötzlich viel Zeit für den Neuaufbau. Denn sie wird bleiben, was wohl nicht für alle Spielerinnen gilt.

1. Das Team hätte früher ein Gegentor gebraucht

Neun eigene Tore in vier Spielen und kein Gegentreffer. Die DFB-Elf war das einzige Team im Turnier, bei dem die Torfrau bis zum Viertelfinale nicht einmal hinter sich greifen musste. Almuth Schult wurde gar schon auf den Rekord ihrer Vorgängerin Nadine Angerer angesprochen, die die komplette WM 2007 mit weißer Weste durchstand. "Es wird nicht möglich sein, ich glaube nicht daran", hatte die 28-Jährige geantwortet. Sie sollte Recht behalten. Im Viertelfinale gegen Schweden (1:2) kassierte sie zwei Treffer – ohne dass sie diese hätte verhindern können. Denn ein Tor zu verhindern, ist eben nicht nur Keeper-Sache, sondern die Zusammenarbeit aller Spielerinnen. Das haben sie zwar in den vorangegangenen Spielen geschafft, waren aber nicht darauf vorbereitet, wie sie auf einen Gegentreffer oder gar einen Rückstand reagieren würden. Torschützin Lina Magull meinte zwar: "Wir spielen alle lange genug Fußball, dass wir wissen wie es ist auch mal in Rückstand zu gelangen, das sollte keine Ausrede sein."

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Lina Magull findet: "Wir spielen lange genug Fußball, dass wir wissen wie es ist auch mal in Rückstand zu gelangen."

(Foto: REUTERS)

Doch es fiel extrem auf, dass sich die Deutschen von den beiden Gegentoren irritieren ließen. Nicht nur das: Vom bis dahin so furios aufgezogenen Spiel des Teams von Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg war plötzlich nichts mehr übrig. Die Spielerinnen hatten kurz nach dem Abpfiff keine Erklärung für den Bruch in der Partie, sie waren ratlos und vor allem natürlich maßlos enttäuscht. Erst in der Schlussphase raffte sich die Elf nochmal zusammen und versuchte es über ihre kämpferische Art – zu spät. Auf die Frage, ob es ihrem Team an Erfahrung fehlte, sagte die Trainerin etwas ausweichend: "Man hat in manchen Szenen gesehen, dass auf der anderen Seite ein Gegner stand, der etwas robuster war. Aber wir haben auch viel Positives gesehen, da möchte ich Giulia Gwinn nennen, die ein gutes Turnier gespielt hat." Doch es ist ein Fakt: Schweden war der erste wirklich starke Gegner im Turnier und den Spielerinnen fehlt mehrheitlich die Erfahrung. 25 Jahre und 10 Monate ist das Team im Schnitt alt, 15 Fußballerinnen spielten ihre erste WM. Da ist es nicht total verwunderlich, dass ein starker und cleverer Gegner die DFB-Elf an ihre Grenzen bringt.

2. Olympia ist futsch

Diese Folge des WM-Ausscheidens ist besonders bitter: Deutschland wird bei den Olympischen Spielen in Tokio im kommenden Jahr nicht im Fußballturnier der Frauen vertreten sein. Und das als Titelverteidiger. Doch nur die besten drei europäischen Teams spielen um den Olympiasieg – und das sind nun Schweden, die Niederlande sowie Großbritannien. "Brutale Scheiße", kommentierte das Magull. "Wir alle hätten gern Olympia gespielt, die Enttäuschung ist wirklich riesengroß", sagte Sara Doorsoun. "Es ist ein Riesenevent, das man nicht oft erlebt. Ich wäre gerne mit diesem Team dabei gewesen." Ähnlich äußerten sich auch ihre Teamkolleginnen. "Das ist ein großer Minuspunkt, sehr, sehr traurig und enttäuschend. Und wir werden trotz allem weiter kämpfen für Aufmerksamkeit im Frauenfußball", sagte Schult. Als Trainerin ist Voss-Tecklenburg nach der Niederlage für positive Worte verantwortlich, also sagte sie zur verpassten Qualifikation: "Wir müssen darin auch eine Chance sehen, dass es uns Zeit und einen Rahmen gibt, Entwicklungen anzuschieben, Veränderungsprozesse kontinuierlich weiterzugehen und bei der EM 2021 eine gute Rolle zu spielen." Doch für den Moment muss auch sie hinnehmen, dass der zweimalige Welt- und achtmalige Europameister nicht mehr zu Welt- und nicht einmal zur europäischen Elite gehört.

3. Viertelfinal-Aus könnte dem Ansehen schaden

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"Es war ja nicht alles schlecht, wir haben viele Menschen begeistert. Das war unser Ziel, dass wir Leute für den Frauenfußball einnehmen", sagte Almuth Schult.

(Foto: dpa)

Fußball der Frauen boomt – in Spanien, wo mehr als 60.000 Zuschauer zu einem Ligaspiel kommen, in den Niederlanden, wo tausende Oranje-Fans mit nach Frankreich reisen, in England, wo die Liga aufrüstet. In Deutschland dagegen – jahrelanger Marktführer – ist die Sportart in den Hintergrund gerückt. Die Klubs lockten in der vergangenen Saison im Schnitt nicht einmal 1000 Fans pro Spiel in den Stadien. Doch das Interesse am Nationalteam, an der WM, war groß. Das Aus im Viertelfinale verfolgten 7,9 Millionen Zuschauer in der ARD, das ergab einen Marktanteil von 43,2 Prozent. Viele dem Sport Wohlgesonnene hatten gehofft, dass die WM einen Aufschwung bringen könnte. Dass auch die Liga vom Turnier in Frankreich profitieren könnte. Dass das Ansehen der Fußballerinnen steigt – und sie sich nicht mehr mit den ewig gleichen Klischees herumschlagen müssen. "Es schmerzt unglaublich", sagte Schult auf die Frage, wie sehr die verpasste Chance weh tue. Es hätte noch zwei Spiele gegeben, "mit denen wir noch viel Aufmerksamkeit hätten generieren können". Der zumindest derzeitige Zuspruch der Fans, macht die 28-Jährige dennoch zufrieden: "Es war ja nicht alles schlecht, wir haben viele Menschen begeistert. Das war unser Ziel, dass wir Leute für den Frauenfußball einnehmen", sagte Schult: "Das haben wir geschafft. Und da wollen wir weitermachen." Genauso denkt auch Voss-Tecklenburg: "Und dann hoffe ich, dass die Menschen draußen eins gesehen haben: Dass diese Mannschaft Potenzial hat, dass diese Mannschaft eine Zukunft hat und dass wir die Unterstützung brauchen, die die Mannschaft verdient hat." Es klingt so als wüsste sie selbst, dass das derzeit keine Selbstverständlichkeit in Deutschland ist.

4. Es geht weiter mit Voss-Tecklenburg

Das Ziel hatte das DFB-Team vor der WM selbstbewusst kommuniziert: Sie wollen ins Halbfinale und die Qualifikation für die Olympischen Spiele sichern. Beides hat nun nicht geklappt. In der schnelllebigen Welt des Sports wird da nach Schuldigen gesucht – und im Fußball trifft es häufig den Trainer. Doch Voss-Tecklenburg muss sich nicht um ihren Job sorgen. Die 51-Jährige und ihre Assistenten sind erst seit Januar beim Verband angestellt und werden es bleiben. Sie habe "in der kurzen Zeit schon sehr viel bewegt", sagte DFB-Direktor Oliver Bierhoff. "Wir haben viele tolle Ansätze gesehen, die Erneuerung schreitet voran. Dafür können wir uns bei Martina und ihrem Trainerteam nur bedanken und sie ermuntern, diesen Weg konsequent fortzusetzen." DFB-Vizepräsident Rainer Koch betonte, dass sich der Verband extrem um Voss-Tecklenburg als Trainerin gekämpft habe. Und: "Wo keine Probleme sind, muss ich mir auch keine machen." Die 51-Jährige kündigte eine "sachliche Analyse" des Turniers an. "Dann setzen wir uns im August beim DFB zusammen." Für den weiteren Aufbau des Teams ist nun unfreiwillig viel Zeit vorhanden, da das Team erst 2021 das nächste Turnier spielt – die Europameisterschaft in England. Die Qualifikation dahin sollte leicht werden, es warten die Gegner Montenegro, die Ukraine, Irland sowie Griechenland. Kein Team also, das es zu dieser WM geschafft hatte.

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Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg bekommt das Vertrauen der DFB-Spitze. Sie darf den Aufbau des Teams weiter vorantreiben.

(Foto: dpa)

"Die Niederlage tut weh, aber die müssen wir als Team einstecken und verarbeiten. Das gehört zum Sportlerleben dazu", sagte Voss-Tecklenburg. "Ich erwarte und vertraue darauf, dass wir daraus lernen und alle zusammen wachsen. Dieses Team hat Potenzial und eine Zukunft." Nach nur neun Spielen mit Voss-Tecklenburg an der Seitenlinie ist der Neuanfang noch längst nicht geschafft. Doch er ist nach der chaotischen Phase mit Steffi Jones und dem Viertelfinal-Aus bei der EM 2017 sowie dem folgenden Horst Hrubesch als Feuerwehrmann immerhin sichtbar. Dass sie ausgerechnet im Viertelfinale kein glückliches Händchen bewies, ist allerdings ebenfalls deutlich. Ihre Taktik, Spielmacherin Dzsenifer Marozsán zur Halbzeit trotz Zehenbruchs ins Spiel zu bringen, ging nicht auf. "Wir haben gehofft, lange ohne sie spielen zu können, um dann mit Dzseni den entsprechenden Mehrwert zu bekommen. Aber sie ist auch keine Zauberkünstlerin, sondern Teil des Teams", sagte die Bundestrainerin. Aber: "Wir gewinnen als Team, wir verlieren als Team." Und eine Entwicklung passiert ja nicht nur während der WM, sie hatte zuvor den Mut, verdiente Spielerinnen wie Simone Laudehr nicht mehr zu berücksichtigen und hat dafür mit drei Youngstern bei der WM für Aufsehen gesorgt.

5. Wer reüssiert? Wer hört auf?

Die drei angesprochenen Spielerinnen sind Lena Oberdorf, Klara Bühl und Gwinn, die Voss-Tecklenburg explizit lobte. Die 19-Jährige hat alle Spielminuten dieser WM absolviert, keine Selbstverständlichkeit für einen Neuling. Die beiden anderen sind mit 17 und 18 sogar noch jünger, Oberdorf musste in der WM-Vorbereitung sogar noch Klausuren für die Schule schreiben. Im Spiel beeindruckte sie dann mit Ruhe und Abgeklärtheit, Bühl nannte selbst ihre "Frechheit" und "Unbekümmertheit" auf dem Platz als großen Pluspunkt. Den Dreien gehört – sollten sie sich nicht verletzen – die Zukunft im DFB-Dress. Unterstützung bekommen werden sie dabei von ihrer Kapitänin Alexandra Popp. Die 28-Jährige hatte die EM 2017 aufgrund von Verletzungen verpasst. Das soll ihr nicht noch einmal passieren: "Ich hoffe, dass mein Körper das mitmacht", sagte die für ihren kämpferischen Willen bekannte Wolfsburgerin.

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Doch der Kader wird in zwei Jahren nicht mehr derselbe sein wie nun in Frankreich. Das ließ Voss-Tecklenburg bereits durchblicken: "Man muss auch sehen, wie sich das Gesicht der Mannschaft auch noch verändert. Wir haben ja zwei, drei Ältere, da muss man schauen, was passiert." Oldie im Kader ist Lena Goeßling mit 33 Jahren. Gegen Spanien kam sie zu ihrem 104. Länderspiel – es sollte das einzige in Frankreich bleiben. Womöglich war es gar ihr letztes. Auch die 30-Jährige Verena Schweers könnte eine Kandidatin fürs nahende Karriereende sein. Ihr Vertrag beim FC Bayern läuft noch ein Jahr, ein weiteres würde sie verlängern wollen. "Danach wird es zeitnah zur Familienplanung gehen", sagte sie der "Bild"-Zeitung. Schweers spielte bei der WM als Linksverteidigerin und stand gegen Spanien in der Startelf, wurde gegen Südafrika und Nigeria dabei jeweils ausgewechselt. Gwinn steht bereits bereit, ihre Position zu übernehmen. In der Innenverteidigung spielte überraschend Marina Hegering. Überraschend, weil die 29-Jährige sechs Jahre verletzt war und selbst gar nicht mehr mit einem Einsatz fürs Nationalteam gerechnet hatte. Sie hielt in den fünf WM-Spielen teilweise massiv ihre Knochen hin – es bleibt abzuwarten, wie sie das verträgt.

Quelle: n-tv.de

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