Fußball-WM 2019

Wenn "Poppi" WM-Elfmeter hält Der Strafstoß-Wahnsinn zerstört den Fußball

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Wer hält bei den Deutschen die Elfmeter? Im Ernstfall könnte es Alex Popp versuchen.

(Foto: imago images / Sven Simon)

Es ist irre: Bei der Fußball-WM in Frankreich werden die Torhüterinnen heftig bestraft. Wegen einer Strafstoß-Regel, die ihnen den Job eigentlich erleichtern soll. Elfmeterschießen könnten so zum Karten-Festival verkommen. Das DFB-Team hat dazu eine klare Meinung.

"Das macht den Fußball ein Stück weit kaputt." Sagt Nationalspielerin Svenja Huth. Aber worüber spricht sie? Über dieses Szenario: Die DFB-Frauen hängen im Achtelfinale der Fußball-Weltmeisterschaft in einer Endlosschleife des Elfmeterschießens fest. 18 Elfmeter werden ausgeführt und sechs gelbe Karten verteilt. Torfrau Almuth Schult muss den Platz mit Gelb-Rot verlassen und stattdessen steht plötzlich Kapitänin Alexandra Popp im Tor. Kann doch nicht passieren, sagen Sie jetzt. Doch! Weil die aktuell geltende Regel für Torhüter bei Elfmeterschießen die Sportart ad absurdum führt.

Seit dem 1. Juni müssen Torhüter einen Fuß auf der Torlinie haben. So haben es die unabhängigen Regelhüter des International Football Association Board (Ifab) entschieden. Es gibt also mehr Spielraum als früher, als beide Füße die Linie berühren mussten. Und doch haben die Keeper nun weniger Chancen. Denn in Frankreich zeigt sich: Die Videoassistenten prüfen auf Anweisung der Fifa die Ausführung dieser Richtlinie überaus penibel. Wird ein Strafstoß nicht verwandelt, kontrollieren die VAR per Standbild, ob sich die Torfrau regelkonform verhalten hat. Wenn nicht, gibt es Gelb für sie und der Elfmeter wird wiederholt.

"Diese Auslegung ist zwar regelkonform, aber extrem hart", sagt n-tv.de Schiedsrichter-Experte Alex Feuerherdt von "Collinas Erben". "Für die Torhüterinnen wird es damit noch schwieriger, den Ball abzuwehren, dabei liegt die Trefferquote bei Elfmetern bereits jetzt bei 70 bis 80 Prozent."

"Das ist lächerlich"

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Schottlands Torhüterin Lee Alexander kann den zweiten Elfmeter nicht abwehren.

(Foto: REUTERS)

Bei der WM ist das nun schon dreimal passiert - und war zweimal davon spielentscheidend. Frankreich gewann am zweiten Spieltag mithilfe der Regel mit 1:0 gegen Nigeria. Wendie Renard hatte in der 76. Minute einen Elfmeter für Frankreich verschossen - durfte aber dank des Einschreitens des VAR in der 79. Minute nochmal ran und verwandelte. Am Mittwochabend verschoss die Argentinierin Florencia Bonsegundo in der 92. Minute beim Stand von 2:3 gegen Schottland. Auch sie durfte noch einmal antreten und sorgte mit ihrem Treffer in der 94. Minute dafür, dass ihr Team als Gruppendritter zumindest für einen Tag auf den Einzug ins Achtelfinale hoffen durfte. Ohne das 3:3 wären die Schottinnen an Argentiniens Stelle gewesen.

Diese empörten sich nach dem Spiel über die Regel: "Ich kenne keine Torhüterin in der Welt, die mit der neuen Regel in der Lage sein wird, Elfmeter zu halten", sagte Spielerin Leanne Crichton der BBC. Ex-Nationaltorhüterin Gemma Fay sagte erbost: "Lee (Alexander, Torhüterin, Anm.d.Red.) hat 27 Jahre lang Elfmeter so trainiert und jetzt bei einer WM sagen wir: 'Nein, das geht so nicht, du musst ganz anders trainieren!' Das ist lächerlich."

Kamera im DFB-Training

Bei einem ab sofort in den K.-o.-Runden möglichen Elfmeterschießen hätten die Videoassistenten also besonders viel zu tun. Es könnte Karten hageln - und zweite Versuche. Durchaus möglich, dass die Torfrau nach zwei Elfmetern mit Gelb-Rot des Feldes verwiesen wird - und sich eben plötzlich eine Feldspielerin den Versuchen der Gegnerinnen in den Weg werfen muss. "Das kann nicht im Sinne des Fußballs sein", so Feuerherdt.

Ein Szenario, das auch die Deutschen zum Nachdenken anregt. Huth findet dies "sehr schwierig" und sagt eben ganz deutlich: "Das macht den Fußball ein Stück weit kaputt." Linksverteidigerin Verena Schweers sagte: "Das ist eine fragwürdige Regel." Die Torhüterin habe so eigentlich keine Chance mehr, die Regel verändere das Spiel. Das meint auch Feuerherdt: "Auch wenn die Regeln beim Strafstoß eigentlich keinen Spielraum vorsehen, wollte kaum jemand an der bisherigen liberalen Praxis der Referees etwas ändern. Das hat man nun geändert und damit ohne Not für massive Kritik gesorgt."

*Datenschutz

DFB-Torfrau Schult erklärte, ihr Team plane im Training "eine Videokamera aufzustellen, um zu sehen, in wie vielen Fällen es eintrifft, dass ich die Linie mit einem Fuß noch berühre". "Es wäre unglücklich, wenn es irgendwann in diesem Turnier zu einem Elfmeterschießen kommt und eine Torhüterin mit Gelb-Rot vom Platz muss, nur aufgrund von ein paar Zentimetern, die sie mit einem Fuß von der Torlinie entfernt ist. Es ist schon eine sehr schwierige Regel." Sie führte aus: "Dann müsste man genauso das Lot fällen bei Spielerinnen, die in den Strafraum laufen. Da dürfte man nicht mit zweierlei Maß messen und uns Torhüter so bestrafen." DFB-Torwarttrainer Michael Fuchs ergänzte, dass eine gelbe Karte "einen natürlich ganz deutlich hindert für weitere Elfmeter, die da kommen."

Und wenn es morgen im Achtelfinale gegen Nigeria (ab 17.30 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) tatsächlich zum Elfmeterschießen kommt? Wenn Torfrau Schult trotz allen Trainings mit Gelb-Rot vom Platz fliegt? Auch dann ist das DFB-Team vorbereitet: "Poppi hat sich schon angemeldet", sagte Schweers mit einem Grinsen. Die Kapitänin würde das Parieren also zur Chefsache erklären. Aber Lust hat darauf nun wirklich niemand. Ex-Nationaltorhüterin Nadine Angerer tat ihre Meinung besonders deutlich kund: Auf Twitter postete sie das Bild einer Schiedsrichterin, die eine Torfrau mit Nägeln in den Füßen auf der Torlinie festhämmert.

*Datenschutz

Quelle: n-tv.de

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