Freitag, 16. März 2018: Der WM-Countdown bei n-tv.de

Von Katrin Scheib, Moskau

08:35 Uhr
Dieses Symbolbild möchten wir nicht erläutern. Wenn Sie aber bessere Vorschläge haben, melden Sie sich bitte unter: sport@nama.de. Grüße!
Dieses Symbolbild möchten wir nicht erläutern. Wenn Sie aber bessere Vorschläge haben, melden Sie sich bitte unter: sport@nama.de. Grüße!(Foto: picture alliance / dpa)

Russland und seine toxischen Substanzen

Wenn schon alle gerade über Russland und Giftstoffe reden, dann tun wir das heute auch. Nicht über Sergej Skripal und die Konsequenzen, die die Giftattacke auf ihn für die Beziehungen zwischen Großbritannien und Russland hat, nein: Hier soll es heute um die Gifte und anderen Gefahrenstoffe gehen, die in russischen Fabriken zum Einsatz kommen, oft gar nicht weit von den WM-Stadien entfernt.

Unsere Kolumnistin

Katrin Scheib ist Journalistin, Schalke-Fan und kommt aus dem Rheinland. Als die deutsche Mannschaft 2014 in Brasilien Fußball-Weltmeister wurde, war sie gerade nach Moskau gezogen. Seitdem bloggt sie unter kscheib.de über ihren Alltag und informiert mit ihrem "Russball"-Newsletter jede Woche über den Fußball und die WM-Vorbereitungen in Russland. Und nun schreibt sie für n-tv.de den Countdown, bis das Turnier am 14. Juni beginnt.

Anfang des Jahres hatte die Zeitung "Kommersant" von Plänen berichtet, während der Fußball-Weltmeisterschaft Werke russischer Unternehmen dichtzumachen, die mit "gefährlichen chemischen und biologischen Stoffen, radioaktiven, giftigen und explosiven Substanzen" hantieren - jedenfalls, wenn bei einem Arbeitsunfall eine Gefahr für Fußballfans und -spieler entstehen könnte. Der Brief mit diesen Plänen kam direkt vom FSB, also vom Inlandsgeheimdienst und somit mit einem gewissen Nachdruck.

Trotzdem haben viele russische Unternehmen sich gewehrt, sie fürchten Verdienstausfälle, ihre Arbeiter haben Angst, unbezahlt freigestellt zu werden. Und siehe da: In einigen Fällen haben sich einem neuen "Kommersant"-Bericht zufolge die Unternehmen mit den Behörden inzwischen auf einen Kompromiss geeinigt. Oft läuft dabei die Produktion weiter, aber unter strengeren Sicherheitsauflagen - etwa bei der Gazprom Energoholding. Andere Firmen legen nur die riskanten Teile ihrer Produktion still, aber nicht das komplette Werk. Oder die ganze Fabrik arbeitet weiter, die Unternehmensleitung übernimmt aber persönlich die Haftung.

Mancherorts allerdings bleibt es auch bei der geplanten Sperre. Die Stahlfabrik "Roter Oktober" zum Beispiel, die in Wolgograd nordöstlich des Stadions liegt, wird dem Bericht zufolge für die Dauer des Turniers tatsächlich abgeschaltet. In diesem Unternehmen schwingt übrigens bis heute ein Hauch von Sowjettradition mit im Umgang mit denjenigen Arbeitern, die "unter schädlichen oder gefährlichen Bedingungen" arbeiten: Sie bekommen nach Angaben des Unternehmens eine Lohnzulage, zusätzliche Urlaubstage - und eine Extraportion Milch.

09:24 Uhr
Jetzt aber schnell: Für ein Spiel in der Mordwinien-Arena in Saransk gibt es noch Karten. Ja, es ist Panama gegen Tunesien. Aber vielleicht besteht die Möglichkeit, in dem schmucken Häuschen direkt am Stadion zu übernachten.
Jetzt aber schnell: Für ein Spiel in der Mordwinien-Arena in Saransk gibt es noch Karten. Ja, es ist Panama gegen Tunesien. Aber vielleicht besteht die Möglichkeit, in dem schmucken Häuschen direkt am Stadion zu übernachten.(Foto: imago/ITAR-TASS)

Hier ist der Geheimtipp für WM-Reisende

Ob in Moskau, Berlin oder Rejkjavik: Wenn es eine Erfahrung gibt, die diese Woche Fußballfans in aller Welt geeint hat, dann die, auf einen Ladebalken zu starren. Schließlich hat die neue Verkaufsrunde für WM-Tickets begonnen. Wer noch halbwegs Einfluss darauf haben möchte, welches Match er zu sehen bekommt, der muss spätestens in dieser Runde zuschlagen.

Katrin Scheib.
Katrin Scheib.(Foto: Pascal Dumont)

Zum Auftakt am Dienstag war der Run so groß, dass man den Balken leicht vier, fünf Stunden anstarren konnte. Hat der sich jetzt ein Viertelpixel nach rechts bewegt? Nein, oder? Die Zahl der Leute, die es nie bis zum Buchungsmenü schafften, war so groß, dass selbst die Fifa - die ja sonst Probleme gerne mal aussitzt - sich offiziell entschuldigte. Zweimal sogar, denn bei einigen Fans wurde zwar Geld abgebucht, Eintrittskarten gab es aber keine.

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Katrin Scheib ist Journalistin, Schalke-Fan und kommt aus dem Rheinland. Als die deutsche Mannschaft 2014 in Brasilien Fußball-Weltmeister wurde, war sie gerade nach Moskau gezogen. Seitdem bloggt sie unter kscheib.de über ihren Alltag und informiert mit ihrem "Russball"-Newsletter jede Woche über den Fußball und die WM-Vorbereitungen in Russland. Und nun schreibt sie für n-tv.de den Countdown, bis das Turnier am 14. Juni beginnt.

Und es wurde Abend und es wurde Morgen. Am Ende waren nach 24 Stunden trotz aller Pannen mehr als 350.000 Tickets verkauft - vor allem an russische, US-amerikanische und argentinische Fans. Die deutschen Käufer kamen mit 5476 Karten auf Platz 9.

Was bleibt nach dem Run? Wer heute Karten kaufen will, der muss nur wenige Minuten warten, blickt dafür aber auf ein weitgehend abgegrastes Feld. Keine Karten mehr für irgendein Spiel in Moskau, weder im Spartak-Stadion noch in Luschniki. Dasselbe Bild in Sotschi und in Jekaterinburg. In Kaliningrad könnte noch was gehen, zumindest in der höchsten Preisklasse.

Aber es gibt einen Geheimtipp. Panama - Tunesien in Saransk. Karten noch in allen Kategorien, abgesehen von der untersten für Leute, die in Russland leben! Warum schlägt da keiner zu? Weil am selben Abend England gegen Belgien spielt? Weil keiner weiß, wo dieses Saransk liegt? Weil, wenn man es dann googelt, "Mordwinien" irgendwie nach "Herr der Ringe" klingt? Oder weil selbst die großen Buchungsportale dort gerade mal ein Dutzend Hotels finden?

Ach komm. Einen echten Fan, der unbedingt ein WM-Spiel sehen will, hält das ja wohl nicht ab. Und zu Hause könnt Ihr danach dann nicht nur mit eurer Expertise zum tunesischen Defensivspiel angeben. Ihr gehört dann auch den Besuchern der einzigen WM-Gastgeberstadt, in der weniger Menschen leben, als WM-Teilnehmer Island Staatsbürger hat. Huh!

11:52 Uhr
Symbolbild stellvertretend für alles, was mit Hooligans zu tun hat.
Symbolbild stellvertretend für alles, was mit Hooligans zu tun hat.(Foto: imago/ITAR-TASS)

Diese Russen dürfen in kein Stadion

Wie es so ist, wenn man nach etwas sucht: Manchmal findet man ganz was anderes. Gestern habe ich zum Beispiel auf der Seite des russischen Innenministeriums nach Informationen dazu gesucht, wie schnell sich deutsche Fußballfans nach der Einreise im Sommer bei den russischen Behörden melden müssen - dazu mehr in ein paar Tagen hier.

Katrin Scheib.
Katrin Scheib.(Foto: Pascal Dumont)

Gefunden habe ich stattdessen ein 21 Seiten langes Dokument mit mehr als 400 Namen: die Liste der Russen, denen ein Gericht verboten hat, zu offiziellen Sportveranstaltungen zu kommen - also auch zu den Spielen der Weltmeisterschaft. Dass es diese Liste gibt, ist kein Geheimnis, im Gegenteil. Russische Offizielle erwähnen sie gerne, wenn es um Hooligans, Gewalt und Sicherheitsbedenken rund um die WM geht. Denn die Zahl der Namen auf der Liste wächst: Im April vergangenen Jahres waren es etwa 150, im November 384, Stand 1. März 2018 sind es nun 427.

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Katrin Scheib ist Journalistin, Schalke-Fan und kommt aus dem Rheinland. Als die deutsche Mannschaft 2014 in Brasilien Fußball-Weltmeister wurde, war sie gerade nach Moskau gezogen. Seitdem bloggt sie unter kscheib.de über ihren Alltag und informiert mit ihrem "Russball"-Newsletter jede Woche über den Fußball und die WM-Vorbereitungen in Russland. Und nun schreibt sie für n-tv.de den Countdown, bis das Turnier am 14. Juni beginnt.

Das Signal ist: Es wird immer sicherer. Wir arbeiten dran. Überrascht hat mich, wie detailliert diese Liste ist und wie freigiebig sie mit persönlichen Daten umgeht: Vorname, Nachname und Vatersname der Gesperrten finden sich dort, mit Geburtstag und Geburtsort. Wir erfahren zwar nicht, was diese Menschen getan haben - dafür aber, welches Gericht die Sperre verhängt hat, wann sie beginnt und wann sie ausläuft. Klar, Polizei und andere Sicherheitskräfte brauchen diese Informationen, um Ausschreitungen zu verhindern.

Aber wem nützt es, wenn jeder Nicht-Polizist einfach so nachlesen kann, dass Iwan Iwanowitsch Iwanow, geboren am 11. März 1987 in Tula, im Herbst 2015 dort vor Gericht stand und nun bis Ende 2018 kein Stadion mehr von innen sehen darf? Anders gesagt: Wer sicherstellen will, dass ein Hooligan auch nach seiner Verurteilung Teil der Szene bleibt, der hat mit "wir outen ihn gegenüber allen, die ihn kennen, und nehmen ihm damit die Möglichkeit, auszusteigen und einen Neuanfang zu machen" schon eine ziemlich effektive Methode gefunden.

Länge = Sicherheit? Eher nicht.
Länge = Sicherheit? Eher nicht.

Was erfährt man sonst noch aus der Liste? Es stehen nur fünf Frauen darauf, der Rest sind Männer, und die eher jung: Mehr als ein Drittel von ihnen wurde 1993 oder später geboren. Vor allem aber fällt die letzte Spalte des Dokuments auf. Die, in der steht, wie lange diese Leute noch gesperrt sind: Bei 111 von ihnen endet das Stadionverbot noch vor der Weltmeisterschaft, bei weiteren 43 im Laufe des Turniers. Wer also auf das Argument "je länger die Liste, desto sicherer die WM" gesetzt hatte, muss wohl noch mal nachdenken.

Die Folgen 100, 99, 98, 97, 96, 95, 94 und 93 des WM-Countdowns finden Sie hier.

11:54 Uhr

Achilles, das Katzenorakel aus St. Petersburg

Er hat es sich ja nicht ausgesucht. Das muss man vielleicht zu den Fotos von Achilles dem Kater, die gerade die Runde machen, dazusagen. Seit gestern wissen wir, dass die Hauskatze, die sonst mit ein paar Dutzend Kollegen die Eremitage in St. Petersburg mäusefrei hält, diesen Sommer nebenberuflich als WM-Orakeltier jobben wird. Oder besser: jobben muss.

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Denn wer wissen will, wie Achilles zu dieser Aussicht steht, muss nur kurz einen Blick auf dieses Foto hier oben werfen. Für Achilles - der wie alle Katzen in der Eremitage nach Künstlern, geschichtlichen Figuren oder Sagengestalten heißt - fing das Elend schon im Sommer 2017 an. Damals wurde er zur Orakelkatze des Confed-Cups ausgewählt.

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Katrin Scheib ist Journalistin, Schalke-Fan und kommt aus dem Rheinland. Als die deutsche Mannschaft 2014 in Brasilien Fußball-Weltmeister wurde, war sie gerade nach Moskau gezogen. Seitdem bloggt sie unter kscheib.de über ihren Alltag und informiert mit ihrem "Russball"-Newsletter jede Woche über den Fußball und die WM-Vorbereitungen in Russland. Und nun schreibt sie für n-tv.de den Countdown, bis das Turnier am 14. Juni beginnt.

Und guckte dabei genau so, wie jeder von uns guckt, wenn der Chef kommt und sagt: "Hey, Leistungsträger - ich hab da so ne kleine Zusatzaufgabe für dich." Achilles war, mit anderen Worten, not amused.

Als nächstes rächte sich, dass Achilles seine Sache gut machte. Die Mehrheit seiner Prognosen beim Confed-Cup trat tatsächlich ein, und so wurde der Vertrag als Fußballvorhersager vorzeitig verlängert. Den Kater selbst hat mal wieder keiner gefragt.

Nun muss er also bei der WM noch einmal ran, der bocklose Achilles. Muss sich zwischen zwei Fressnäpfen entscheiden, in denen Flaggen stecken, und so seine Vorhersage abgeben. Armer weißer Kater. Aber immerhin: Ab Mitte Juli kann er sich dann ja nach interessantere Aufgaben umsehen. Schluss mit Fußball, und Schluss auch mit Mäusejagen im Museum. Achilles lässt sich das Fell ein bisschen länger wachsen - und heuert dann als Schoßkater bei einem Superschurken an.

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12:00 Uhr

Ricky Martin muss uns alle retten

Lieber Gott. Liebe Evolution. Da kommt eine Frage auf euch zu - auf beide, je nach persönlicher Neigung der Fragesteller. Es wird im Sommer sein, im Juni, kurz nach Beginn der Fußball-WM, spätestens aber zum Ende der Gruppenphase. Sie werden euch fragen, wieder und wieder: Warum bloß habt ihr uns Menschen so geschaffen, dass wir zwar unsere Augen schließen können - aber nicht unsere Ohren? Und schuld sein wird dieser Song:

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Es ist das offizielle Lied zur WM, oder, sponsorenadäquat formuliert, der offizielle™ Braune-Brause™-Song zur FIFA™-WM™. Jason Derulo singt, wie Jason Derulo halt singt, es geht also ganz gut ab. Dazu ein bisschen Getrommel, ein paar einfach mitzusingende Oh-oh-oh-Stellen. Alles nicht weiter schlimm.

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Lustig wird es, wenn man sich die Kommentare russischer Fußball- und Musikfans dazu durchliest - zum Beispiel auf der Website Sports.ru. Klar, Kommentarbereiche sind selten Orte des konstruktiven, respektvollen, reflektierten Austauschs. Entsprechend finden sich hier die üblichen "Der ist nicht mal Russe!" - "Der ist bestimmt schwul!" - "Der kann gar nicht singen!"-Geistesblitze.

Daneben aber kristallisiert sich ein Thema heraus. Zwischen "Ich bin ja nicht homophob, aber …" und "Soll er doch bei der Eurovision damit antreten" entsteht so etwas wie ein Konsens: Man möchte bitte einen anderen, älteren WM-Hit zurück. Den aus dem Jahr 1998, genau genommen. Die Älteren werden sich erinnern:

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Zuckersüße Ironie: Im Gegensatz zu Jason Derulo ist der von den Kommentatoren so sehnlich herbeigewünschte Ricky Martin schwul. Mit einem Mann verheiratet. Einer von zwei Vätern in der gemeinsamen Familie.

Wenn das hier also bei der FIFA™ jemand liest: Erfüllt den Kommentatoren doch ihren Wunsch. Macht "The Cup of Life" zur Zweithymne™ 2018. Spielt sie oft und spielt sie laut. Dann sind Derulos "Colors" vielleicht auch nicht so schnell plattgenudelt, dass wir uns alle verschließbare Ohren wünschen.

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12:00 Uhr
Nutzt auch im TV das Rampenlicht: José Mourinho
Nutzt auch im TV das Rampenlicht: José Mourinho(Foto: imago/Cordon Press/Miguelez Sports)

Mourinho, Tschertschessow, Glaubensfragen

Sonntag. Zeit für ein paar Glaubensfragen. Ich glaube nicht, dass es José Mourinho an Geld mangelt. Der Mann hat Real Madrid trainiert, den FC Chelsea gleich zweimal, auch Manchester United bezahlt ihn aktuell sicher nicht schlecht. Forbes führt Mourinho regelmäßig unter den zehn bestbezahlten Fußballtrainern. Er hätte sich also den Luxus gönnen können, sich ein bis zwei Ethik-Fragen zu stellen, als der Kreml-Propagandasender RT bei ihm anklopfte. Viele Journalisten in Russland haben diesen Luxus nicht, sie müssen sehen, woher das Geld für Unterkunft, Essen, Kinderbetreuung und Arztbesuche kommt. Trotzdem entscheiden sich viele dagegen, bei russischen Staatsmedien zu arbeiten. Mourinho nicht. Er wird bei der WM Experte für RT sein und dem Sender damit Aufmerksamkeit, Quote und Akzeptanz bescheren.

Katrin Scheib.
Katrin Scheib.(Foto: Pascal Dumont)

Ich glaube nicht, dass Stanislaw Tschertschessow ein Ausreißer ist. Gerade hat Russlands Nationaltrainer im brasilianischen Fernsehen erzählt, das mit dem Rassismus im Fußball sei in seiner Heimat gar nicht so weit verbreitet - jedenfalls nicht so weit, dass es die WM beeinträchtigen könnte. Dabei werden russische Vereine regelmäßig für rassistisches Verhalten ihrer Fans bestraft, manchmal ist es sogar das eigene Personal der Klubs, das mit solchen Äußerungen auffällt. Eine gesellschaftliche Debatte entsteht daraus dennoch nicht, dazu ist Fremdenfeindlichkeit in Russland zu alltäglich, zu akzeptiert, zu weit verbreitet.

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Katrin Scheib ist Journalistin, Schalke-Fan und kommt aus dem Rheinland. Als die deutsche Mannschaft 2014 in Brasilien Fußball-Weltmeister wurde, war sie gerade nach Moskau gezogen. Seitdem bloggt sie unter kscheib.de über ihren Alltag und informiert mit ihrem "Russball"-Newsletter jede Woche über den Fußball und die WM-Vorbereitungen in Russland. Und nun schreibt sie für n-tv.de den Countdown, bis das Turnier am 14. Juni beginnt.

Auch nach Jahren hier im Land komme ich nicht hinweg über Momente wie den neulich, als mir ein junger Russe auf einer Party in Moskau nach ein wenig Smalltalk beiläufig erzählte, Schwarze und Juden könne er selbstverständlich mit geschlossenen Augen am Geruch erkennen. Eine Anekdote, klar - aber keine Ausnahme: Als zum Beispiel das Levada-Center vergangenes Jahr Russen nach ihrer Meinung zu Gastarbeitern aus Zentralasien fragte, äußerten sich 38 Prozent der Befragten negativ.

Ich glaube nicht, dass sportliche Großveranstaltungen im luftleeren Raum existieren. Ich glaube, dass eine Fußball-WM in einem autoritären Staat bedeutet, dass wir darüber reden müssen, wie es sich in einem solchen Staat lebt - erst recht, wenn man Ausländer, schwul, Journalist, politisch andersdenkend oder eine Frau ist. Ich glaube, dass das nichts mit Russophobie zu tun hat. Dieselben Fragen waren 2008 bei den Olympischen Spielen in China wichtig. Dieselben Fragen werden 2022 bei der WM in Katar wichtig sein. Ich glaube, dass wir bis zum Beginn der WM im kommenden Juni da noch öfter drüber reden sollten. Und nach dem Finale Mitte Juli nicht damit aufhören.

Die Folgen 100, 99, 98, 97 und 96 des WM-Countdowns finden Sie hier.

12:00 Uhr
Bodenkontakt? Völlig überbewertet. Das Krestowski-Stadion in St. Petersburg.
Bodenkontakt? Völlig überbewertet. Das Krestowski-Stadion in St. Petersburg.(Foto: Alexander Lubjatschenko )

Das WM-Stadion in St. Petersburg ist ein Ufo

Zum Ende der Woche soll hier in unserem Countdown zur Fußball-Weltmeisterschaft in Russland ein bisschen Ruhe einkehren. Also, ausatmen, runterkommen - und dann bitte mal auf das Foto über diesem Text hier blicken, das Alexander Lubjatschenko vom Krestowski-Stadion gemacht hat, das auf gleichnamiger Insel in St. Petersburg direkt an der Ostsee steht.

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Lubjatschenko ist gebürtiger Moskauer, lebt in St. Petersburg und hat dort einen Job, der ohnehin schon nach Märchenbuch klingt: Er ist dafür zuständig, dass die unzähligen Springbrunnen der Stadt funktionieren.

Nun hat er also dieses Foto gemacht, in dem das Stadion aussieht wie eine fliegende Untertasse - oder, wie es auf Russisch heißt, ein fliegender Teller. (Ist ja tendenziell immer alles ein bisschen größer hier.) Ein Bild irgendwo zwischen Science Fiction und Disneys "Die Eiskönigin". Bodenkontakt? Völlig überbewertet.

Schade, dass es im Sommer, wenn in dem Stadion unter anderem Brasilien und Argentinien spielen werden, solche kalten Zauberfotos nicht geben wird. Immerhin: Zenit St. Petersburg, der Verein, der abseits großer Turniere in dem Ufo-Stadion spielt, hat sofort reagiert. Das Social-Media-Team des Klubs postete bei Twitter die einzig wahre Reaktion auf Lubjatschenkos Foto:

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12:00 Uhr
Bis zur WM ist alles fertig, versprochen - auch das Stadion in Saransk.
Bis zur WM ist alles fertig, versprochen - auch das Stadion in Saransk.(Foto: imago/ITAR-TASS)

Kleine Parabel über das russische Zeitgefühl

Fragen, die einem auf der Zielgeraden zur Fußball-WM immer öfter begegnen: "Aber werden denn auch alle Stadien rechtzeitig fertig? Oder müssen die Teams dann im halbfertigen Stadion spielen?" Dazu eine kleine Geschichte zum russischen Zeitgefühl.

Vergangene Woche musste ich zum russischen Konsulat in Bonn, ein neues Visum beantragen. Nach einigem Rumstehen draußen vor der Tür (bei -8 Grad, aber hey, wer in Russland lebt, ist kältemäßig gut im Training) saßen wir schließlich oben vor dem uns zugewiesenen Schalter und warteten: ich ohne festen Termin, dann ein Paar, das um 9.30 Uhr dran sein sollte. Ein Mann mit BVB-Schal, Termin um 9.50 Uhr.

Katrin Scheib
Katrin Scheib(Foto: Pascal Dumont)

Noch ein Mann, der zu einer Konferenz nach Russland wollte, Termin um 10.10 Uhr. Um 10.15 Uhr hat der Schalter dann geöffnet.  Kurz darauf waren alle unsere Anträge erfolgreich bearbeitet.

Was heißt das für die russischen WM-Stadien? Dass sie, da lege ich mich fest, bis zum Anpfiff fertig sein werden. Vielleicht wird in der Nacht davor noch was zusammengeschweißt oder irgendwo der letzte Sitz montiert. Vielleicht ist der Türrahmen vom Stadionklo noch mit Kreppband umklebt, damit er nicht mitgestrichen wird.

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Vielleicht endet der Fußweg vom Stadion zur Metro auf halber Strecke und besteht nur noch aus Schotter. Vielleicht muss vier Wochen nach der WM ein Teil des Gebäudes abgerissen und neu gebaut werden. Aber das Entscheidende - Stadion, Rasen, Tribünen - wird zum 14. Juni fertig sein, da bin ich mir sicher.

Die beste Reaktion, als am Visa-Schalter in Bonn um viertel nach zehn das Rollo hochgezogen wurde, hatte übrigens der mitwartende Fan der Dortmunder Borussia: Der schwarz-gelbe Schal verschwand zügig im Rucksack, Reißverschluss zu, nicht mehr zu sehen. Denn hinter dem russischen Visums-Sachbearbeiter, der für uns alle zuständig war, hing gut sichtbar ein Schalke-Wimpel an der Wand. Wahrscheinlich hat den damals Kevin Kuranyi vorbeigebracht.

Die Folgen 100, 99 und 98 des WM-Countdowns finden Sie hier.

Bilderserie

 

12:00 Uhr
Witali "Multi" Mutko, russischer Ex-Funktionärsengel.
Witali "Multi" Mutko, russischer Ex-Funktionärsengel.(Foto: AP)

7 1/2 Jobs, die Multi-Mutko nicht mehr hat

Witali Mutko hat mal wieder ein Amt abgegeben. Das tut der Mann, der mal sowas wie das Gesicht der kommenden Fußball-WM in Russland war, inzwischen mit einer gewissen Regelmäßigkeit, wenn auch selten freiwillig. Zuletzt zwangen ihn vor allem Hinweise, dass der Spitzenpolitiker an systematischem Doping beteiligt war, zu diversen Abdankungen.

Hier also eine handliche kleine Liste der Jobs, die Mutko inzwischen nicht mehr hat. Die frühen Einträge zeigen, wo im Bereich Sport, Politik und Sportpolitik er überall schon Macht hatte - und bis heute Kontakte. Die späteren zeigen: Manchmal können selbst die besten Kontakte nicht verhindern, dass man zwischenzeitlich in die zweite Reihe zurücktreten muss.

1. Stellvertretender Bürgermeister von St. Petersburg:  Von 1992 bis 1996 hatte Mutko diese Position - zur gleichen Zeit, als sich auch Wladimir Putin in der Petersburger Politik etablierte.

Katrin Scheib.
Katrin Scheib.(Foto: Pascal Dumont)

2. Präsident von Zenit St. Petersburg: Von 1995 bis 2003 war Mutko bei dem Club, der damals noch nicht so weit oben in der Tabelle stand wie heute. Mutkos lange Zeit als Vereinspräsident ist durchaus bemerkenswert: Sowohl sein Vorgänger als auch sein Nachfolger machten den Job nur rund zwei Jahre lang.

3. Präsident des russischen Fußballverbands: Die Ära Mutko begann beim RFS 2005, war aber Ende 2009 schon wieder vorbei. Allerdings nur vorläufig - siehe unten. Darum zählt dieser Punkt hier nur halb.

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4. Russischer Sportminister: Eingesetzt 2008 unter Putins Präsidentschafts-Auswechselspieler Dmitri Medwedew, bei Putins Rückkehr auf den Präsidentenposten dann weiterhin im Amt geblieben bis zum Jahr 2016.

5. Mitglied im Fifa-Exekutivkomitee: Seit 2009 gehörte Mutko dem Gremium an, Anfang 2017 blockierte die Fifa seinen Versuch, sich erneut in das Komitee wählen zu lassen. Grund war offenbar, dass Mutko inzwischen zum stellvertretenden russischen Ministerpräsidenten aufgestiegen war - das war selbst der Fifa zu viel Macht auf einmal.

6. Präsident des russischen Fußballverbands: Nach sechs Jahren Pause übernahm Mutko 2015 wieder die Spitze des Fußballverbandes RFS. Nachdem er wegen Doping-Vorwürfen immer weiter unter Druck geriet und das IOC ihn lebenslang sperrte, verkündete Mutko Ende 2017, er werde das Amt vorerst ruhen lassen.

7. Chef des russischen Organisationskomitees: Wenige Tage später der nächste Abgang: Das Jahr 2017 war noch nicht vorbei, da trat Mutko von seinem Amt als oberster Weltmeisterschaftsplaner zurück. Er wolle sich, sagte Mutko damals, auf seine Regierungsarbeit konzentrieren.

8. Regierungskoordinator für die WM-Organisation: Kommt das nur mir so vor, oder ist langsam der Punkt erreicht, an dem Mutkos Jobs alle gleich klingen? Gut, dass man sich diesen nicht merken muss: Anfang der Woche wurde Mutko auch hier abgelöst. Es ist damit der letzte Eintrag auf der Liste seiner Ex-Jobs. Vorerst.

12:00 Uhr
Gestatten, Месси ("Messi"): Auch eine Möglichkeit, sich russische Vokabeln beizubringen - gesichtet in Sankt Petersburg. Unsere Kolumnistin verrät, wie es weniger umständlich geht.
Gestatten, Месси ("Messi"): Auch eine Möglichkeit, sich russische Vokabeln beizubringen - gesichtet in Sankt Petersburg. Unsere Kolumnistin verrät, wie es weniger umständlich geht.(Foto: REUTERS)

Russische Fußball-Vokabeln zum Bluffen

Gestern noch das große Auftakt-Interview, heute sind wir endlich unter uns. Da reden wir doch direkt mal über etwas, das man sowieso besser nicht an die große Glocke hängt: über das Lügen. Oder, etwas geschmeidiger formuliert: Wie leicht man als deutscher Fan bei der WM im Sommer so tun kann, als spreche man super Russisch. Ja, ich weiß, ich hab gestern noch dafür plädiert, tatsächlich ein paar russische Wörter und Floskeln zu lernen.

Katrin Scheib.
Katrin Scheib.(Foto: Pascal Dumont)

Dazu gibt es hier demnächst auch ein paar Tipps, versprochen. Aber zum Einstieg gibt's heute erst mal eine Anleitung, wie man mit minimalem Aufwand maximalen Eindruck macht. Willkommen beim Sprachführer "Russisch sprechen, ohne Russisch zu können"! So ein матч [gesprochen: matsch] im стадион [stadion] beginnt, Ordnung muss sein, mit der ersten Halbzeit oder тайм [taim]. Gut möglich, dass es nach den 90 Minuten noch ein bisschen овертайм [overtaim] gibt. Wenn es gut läuft, endet die ein oder andere атака [ataka] nach ein bisschen дриблинг [dribling] mit einem гол [gol] - es sei denn, der Spieler stand im офсайд [ofsaid].

Unsere Kolumnistin

Katrin Scheib ist Journalistin, Schalke-Fan und kommt aus dem Rheinland. Als die deutsche Mannschaft 2014 in Brasilien Fußball-Weltmeister wurde, war sie gerade nach Moskau gezogen. Seitdem bloggt sie unter kscheib.de über ihren Alltag und informiert mit ihrem "Russball"-Newsletter jede Woche über den Fußball und die WM-Vorbereitungen in Russland. Und nun schreibt sie für n-tv.de den Countdown, bis das Turnier am 14. Juni beginnt.

Das Prinzip ist klar: Viele Fußballvokabeln haben, wie der Sport selbst, den Weg von England nach Russland genommen. Okay, für manches sind die russischen Begriffe inzwischen weiter verbreitet als die englischen, aber keine Sorge: Wenn ihr beim Russisch-Bluffen gerade schön warmgelaufen seid und jemanden als вингер [winger], голкипер [golkiper] oder лайнсмен [lainsmen] bezeichnet, wird das trotzdem jeder verstehen.

Wer all das jetzt immer noch zu kompliziert findet oder Sorge hat, sich nach dem dritten Stadionbier nicht mehr an sein Englisch zu erinnern: Der ein oder andere russische Fußballbegriff lässt sich sogar aus dem Deutschen herleiten. Zum Beispiel steht an jeder Ecke des Spielfeldes ein флагшток [flagstok] mit einer флаг [flag] dran.

Nur, wenn der Schiri pfeift, müsst ihr mit der Herleitung aus dem Deutschen vorsichtig sein: ein штрафной удар [strafnoi udar] ist nur wortwörtlich übersetzt ein Strafstoß - in Wirklichkeit ist damit nur ein Freistoß gemeint. Damit ein Elfmeter fällig wird, muss auch der russische Schiedsrichter sich wieder auf sein Englisch besinnen: Dann entscheidet er nämlich auf пенальти [penalti].

12:00 Uhr

"Erst mal 20 Minuten Feuerwerk"

Der Countdown zur Fußball-WM zeigt: Noch 100 Tage.
Der Countdown zur Fußball-WM zeigt: Noch 100 Tage.(Foto: Katrin Scheib)

Exakt 100 Tage sind es noch, dann beginnt in Russland die Fußball-WM. Die deutsche Journalistin Katrin Scheib schreibt ab sofort für n-tv.de von Moskau aus den WM-Countdown und erzählt, wie es dort ist. Sie ist davon überzeugt, dass auch ein - nicht völlig unwahrscheinliches - frühes Ausscheiden der Mannschaft des Gastgebers der Stimmung bei diesem Turnier keinen Abbruch tun wird. Dafür seien die Russen viel zu gastfreundlich. Und: "Großereignisse opulent zu inszenieren ist hier im Land sehr wichtig."

Zum Interview bitte hier entlang: "Erst mal 20 Minuten Feuerwerk" - Warum die WM ein Fest wird