Fußball-EM

Kein DFB-Debakel, aber ein Drama Löw konnte der Mannschaft nicht helfen

Im Londoner Wembley-Stadion endet eine Ära, die von Bundestrainer Joachim Löw nämlich. Doch auch für einige Spieler der deutschen Fußball-Nationalmannschaft könnte die Achtelfinal-Pleite bei der EM gegen England die letzte gewesen sein.

Man war auf diesen Moment vorbereitet. Und irgendwie auch nicht. Man wusste ja, dass es jederzeit vorbei sein könnte mit der Ära von Joachim Löw als Bundestrainer. Aber als es dann tatsächlich so weit war, als Deutschland an diesem Dienstagabend um 19.54 Uhr gegen England aus dieser Fußball-Europameisterschaft ausgeschieden war, als sich Joachim Löw eilig in den Tunnel des Wembley-Stadions verabschiedet hatte, da war man mit dem Moment aber doch überfordert. Löw, dessen Beziehung zu den anderen 82 Millionen Bundestrainern im Land oft von Anerkennung, noch öfter von Verzweiflung und eigentlich nie von Liebe geprägt war, war plötzlich weg. Sein Abgang fast so seltsam, nüchtern und hastig wie das deutsche Spiel gegen die "Three Lions".

Und das lässt sich tatsächlich bei dieser 0:2 (0:0)-Niederlage auf zwei Momente komprimieren. Auf den Moment unmittelbar vor der Pause, als Mats Hummels mit einem Tackling gegen Harry Kane den Rückstand verhinderte, für das das wundervolle Wort Heldengrätsche erschaffen worden war. Und auf den Moment in der 81. Minute, als Thomas Müller eine Chance vergab, für die es das weniger wundervolle Wort Mega-Gelegenheit gibt. Ausgerechnet Müller, der von Löw für seine finale Mission begnadigt worden war. Nach einer Blitz-Ausbootung im Frühjahr 2019, dessen wuchtige Endgültigkeit Müller nie akzeptieren konnte und wollte. Was für ein tragisches, aber irgendwie auch passendes Ende dieser Beziehung. Was sich nun in diesen Momenten ausdrückte? Deutschland spielte engagiert, aber nicht leidenschaftlich und entschlossen genug. Zu keinem Zeitpunkt. Irgendwie trudelte das Spiel aus und damit die Ära Löw.

Und was sagt man jetzt?

Tja, und was sagt man, wenn so eine lange Reise zu Ende ist? "Die Enttäuschung ist da. Viel mehr Gedanken sind nicht möglich", sagte Löw. Er hatte anderes im Sinn. Etwas Großes. Der Bundestrainer wollte die vergangenen drei Jahre korrigieren. Es waren drei Jahre, in denen Löw sein Gefühl für die Nationalmannschaft verloren hatte. Der Mann, der aus dem darbenden Deutschland seit 2004 (zunächst zwei Jahre als Co-Trainer) eine Nation der begeisternden Fußballspieler geformt hatte, der ein Team entwickelt hatte, das sich bei der WM 2014 mit dem Titel krönte, hatte sein Gespür als Entwickler verloren. Nach dem historischen WM-Debakel in Russland vor exakt drei Jahren waren seine Entscheidungen nur noch selten glücklich. Der immer verteidigte Umbruch gelang nicht. Das belastbarste Indiz dafür: der Abbruch aller Pläne vor dieser EM, die Rückkehr von Hummels und Müller.

Nun geht der bittere Knockout im Achtelfinale nicht als Debakel durch, auch wenn Deutschland nur eines von vier Spielen gewinnen konnte. Das Überleben der Todesgruppe mit Frankreich, Portugal (einziger Sieg) und Ungarn (die waren überraschend stark, indes am wenigsten todesgruppig) war durchaus ein Erfolg, auch wenn die Leistungen zwischen chancenlos, sehr stark und höchst eigenartig changierten. Interessant ist übrigens: So todesgruppig diese Gruppe in den Hymnen besungen worden war, so harmlos präsentierte sie sich in der K.-o.-Runde. Frankreich blamierte sich gegen die Schweiz, Belgien komplementierte Portugal ungnädig aus dem Turnier und nun folgte eben Deutschland. Weggebissen von zwei gierigen Löwen. Vom so umtriebigen Raheem Sterling, dem bislang besten Engländer in diesem Turnier. Und von Kapitän Harry Kane, dem bislang vielleicht unauffälligsten Engländer in diesem Turnier. Besonders bitter aus deutscher Sicht: Beide Tore fielen nach dem gleichen Muster: Flanke von der linken Seite (der "Three Lions"), starker weil gnadenloser Abschluss im Zentrum. Den ließen Müller, Kai Havertz (sein Schuss wurde von Jordan Pickford ganz stark pariert) und Timo Werner bei ihren wenigen Aktionen vermissen.

Löw scheitert an sich selbst

Nein, dieser Knockout geht nicht als Debakel durch. Als Drama schon. Denn Löw war an sich selbst gescheitert. Wieder einmal hatte er auf sein 3-4-3-System vertraut, was indes bloß gegen Portugal richtig gut funktioniert hatte. Nun ist über Löw und seine Einstellung zu System alles gesagt. Sie sind nicht so wichtig, wichtig ist, wie man die Rollen interpretiert. Und gegen England waren dann so einige Fehlinterpretationen dabei. Oder eben Dinge, die mit einem anderen System womöglich zu verhindern gewesen wären. Dass Matthias Ginter zu häufig alleine gegen die englischen Angreifer Sterling und später Jack Grealish stand, war ein Beispiel. Die wuseligen Stürmer setzten ihm mehrfach zu. Gut wäre sicher gewesen, wenn es einen echten Rechtsverteidiger gegeben hätte. In einer Viererkette. Oder aber, wenn Joshua Kimmich öfter mal hinten rechts zu sehen gewesen wäre. Beide Gegentore wurden über die Seite vorbereitet (siehe oben).

Noch besser wäre es womöglich gewesen, wenn Kimmich im Mittelfeld-Zentrum gespielt hätte. An der Seite von Leon Goretzka, der für den angeknockten İlkay Gündoğan gespielt hatte. Es ist eine ewige Diskussion. Eine ewig berechtigte. Selbst wenn Kimmich der beste Mann für die rechte Seite ist (was er ist), er ist dort nicht der beste Kimmich. Der ist er im Zentrum. Von wo aus er Zugriff hat, wo er stabilisieren und organisieren kann. Also die Rolle spielt, die seit Jahren Toni Kroos einnimmt. Und das aus Sicht von zahlreichen Experten und noch zahlreicheren Hobby-Bundestrainern nicht mehr zu Recht. Gute Argumente für ihre Sicht der Dinge lieferte das England-Duell. Kroos, der von den Spielern der "Three Lions" in den vergangenen Tagen mit größtem Respekt geadelt worden war, hatte zwar früh ein paar äußerst robuste Balleroberungen, aber keine Ideen. Das Quergeschiebe nahm diesem meist seltsam uninspirierten Spiel reichlich an Dynamik. Und wie gut diese getan hätte, zeigten die wenigen direkten Aktionen von Goretzka, der mit seinen Läufen in die Tiefe für Unruhe in der englischen Maurergilde sorgte.

Biederes englisches Handwerk

Ja, die Engländer, diese Mannschaft mit den hochbegabten Offensivspielern Jadon Sancho, Phil Foden, Mason Mount und Marcus Rashford, konzentrierten sich auf das unspektakuläre Handwerk. Passend dazu saßen all die Hochbegabten über 90 Minuten auf der Bank. Diesen Mut muss man als Nationaltrainer erst mal aufbringen. Tatsächlich bekommt Gareth Southgate für die Wahl seiner Mittel keinen Applaus. Aber die Titel-Gier auf der Insel ist so immens, dass der Ansatz zunehmend mehr geduldet wird. Anders als in Deutschland mit Löw. Dem hätte man auch Mut gewünscht. Bei seinen Einwechselungen. Bei seiner Taktik. Das volle Risiko wählte er auch gegen England nicht. Es fehlten wieder einmal entscheidende Impulse und überhaupt ein schlüssiger EM-Plan für seine schwächelnden Außenspieler Leroy Sané und Serge Gnabry. Hilfe für die Jungens von der Linie, sie kam kaum. Anders wiederum Southgate: Sein Joker brachte die Wende. Mit Grealish kamen Zielstrebigkeit und Tore.

Und wie vergeben und vergessen alles sein kann, das zeigte Wembley nach dem 2:0. "Football is coming home, is coming home...". Knapp über 40.000 Zuschauer waren nah der Totalekstase. Der Sieg schmeckte ja auch besonders süß, es war schließlich der erste K.-o.-Runden-Sieg bei einer EM gegen den Erzrivalen.

Southgate ist flexibler

Was beide Trainer übrigens eint: die absolute Überzeugung von ihrer Idee. Gegen die öffentliche Wut. Gegen jede Form der öffentlichen Einmischung. Was Southgate allerdings tut: Er passt seine Überzeugung dem Gegner an. Setzt nicht stumpf auf ein System und auch nicht wie Löw auf das fast immer gleiche Personal. Mit diesem Weg ist er erfolgreich. Vor drei Jahren bei der WM scheiterte England dramatisch im Halbfinale an Kroatien (1:2 nach Verlängerung), wohin es in diesem Jahr geht, unklar? Der Weg ins Finale ist zumindest nicht mehr mit den dicksten Steinen im internationalen Fußball zugepflastert. Im Viertelfinale wartet überraschend die Ukraine, in einem möglichen Halbfinale dann die Helden aus Dänemark oder die wirklich guten Tschechen.

Auch für Deutschland wäre dieser Weg gut möglich gewesen, wenn man sich irgendwie erfolgreich durch das Nadelöhr Wembley gequetscht hätte. Dafür hätte es an diesem Dienstagabend aber mehr Hummels gebraucht und weniger Müller. Ob das auch für die Zukunft gilt, wenn Hansi Flick die Mannschaft im September erstmals als Bundestrainer betreuen wird? Hummels lässt seine Zukunft offen. Von Müller weiß man nichts, außer dass er ein sehr gutes Verhältnis zum neuen Chef hat, der ihn beim FC Bayern im Herbst 2019 vom Nothelfer zum absolut unverzichtbaren Anführer wiederbelebte. Denkbar also, dass er im künftigen DFB-Team zumindest vorerst weiter eine tragende Rolle haben wird. Ob das auch für Kroos gilt? Nun, der muss fürchten, dass seine Position wackelt. Denn wie gut das Duo Goretzka und Kimmich im Zentrum wirkt, das weiß Flick. Er hat es ja schließlich erschaffen.

Über all das wurde an diesem Dienstagabend aber nicht nachgedacht. Es ging um das Aus. Und noch mehr ging es um Löw. "Es war ein sehr trauriges Gefühl, als ich den Jogi gesehen habe", sagte Kapitän Manuel Neuer. Man war auf dieses Bild vorbereitet, aber als es so weit war, war man doch überfordert. Joachim Löw ist (DFB)-Geschichte.

Quelle: ntv.de

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