55 Jahre Bundesliga

Redelings über die Saison 17/18 Der Videobeweis ist Sex ohne Vergnügen

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Dino Hermann hat sich einen Nasenstüber eingefangen - so wie seine Mannschaft.

(Foto: imago/Oliver Ruhnke)

Der FC Bayern entlässt den Trainer und kommt fix wieder in die Spur. Beim BVB sorgen ein Fußballtalent und die Schalker für Turbulenzen. In Hamburg und Köln betrauern sie den Abstieg, ansonsten gibt es nur ein Thema: den Videobeweis.

Wenn man nur die Zahlen sieht, kann man gar nicht mehr verstehen, was da passiert sein könnte, dass der FC Bayern bereits nach dem sechsten Spieltag der Saison 2017/2018 seinen Trainer Carlo Ancelotti entlässt. Gewohnt souverän und sicher holen sich die Münchener bereits am 29. Spieltag durch ein 4:1 beim FC Augsburg zum sechsten Mal in Folge die deutsche Fußball-Meisterschaft. Und doch ist gerade diese frühzeitige Entlassung der Schlüssel zu einer wieder einmal sehr ruhigen Saison. Unter Jupp Heynckes tritt die Mannschaft sofort wie verwandelt auf und verliert in der gesamten Spielzeit nur noch eine einzige Partie.

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Noch bevor der erste Pfiff überhaupt erklungen ist, sorgt der französische Nationalspieler Ousmane Dembélé für Turbulenzen. Sein Wunsch, sich zu verändern, ist so groß und stark, dass er seinen Verein Borussia Dortmund mit allen Mitteln dazu drängt, ihn zum FC Barcelona ziehen zu lassen. Die verbrannte Asche, die sein Transfer beim BVB hinterlässt, kokelt noch etwas länger vor sich hin und veranlasst Aki Watzke schließlich dazu, sich grundsätzlich zu diesem Thema zu äußern: "Der nächste Spieler, der versucht, uns unter Druck zu setzen, indem er Leistung zurückhält oder gar streikt, wird damit nicht durchkommen - und auf der Tribüne sitzen." Man wird sehen, wie sehr diese Worte nachhallen werden - wenn tatsächlich ein weiterer Profi seine Bedürfnisse über die des Vereins stellt.

Videobeweis-Strafstoß in der Halbzeitpause

Das große Thema dieser Spielzeit ist allerdings ein anderes. Der neu eingeführte Videobeweis erregt die Gemüter vom Start weg. Nur wenig klappt, wie es soll und so kommt es immer wieder zu grotesken Szenen. Der unübertroffene Höhepunkt der zahlreichen Slapstick-Einlagen ist eine Situation am 30. Spieltag. Nachdem die Partie zwischen dem FSV Mainz 05 und dem SC Freiburg knapp 45 Minuten lang fast komplett ohne Aufreger abläuft, übersieht in den letzten Sekunden vor dem Halbzeitpfiff Schiedsrichter Guido Winkmann ein klares Handspiel eines Freiburger Spielers. Kurz nach dieser Szene bittet er beide Mannschaften in die Kabine. Und als bereits alle Akteure in den Katakomben verschwunden sind und auch der Schiedsrichter das Spielfeld schon verlassen hat, hält dieser plötzlich inne.

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Und am Ende der Saison jubelt Domenico Tedesco.

(Foto: imago/Team 2)

Auf seinem Ohr hat sich die Video-Assistentin Bibiana Steinhaus gemeldet und Winkmann auf das Handspiel aufmerksam gemacht. Dem bleibt anschließend nichts anderes übrig, als beide Teams wieder aus ihren Kabinen zu holen und den Strafstoß ausführen zu lassen. Hohn und Spott ergießt sich daraufhin über den Unparteiischen und seinen Video-Assistenten in Köln. Doch neben manch bösem Kommentar karikieren im Netz einige Fußballfreunde auch mit feiner ironischer Klinge das Thema Videobeweis. So schreibt ein User: "Das ist das erste Mal, dass einer beim Pausen-Gewinnspiel trifft, glaube ich." Bayerns Ex-Spieler Bixente Lizarazu bemängelt vor allem die langen Verzögerungen, die immer wieder zwischen einem möglichen Tor und der letztendlichen Entscheidung auftreten: "Der Video-Assistent ist ein bisschen so wie Sex ohne Vergnügen. Bevor es zum Höhepunkt kommt, sagt jemand Stop."

Gefühltes 0:0 bringt Schalke auf Derby-Kurs

Die abenteuerlichste Partie der Saison sehen mehr als  80.000 Zuschauer am 13. Spieltag in Dortmund. Gegen den FC Schalke 04 führt der BVB zur Pause mit 4:0 - und kann am Ende froh sein, dass die Begegnung direkt nach dem 4:4 der Königsblauen in der 94. Minute abgepfiffen wird. Ansonsten, so sind sich alle Beobachter vor Ort einig, wären die Dortmunder nach diesen zwei spektakulär verschiedenen Halbzeiten noch als Verlierer vom Platz gegangen.

Im "Aktuellen Sportstudio" verrät Schalkes Torwart Ralf Fährmann mit welch simplem, aber dennoch erfolgreichen Trick Trainer Domenico Tedesco seine Mannschaft für die zweiten 45 Minuten heiß gemacht hat. Der junge Coach der Königsblauen hatte sein Team ganz nah zusammengeholt, sich vor seine Spieler gekniet und darauf hingewiesen, wie labil der BVB doch sei. Anschließend habe Tedesco ein 0:0 ausgerufen und von seiner Mannschaft gefordert, dass sie die zweite Halbzeit gewinnt. Und so haben sie es schließlich auch gemacht.

Nach einer Fabel-Spielzeit ein Jahr zuvor endet die Saison für den 1. FC Köln mit dem Abstieg. Das Traum-Duo Jörg Schmadtke und Peter Stöger gibt es da schon lange nicht mehr. Kurz nach Saisonstart hatte Manager Schmadtke auf die Frage eines Journalisten geantwortet: "Willst Du jetzt von mir eine Bewertung der Saison haben? Am dritten Spieltag? Die Saison ist scheiße!" Und das ist sie in der Tat.

Noch schlimmer ergeht es dem HSV. Nach 55 Jahren ununterbrochen in der ersten Liga muss der Dino am Ende einsehen, dass der Kampf gegen den Abstieg nicht mehr zu gewinnen war. Ab sofort trägt das Klub-Maskottchen "Dino Hermann" ein Pflaster auf der Nase. Auf dass die Wunde schnell verheilt.

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Quelle: n-tv.de