Fußball

Ansage von den Klubbossen Bayerns Chefkritiker Kimmich wird ermahnt

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Joshua Kimmich hat häufiger mal Redebedarf.

(Foto: imago images/MIS)

Joshua Kimmich ist mit Leistungen seines FC Bayern nicht zufrieden. Nach dem Bundesliga-Spiel beim SC Paderborn äußert der Nationalspieler heftige Kritik an Art und Weise der Münchener Auftritte. Bei den Bossen kommt der Klartext nicht gut an, sie erhöhen den Druck auf Kimmich.

Joshua Kimmich ist ein sehr kritischer Mensch. Julian Brandt weiß das nur zu gut. Der multiflexible Spieler des FC Bayern sei sein "größter Kritiker", hatte der Mittelfeldspieler von Borussia Dortmund während eines Nationalmannschaftslehrgangs im März gesagt. Sogar per Whatsapp gäbe es Hinweise zu seinen, zu Brandts Leistungen. Auch Leroy Sané und Timo Werner sollen zu jenen Fußballern gehören, denen sich Kimmich gerne annimmt. Der Kimmich sei einer, sagt Brandt, "der immer einhundert Prozent Mentalität zeigt. Der will immer. Der ist bissig, der zeigt es mit der Körpersprache, der legt sich mit jedem an." Nun, an diesem 6. Spieltag der Bundesliga hat sich Kimmich mit seiner Mannschaft angelegt. Nach dem eher überraschend wackeligen 3:2 beim SC Paderborn kritisierte er gleich die ganze bisherige Saison.

"Man muss feststellen, dass wir es in dieser Saison noch nicht geschafft haben, ein Spiel über 90 Minuten dominant zu bestreiten", schimpfte Kimmich. "Auch die letzten Spiele, die wir deutlich gewonnen haben, waren nicht in der Art und Weise, wie wir uns das vorstellen." Gerade das Spiel bei Ballbesitz macht den Nationalspieler wütend. "Wir schaffen es nicht immer, Dominanz durch sicheren Ballbesitz auszustrahlen und dadurch signalisieren wir dem Gegner immer wieder, dass etwas möglich ist." Der FC Bayern, so sagt er, laufe aktuell dem eigenen Anspruch hinterher - trotz eroberter Tabellenführung. Gut, der Patzer von RB Leipzig zuhause gegen den FC Schalke 04 (1:3) war dafür natürlich auch nötig.

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"Es ist nicht das erste Spiel, dass wir in der ersten Halbzeit von den Chancen her dominieren. Man muss auch mal mit zwei, drei Toren Unterschied in die Halbzeit gehen", ärgerte sich Kovac.

(Foto: REUTERS)

Nun ist Kimmich nicht der Einzige, der nach dem Spiel beim Aufsteiger haderte. Trainer Niko Kovac bemängelte das schiefe Verhältnis aus Aufwand und Ertrag. "Es ist nicht das erste Spiel, dass wir in der ersten Halbzeit von den Chancen her dominieren. Man muss auch mal mit zwei, drei Toren Unterschied in die Halbzeit gehen. Das war möglich. Das bemängele ich", sagte er. Bereits vor dem Spiel hatte er eben genau das eingefordert. "So läuft ein Spiel dann, wie es eben läuft. Das ist immer eng und so ein Spiel kann zum Schluss immer in die Hose gehen." Ein bisschen viel Laissez-faire in Passspiel -allen voran der arg fahrige Thiago mit seinem spektakulären Beinahe-Eigentor von der Mittellinie - und Abschluss machten den Aufsteiger wieder stark. "Paderborn hat uns 90 Minuten gepresst. Wir haben es nicht geschafft, die Kontrolle im Mittelfeld zu haben, die wir gewohnt sind", ärgerte sich Sportdirektor Hasan Salihamidzic. So deutlich wie Kimmich wurde aber keiner.

"Wer die Klappe aufmacht muss vorwegmarschieren"

Und das bringt ihm nun eine Ansage der Bosse ein. Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge sagte: "Wenn man kritisch ist, muss man die Flagge in die Hand nehmen und nach oben halten. Und dann müssen alle demjenigen hinterher rennen. Dann muss er auch große Leistung liefern. Den Anspruch muss er jetzt auch an sich selbst haben." Verantwortung übernehmen sei ja auch keine Sache des Alters, sagte Rummenigge über Kimmich. "Der Faktor ist exklusiv die Leistung, egal wie alt einer ist. Wir haben hinten im Tor einen etwas älteren Herren, der schon die drei vorne stehen hat, und vorne einen etwas älteren Herren, der auch schon die drei stehen hat. Die zwei sind da gute Vorbilder auch für Joshua." Während Manuel Neuer aber erst zuletzt öffentlich meinungsfreudig auftrat, hat Robert Lewandowski schon häufiger mal gesagt, was er denkt. Nicht immer waren die Bayern darüber glücklich.

Kimmichs Kritik dagegen wird intern noch einigermaßen entspannt geduldet - wenn es nun auch erstmals so etwas wie eine öffentliche Ermahnung gibt. Auch Salihamidzic meint: "Wer die Klappe aufmacht, muss vorwegmarschieren. Das tut er auch. Ich mag ja Spieler, die was sagen und Verantwortung übernehmen." Tatsächlich hat sich Kimmich in den vergangenen Monaten immer stärker als Meinungsführer etabliert. Nach dem vergeigten Supercup bei Borussia Dortmund (0:2) Anfang August kritisierte er das ein "stückweit naive" Abwehrverhalten bei den Gegentoren. Zwei Fehlpässe hatten Konter eingeleitet, die jeweils zum Erfolg geführt hatten. Auch nach dem 2:2 zum Ligastart gegen Hertha BSC wurde Kimmich (intern) deutlich. Laut "Bild" soll er seinem Trainer vorgehalten haben, zu spät gewechselt zu haben. Und in der eskalierten Torwartdebatte in der Nationalmannschaft widersprach er Uli Hoeneß. Anders als sein Klub-Präsident brachte er Verständnis für die Unzufriedenheit von Herausforderer Marc-André ter Stegen auf.

Tottenham - FC Bayern, 21 Uhr

Tottenham: Lloris - Aurier, Alderweireld, Vertonghen, D. Rose - Sissoko, Winks, Ndombelé - Eriksen - Son, H. Kane; Trainer: Pochettino.
FC Bayern: Neuer - Pavard, Süle, J. Boateng, Alaba - Kimmich, Thiago - Gnabry, Coutinho, Coman - Lewandowski; Trainer: Kovac.
Schiedsrichter: Turpin (Frankreich)
Stadion: Tottenham Hotspur Stadium (London)

Sowohl in München als auch in der Nationalmannschaft gilt Kimmich nicht nur wegen seinen sportlichen Qualitäten, sondern eben auch wegen seiner Meinungsstärke als kommender Kapitän. Und wie auch bei der DFB-Elf etabliert sich Kimmich mit seiner Spielübersicht, Passsicherheit und Zweikampfstärke beim FC Bayern mehr und mehr als Sechser. "Durch die Position kann ich eine etwas zentralere Rolle spielen, so kann ich durch meine Emotionen mehr Spieler auf dem Feld erreichen", sagte er bereits im März im Sky-Interview. Für seinen Klub ist die Versetzung aber nicht ohne Folgen. Denn auf der Position des Rechtsverteidigers, Neuzugang Benjamin Pavard spielt seit dem 2. Spieltag dort, fehlt es den Münchenern an offensiver Dynamik. Erstaunliche 14 Tore bereitete Kimmich vergangene Saison über die Seite vor - aktuell steht er aus dem Zentrum bei drei Assists.

Weil sich Pavard gegen den Aufsteiger doch einige Fehler im Duell mit Christopher Antwi-Adjej leistete, könnte Kimmich am Dienstag in der Champions League bei den offensivstarken Tottenham Hotspur (21 Uhr im Liveticker bei ntv.de) wieder auf die rechte Abwehrseite rücken. Zwar fühlt er sich im Mittelfeld wohler, aber grundsätzlich gilt für Kimmich ja eh immer nur eins: "Wenn man mich fragt: Ich will da auf jeden Fall gewinnen." Dafür braucht's eine große Leistung. Nun umso mehr von Kimmich.

Quelle: n-tv.de

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