Fußball

Haaland staunt und wird geküsst Beim BVB erwächst ein Weltklasse-Monster

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Bald-Weltklasse-Spieler: Jude Bellingham.

(Foto: imago images/Revierfoto)

Borussia Dortmund besteht in der hitzigen Atmosphäre bei Besiktas Istanbul. Obwohl wieder kein Spiel ohne Gegentor gelingt, zeigt sich der BVB zum Start in die neue Saison der Champions League überraschend reif - vor allem der erst 18 Jahre alte Teenager Jude Bellingham.

Über Erling Haaland gibt es an diesem Mittwochabend zwei Dinge zu sagen. Der Stürmer des BVB hat (natürlich) ein Tor erzielt, es war das vorübergehende 2:0 beim 2:1-Sieg der Dortmunder zum Start in die neue Saison der Champions League bei Besiktas Istanbul. Es war bereits der 13. Treffer im gerade mal elften Königsklassenspiel für die Borussia. Die zweite Sache, die es zu Haaland zu sagen gibt, ist deutlich ungewöhnlicher: Der Norweger war dieses Mal nicht der Matchwinner. Diese Rolle riss der zweite phänomenale Youngster der Dortmunder an sich. Und der gerade einmal 18 Jahre alte Jude Bellingham tat das abermals auf bemerkenswerte Weise. "Das ist ein geiler Junge", sagte sein Trainer Marco Rose.

Besitkas Istanbul - Borussia Dortmund 1:2 (0:2)

Tore: 0:1 Bellingham (20.), 0:2 Haaland (45.+3), 1:2 Montero (90.+4)
Istanbul: Destanoglu - Rosier, Welinton, Montero, N'Sakala - Souza - Pjanic, Hutchinson (78. Ucan) - Ghezzal (89. Töre), Larin (61. Karaman) - Batshuayi. - Trainer: Yalcin.
Dortmund: Kobel - Meunier, Hummels (69. Pongracic), Akanji, Guerreiro - Dahoud - Bellingham (69. Wolf), Brandt (46. Witsel) - Reus - Haaland (85. Knauff), Malen (70. Moukoko). - Trainer: Rose.
Schiedsrichter: Antonio Mateu Lahoz (Spanien)
Zuschauer: 22.445

Dass der Teenager ein richtig Guter ist, das wissen sie an der Strobelallee schon was länger. Aber ob sie im Sommer des vergangenen Jahres wirklich geahnt haben, was ihnen da für ein Coup gelungen war? Die Vermutung liegt nahe. Nahmen sie doch 25 Millionen Euro für einen englischen Zweitligaspieler in die Hand. Den Beweis tritt er jetzt an: Bellingham wird bei der Borussia immer mehr zur Sensation. Wie der gleichaltrige Jamal Musiala beim großen Rivalen aus München. Doch während der deutsche Nationalspieler beim FC Bayern noch ein Mann ist, der zwischen Anfangsformation und Bankplatz rotiert, ist Bellingham, der englische Nationalspieler, in dieser Spielzeit bereits eine unverzichtbare Konstante. Und das nicht nur als Fußballer, sondern auch als Chef. Dass im Sommer mit Jadon Sancho ein anderes Super-Talent den BVB für 85 Millionen Euro verließ, um bei Manchester United zu spielen, das ist fast vergessen.

Neben Mo Dahoud, dessen Entwicklung beim BVB seit einem halben Jahr ebenfalls sehr bemerkenswert ist, treibt Bellingham das Spiel gierig und unnachgiebig an. Er herrscht mit einem beeindruckenden Stellungsspiel, organisiert mit klugen Pässen, bereitet Tore vor oder erzielt sie selbst. Trainer Rose kam aus dem Schwärmen nicht mehr heraus: "Seine Mentalität, seine Bereitschaft, fürs Team zu arbeiten, die Intensität, mit der er Fußball spielt, der Siegeswille und die fußballerischen Lösungen, die er findet. Das ist außergewöhnlich." Bellingham dagegen versteht das ganze Bohei und den gewaltigen Hype nicht. Er sieht die Sache so: "Das ist mein Job. Ich bin Mittelfeldspieler von Borussia Dortmund. Das ist nichts Besonderes." Er meinte damit seine Leistung, nicht den Verein. Nur um Missverständnisse zu vermeiden.

All das, was diesen Spieler auszeichnet und ihn spätestens im Sommer des kommenden Jahres zur gejagten Sensation auf dem Transfermarkt machen wird, quetschte Bellingham in die 100 Minuten von Istanbul. Das erste Tor erzielte er selbst, nach einer sehr sehenswerten Vorarbeit von Thomas Meunier, der als Rechtsverteidiger einen langsamen, aber stetigen Aufwärtstrend erkennen lässt. Bellingham verarbeitete die Hereingabe mit seiner feinen Technik. Er ließ den Ball von seiner Brust tropfen, legte ihn sich in einer Bewegung vor und schob ihn aus spitzem Winkel durch die Beine von Torwart Ersin Destanoğlu. Danach legte er den Finger auf den Mund und brachte das Stadion, das bei voller Auslastung als das lauteste in Europa gilt, zum Schweigen. Damit wurde der Engländer zum jüngsten Spieler, der - saisonübergreifend - in zwei aufeinanderfolgenden Spielen der Champions League ein Tor schoss. Er löste damit Frankreichs Weltstar Kylian Mbappé ab. "Schön", kommentierte er lässig und fügte hinzu: "Ich will derjenige sein, der zum ersten Mal drei erzielt."

Zu viele Superlative? Nein!

Bellingham spielt nicht nur mit einem maximalen Selbstvertrauen, er jubelt auch so. Nicht jeder mag das. Im Klub bekam er erst am vergangenen Wochenende einen Rüffel für seine provokante Freude nach dem Spektakel-Sieg bei Bayer Leverkusen. Bellingham hatte einen wütend von den Tribünen der BayArena gefeuerten Bierbecher gefangen und einen Schluck für den Sieger angedeutet. Die einen fanden es amüsant. Die anderen, namentlich: Team-Manager Sebastian Kehl, fanden es überheblich. So schüchtern der 18-Jährige aussieht, so extrovertiert jubelt er auf dem Platz. Auch nach dem zweiten Treffer in Istanbul. Den hatte Haaland nach sensationeller Vorarbeit des Engländers erzielt. Mit engster Ballführung und bester Übersicht. Wem das zu viele Superlative sind, der muss sich die Szene nur anschauen, um zu verstehen.

Dass der BVB dieses durchaus unangenehme Spiel recht souverän gewann, das lag vor allem an der beeindruckenden Reife von Bellingham. Aber auch an Torwart Gregor Kobel. Der hatte bereits nach sechs Minuten einen Rückstand seines defensiv in dieser Saison noch alles andere als stabilen Teams verhindert. Seine Parade gegen den Ex-Dortmunder Michy Batshuayi war Weltklasse. Es drängt sich immer mehr der Eindruck auf, dass der BVB mit der Verpflichtung des Keepers eine Schwachstelle im Kader sehr vernünftig beseitigt hat. Auch in der zweiten Halbzeit entnervte er Batshuayi mit einer ganz starken Fußparade. Beim Kopfballtreffer von Francisco Montero in der 94. Minute war er ohne Chance. Dass es noch einmal ganz kurz spannend wurde, lag auch daran, dass Ansgar Knauff, auch so ein Talent mit starker Perspektive, kurz zuvor das 3:0 ausgelassen hatte. Der 19-Jährige knallte den Ball nach einem perfekten Zuspiel von Marius Wolf freistehend an die Latte und nicht ins leere Tor. Auch Bellingham vergab einmal. Michael Zorc verzieh ihm. "Ja, er hätte noch eins machen können", sagte der Sportdirektor nach dem Spiel.

Ein kleiner Makel bleibt

Der BVB konnte es verschmerzen. Nicht ganz so entspannt ging Trainer Marco Rose indes damit um, dass seine Mannschaft wieder einmal nicht ohne Gegentor davonkam. "Wir haben jetzt das dritte Spiel in Folge gewonnen und sind in die Champions League mit einem Sieg gestartet. Das ist immer wichtig. Hinten raus ist das die obligatorische Nummer, dass wir das Spiel spannend machen." Nun, wirklich spannend wurde es tatsächlich nicht, denn Besiktas kam nicht mehr gefährlich vor das Tor. Aber auch Bellingham, der beim Gegentor übrigens nicht mehr auf dem Platz war, fand, dass nicht alles super war: "Es war ein bisschen wie beim Basketball: Auf jeden Angriff folgte ein Gegenangriff." Es dürfte gerne ein bisschen ruhiger zugehen, für den BVB. Auch da wird der Engländer mehr gefordert sein. Während Schwarzgelb nach vorne wirklich gut bis sehr gut funktioniert, galt das für die Abwehr bislang nicht. Auch wenn Istanbul ein Fortschritt war. Alles wirkte deutlich stabiler, auch dank Startelf-Rückkehrer Mats Hummels, der nach 69. Minute entkräftet ausgewechselt werden musste.

Für die Defensive, für den Klub und vor allem für Bellingham. In diesen Spieler verliebt sich der Klub nämlich mit jeder Sekunde ein wenig mehr. Und ganz besonders tut das Erling Haaland, er wittert in dem Super-Talent seinen "partner in crime" für die ganz, ganz großen Dinger. "Jude ist unglaublich. Er ist 18 Jahre alt und noch drei Jahre jünger als ich. Was soll ich sagen: Er ist der Hammer." Dafür gab's im Live-Interview einen Kuss auf die rechte Wange von Bellingham. "Ihr kennt meine Liebe zur Champions League und ich habe das Spiel genossen", setzte Haaland etwas gerührt fort. "Mein Traum ist es, sie zu gewinnen - ich hoffe, das schaffe ich einmal in meinem Leben."

Quelle: ntv.de

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