Fußball

So läuft's gegen die Niederlande DFB-Team träumt schon wieder von Titeln

Das mit der Qualifikation für die EM dürfte für die deutsche Fußball-Nationalelf ausgemachte Sache sein, egal wie die Partie gegen die Niederländer ausgeht. Und so setzen sie sich beim DFB höhere Ziele und machen demonstrativ auf gute Laune.

Worum geht's?

Das ist nicht so ganz klar. Natürlich zahlt das Spiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen die aus den Niederlanden, das vierte innerhalb eines Jahres, an diesem Freitag (ab 20.45 Uhr bei RTL und Liveticker bei n-tv.de) auf das Konto für die EM-Qualifikation ein. Und das ist bereits gut gefüllt. Nach drei Siegen aus den ersten drei Spielen in der Gruppe C ist der Weg der DFB-Elf zur ersten kontinentalen Meisterschaft mit einem kontinentalen Gastgeberkonglomerat vom 12. Juni bis zum 12. Juli 2020 vorgezeichnet. Ach was: Es scheint zurzeit ausgeschlossen, dass die Deutschen dieses Ziel nicht erreichen, sind doch die beiden Erstplatzierten dieser Gruppe auf jeden Fall dabei. Und im schlechtesten Fall hätte das Team selbst als Gruppendritter sehr gute Chancen auf die Teilnahme an den Play-offs im März kommenden Jahres. Dann werden in vier Viererturnieren die letzten 4 der insgesamt 24 Teilnahmeberechtigungen für die EM ausgespielt.

Deutschland - Niederlande, Freitag 20.45 Uhr

Deutschland: Neuer - Ginter, Süle, Tah - Klostermann, Kimmich, Kroos, Schulz - Reus, Gnabry, Werner (Brandt); Trainer: Löw.
Niederlande: Cillessen - Veltman, de Ligt, van Dijk, Blind - de Roon, de Jong, Wijnaldum - Promes, Depay, Babel; Trainer: Koeman.
Stadion: Volksparkstadion (Hamburg)
Schiedsrichter: Soares Dias (Portugal)

Deswegen geht es für die Mannschaft des plötzlich sehr vehement auftretenden Bundestrainers Joachim Löw im mit seinen 51.299 Plätzen ausverkaufen Volksparkstadion in Hamburg eher weniger um die nächsten drei Punkte als um den nächsten Schritt zurück zur Titelreife. Zumindest geben Trainer und Mannschaft das als Ziel aus. Joshua Kimmich, der beim FC Bayern meist als rechter Außenverteidiger aufläuft, in der Nationalelf aber als defensiver Mittelfeldspieler gesetzt ist, sagte der "Süddeutschen Zeitung": "Klar gibt es andere gefährliche Mannschaften, aber mit unserer Qualität zähle ich uns auch zum Favoritenkreis. Wenn ich unsere Mannschaft anschaue, sehe ich extremes Potenzial." Der nächste Schritt in der Entwicklung "muss sein, es konstant auf den Platz zu bekommen. Wir müssen häufiger an unser Limit ran."

Wie ist die Ausgangslage?

Titelreife? Genau ein Jahr ist es her, da stand für die DFB-Elf das erste Spiel nach der verkorksten WM in Russland an. In München gab's zum Auftakt der neuen Nationenliga zwar ein achtbares 0:0 gegen den Weltmeister aus Frankreich, aber niemand hatte den Eindruck, dass es der Bundestrainer mit dem angekündigten Umbruch wirklich ernst meint. Erst das 0:3 Mitte Oktober in Amsterdam gegen die Niederlande zwang Löw, seinen Worten, wenige Tage später endlich Taten folgen zu lassen. Beim Rückspiel in Paris ließ der Bundestrainer mit Timo Werner, Serge Gnabry und Leroy Sané gegen Frankreich die Jugend stürmen. Zwar verlor die Mannschaft mit 1:2 und stieg am Ende in die zweite Klasse der Nationenliga ab, aber Löw hatte guten Willen gezeigt und so den Grundstein dafür gelegt, dass er heute immer noch Bundestrainer ist.

Als er dann noch vor einem halben Jahr die Weltmeister Thomas Müller, Mats Hummels und Jérôme Boateng verbannte, standen die Zeichen endgültig auf Umbruch. Es folgten in der EM-Qualifikation ein überraschendes 3:2 in Amsterdam gegen die Niederlande am 24. März, ein glanzloses 2:0 in Borissow gegen Weißrussland am 8. Juni und ein 8:0 gegen Estland am 11. Juni in Mainz. Drei Spiele, neun Punkte - noch Fragen? Ja: Ist das nicht ein bisschen zu wenig, um schon wieder davon zu sprechen, Titel gewinnen zu wollen? Geht das nicht alles ein bisschen zu schnell? Aber wir wollen hier niemandem den Optimismus rauben.

Wie ist das deutsche Team drauf?

Klar, einige wichtige Spieler fehlen an diesem Doppelspieltag gegen die Niederlande und am Montag in Belfast (ab 20.45 Uhr bei RTL und im Liveticker bei n-tv.de) gegen Tabellenführer Nordirland schon. Unter anderem Julian Draxler, Antonio Rüdiger und Thilo Kehrer. Vor allem aber der lange Ausfall seines Offensivprotagonisten Sané schmerzt den Bundestrainer. Aber auf die Laune drückt das kaum. So sagte Löw bei seiner Rückkehr nach verletzungsbedingter Zwangspause: "Die Stimmung ist wirklich verdammt gut, die Jungs haben richtig Bock, miteinander einen erfolgreichen Weg zu gehen." Löw fühlt sich gar an das Jahr 2010 erinnert, als er eine junge Mannschaft formte, die sich bei der WM in Südafrika furios ins Halbfinale spielte und vier Jahre später in Brasilien Weltmeister wurde. Nicht mehr ganz so jugendlich-furios, dafür aber bemerkenswert reif.

Das Fundament für eine ähnliche Entwicklung sieht der Trainer in den stark vertretenen Jahrgängen 1995 und 1996. Mit Abwehrchef Niklas Süle, dem Abräumstrategen Kimmich sowie Sané und Gnabry - der am Donnerstag eine überraschende Stammplatzgarantie vom Bundestrainer bekam - hat sich eine spannende Achse herausgebildet, die noch von erfahrenen Kräften wie Manuel Neuer, Toni Kroos und Marco Reus angeleitet wird. Und auch deren Nachfolger tummeln sich schon drängend in der zweiten Reihe: Marc-André ter Stegen arbeitet unermüdlich daran, auf absehbare Zeit die Nummer eins zu werden. Die schnellen Offensivspieler Timo Werner und Julian Brandt liefern im Klub regelmäßigst Leistungen ab, die Stammplatzansprüche rechtfertigen. Leon Goretzka ist mit seiner Vielseitigkeit in der Offensive und Defensive ein echter Trumpf, allerdings fehlt er in Hamburg wegen einer Einblutung im linken Oberschenkel. Und das Supertalent Kai Havertz? An dem wird Löw schon sehr bald nicht mehr vorbeikommen. "Er könnte jederzeit von Beginn an spielen. Auch für ihn werden wir einen Platz finden, er wird sich durchsetzen, da bin ich sicher", sagt der Trainer. Das Pech des Spielers: Er ist nur verzichtbar, weil Kroos und Kimmich unverzichtbar sind.

Was machen die Niederländer?

Die haben auch mindestens einen, der unverzichtbar ist. Und er ist der kolossale Gegenentwurf zu Kroos und Kimmich. Mindestens mal körperlich: 1,93 Meter groß, 92 Kilogramm schwer, das ist Virgil van Dijk. Ein Büffel von Verteidiger, Europas Fußballer des Jahres. Der 28 Jahre alte Abwehrchef des FC Liverpool ist extrem schnell, er ist enorm torgefährlich und im Zweikampf kaum zu überwinden. Er ist das Rätsel, das die deutsche Mannschaft knacken muss, um weiter mit der Maximalausbeute durch die Qualifikation zu reisen. Und womöglich kommt es der DFB-Elf entgegen, dass die Niederlande das Spiel etwas forscher angehen müssen, als es die Rolle des Gastes für gewöhnlich vorgibt. Denn nach der Hinspielpleite und des bislang so souveränen Vortrags der Nordiren hängt Oranje schon ein gutes Stück zurück. Klar, die Tabelle ist verzerrt. Nordirland hat viermal gespielt, gegen die schwach eingestuften Esten und Weißrussen. Die Niederländer waren erst zweimal gefordert. Neben der Niederlage gegen Deutschland gab's ein 4:0 gegen Weißrussland. Der Druck ist trotzdem da: "Den gibt es immer. Sowohl bei uns als auch bei der deutschen Mannschaft", sagt Bondscoach Ronald Koeman. "Vielleicht diesmal ein bisschen mehr bei uns. Aber wir haben auch noch mehr Spiele."

Ein bisschen aufgeregter ist da schon Sportchef Nico-Jan Hoogma: "Es besteht Zugzwang. Jeder geht davon aus, dass Deutschland und die Niederlande sich in dieser Gruppe durchsetzen", sagte der ehemalige HSV-Profi bei Sportbuzzer: "Doch ich gebe nichts auf die berühmte Papierform. Spiele werden nicht auf dem Papier, sondern auf dem Platz entschieden." Wer wüsste das besser als die Niederländer? Schließlich war der dreimalige Vize-Weltmeister und Europameister von 1988 zuletzt weder für die EM-Endrunde 2016 noch für das WM-Turnier im vergangenen Jahr qualifiziert. "Wir sind auf einem guten Weg, aber lange noch nicht am Ziel" sagte Hoogma. "Wir müssen die guten Ansätze bestätigen. Die EM-Qualifikation ist daher lebenswichtig." Um im Falle einer weiteren Niederlage gegen Deutschland einer fatalen Negativspirale vorzubeugen, sagt Koeman: "Jeder Punktgewinn ist ein Bonus für uns. Wenn wir in Deutschland nicht gewinnen, werde ich sicher nicht in Panik geraten." Nun, ganz so einfach ist's vermutlich nicht: Denn dann muss sich zeigen, wie gefestigt die junge Mannschaft ist. Dann muss sich zeigen, ob die gerade erst für sehr viel Geld von Rekordmeister Ajax Amsterdam zu europäischen Topklubs gewechselten Toptalente Frenkie de Jong (FC Barcelona) und Matthijs de Ligt (Juventus Turin) das Team mit van Dijk führen können.

Quelle: n-tv.de

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