Fußball

Wer beim FC Bayern wichtig wird Das Super-GAUchen um Joshua Kimmich

5c83942abe2904676ff39c6604eeffc3.jpg

Zum Glück nicht so schlimm, wie es aussieht.

(Foto: Pool via REUTERS)

Zehn Spiele ohne Joshua Kimmich - diese Mindestausfallzeit des "Mentalitätsmonsters" dürfte der FC Bayern mit seinem Luxuskader einigermaßen vernünftig verkraften können. Trainer Hansi Flick besitzt nämlich einige hochkarätige Überbrückungshilfen.

Joshua Kimmich wollte seinen Fehler wieder gut machen, er wollte unbedingt verhindern, dass seine unsaubere Ballannahme für einen ersten fußballerischen GAU im Topspiel der Bundesliga (2:3) zwischen seinem FC Bayern und Borussia Dortmund verantwortlich ist. Der 25-Jährige drehte sich blitzschnell und rauschte Erling Haaland in die unteren Extremitäten. Doch die norwegische Ur-Wucht des BVB stolperte bloß ganz kurz, ließ sich vom heftigen Aufeinanderkrachen der beiden Knie nicht von seinem Weg abhalten. Dass der Konter am Ende ohne nennenswertes Ereignis verpuffte, egal. Die vielen Kameras im Dortmunder Stadion fokussierten sich eh nur noch auf Kimmich, auf seine Tränen. Sie filmten und fotografierten eine Szene, die als Super-GAU des deutschen Fußballs taugte.

Kimmich verletzt. Er konnte nicht weiterspielen. Das heißt was. Mehr Galligkeit und Gier vereint derzeit nämlich kein Spieler dieses Landes auf sich. Und in diesen Momenten, als nicht klar war, wie schwer sich Kimmich verletzt hatte, da hatten (mindestens) zwei Trainer Blutdruck und Puls. Hansi Flick, verantwortlich für das Luxusensemble des FC Bayern. Und Joachim Löw, verantwortlich für die deutsche Nationalmannschaft. In beiden Teams ist Kimmich absoluter Chef. Unverzichtbar. Nicht und nie zu ersetzen. Und weil sich fast alle Hobbymediziner am Samstagabend sicher waren und sofort das fatale K-Wort aussprachen, da drohte den beiden wuchtigsten Fußball-Mannschaften ein Szenario, das irgendwo in die Nähe von Horrornachricht gestellt worden wäre.

Nun, seit Sonntagabend, nach der Blitz-Operation, weiß die Fußball-Welt: Kimmich hat sich durchaus schwer am Meniskus verletzt. Weil er aber bereits im Januar wieder zurück sein soll, verzwergt sich der befürchtete Super-GAU zu einem GAU'chen. Das DFB-Team, das in den nächsten Tagen erstmal testet (gegen Tschechien) und dann nationsleaguet (gegen die Ukraine und Spanien), wird Kimmich vermissen. Weil seine EM-Teilnahme im kommenden Jahr aber (Stand jetzt) nicht gefährdet ist, werden Löw und all die anderen in und um die Mannschaft dennoch entspannt sein. Für einen Spieler wie Ilkay Gündogan ist das nun die Gelegenheit, sich mal wieder an der Seite von Toni Kroos zu beweisen. Und auch Florian Neuhaus darf darauf hoffen, sich erneut als starke Option zu empfehlen.

Löw wünschte seinem Mini-Gladiator via DFB-Homepage vorerst mal "gute Besserung und eine vollständige Genesung." Kimmich werde natürlich in den Nations-League-Spielen gegen die Ukraine und vor allem in Spanien fehlen. "Das Wichtigste ist aber, dass er jetzt die nötige Zeit und Ruhe bekommt, wieder komplett zu regenerieren."

Thiago ist weg, wer macht's also?

Deutlich härter trifft der Ausfall von Kimmich aber den FC Bayern. Dort ist er gemeinsam mit Leon Goretzka zum beeindruckenden Kraftzentrum im zentralen Mittelfeld geworden. Kimmich, der das Spiel denkt und lenkt. Goretzka, der das Ressort "Dynamik" mit seiner so wuchtigen Körperlichkeit immer wieder antreibt. Dass die Münchner einst (noch in der vergangenen Saison) dort auch einen Feingeist wie Thiago hatten, der mit dem Ball Dinge anstellen konnte, wie sonst niemand beim Akkord-Champion, das haben viele schon vergessen. Daran werden sich viele aber erinnern, wenn sich nun die Frage stellt: Wer macht's denn nun in den kommenden Wochen? Bis zum Jahresende haben die Münchner noch zehn Spiele in Liga, Pokal und Champions League auf dem Plan.

"Jo ist für uns als Sechser im Mittelfeld enorm wichtig, gegen den Ball, aber auch mit dem Ball. Er ist immer anspielbar, er weiß in allen Situationen, was zu tun ist, lobt Flick seinen Mentalitätschef. Ein perfektes Kimmich-Double gibt es im Kader nicht, wohl aber viele Alternativen.

Die naheliegendste: Corentin Tolisso. Der von einem beinahe tragischen Verletzungspech geplagte Weltmeister spielte zuletzt häufiger. Und zwar gut bis sehr gut. Am besten in der Champions League gegen Atlético Madrid. Spätestens da durfte sich Klub-Patron Uli Hoeneß einmal mehr in seiner Expertise bestätigt fühlen. Denn als im fortgeschrittenen Sommer wieder einmal die Kader-Diskussion in den roten Bereich der Bayern-Seele eskalierte, da erklärte der Ehrenpräsident: Den Tolisso könnte man doch blind ins Spiel der Münchner werfen. Tja, scheint so. Allerdings ist der Weltmeister eher so der Typ Power-Tower, also in seiner Spielweise sehr ähnlich zu Goretzka. Weder das strategische, noch das terrierhafte gehören zu seinen Spezialdisziplinen.

Wie gut, dass der Wadlbeißer noch da ist

Für zweite Kompetenz bietet sich immer noch Javi Martínez an. Das baskische Stoppschild, das in diesem Sommer schon ganz weit weg von München geschrieben worden war, nach Bilbao etwa oder auch nach Saudi-Arabien. Aber entgegen aller (öffentlicher) Erwartung ist der titelfleißige Wadlbeißer immer noch da, spielt und spielt. Und entgegen all jener Zweifel an seiner körperlichen Wehrhaftigkeit - klapprig sei er, wurde da schon einige Male gerufen - schont er sich auch mit seinen 32 Jahren nicht. Was ihm indes fehlt, ist Tempo. Für die Konterabsicherung der hoch stehenden Bayern-Abwehr ist das allerdings durchaus wichtig bis absolut relevant.

Neben den Plänen M (Martínez) bis T (Tolisso) liegt auch noch Plan R in der Schublade, der Plan mit Neuzugang Marc Roca. Doch der junge Spanier muss wohl noch eine Weile warten, bis er gewinnbringend aus dem Fach geholt wird. Der 23-Jährige muss das Spiel der Bayern erst "noch verinnerlichen", wie Flick sagte. Roca durfte bisher erst zweimal reinschnuppern, einmal im Pokal und einmal als Einwechselspieler in der Liga. Mangels Trainingszeiten muss Roca hauptsächlich als Zuschauer den Spielstil adaptieren. "Wir haben jedem neuen Spieler unsere Positionsprofile gezeigt, die Idee, wie wir Fußball spielen wollen. Das geht nicht von heute auf morgen", erklärte Flick, der allerdings auch findet, dass Roca gute Anlagen habe: "Er ist technisch sehr gut, er hat einen guten Pass, eine gute Spielverlagerung. Das sind seine Stärken."

Vielleicht ja Alaba?

Eine ganze Menge Stärken bringt auch David Alaba mit. Der Mann, der für das Team absolut unverzichtbar ist, der den Klub mit seinem Vertragsgebahren aber auch an den Rand des Wahnsinns treibt. Allerdings sieht Flick den Österreicher nach wie vor als Chef der Abwehr, dem Wunsch des 28-Jährigen auf eine Versetzung ins geliebte Mittelfeld wird er wohl nicht nachkommen. Oder wenn, dann nur sporadisch. Wie zuletzt für ein paar Minuten in der Bundesliga beim 1. FC Köln. Die Gründe dafür sind gut: Denn die Viererkette, in der Triple-Saison das brutal stabile Fundament der Erfolge, sie ist in dieser Saison, nun ja, noch schwankend in ihren Leistungen.

Sei's drum. Wer auch immer Kimmich in den kommenden Wochen ersetzen muss, er hat's schwer. Denn es ist unbestritten, wie wichtig er für das Spiel der Münchner ist - vorne wie hinten. Drei Tore und sieben Assists hat er in elf Pflichtspielen beigetragen, den Supercup gegen den BVB hat er in Slapstick-Manier entschieden. Daten, die Sky ausgerechnet hat, belegen zudem seinen unglaublichen Wert: Mit Kimmich gewinnt der FC Bayern 78 Prozent seiner Spiele, ohne ihn "nur" 65 Prozent. Mit Kimmich holen die Bayern im Schnitt 2,5 Punkte pro Spiel, ohne ihn "nur" 2,1. Mit Kimmich schießen die Münchner durchschnittlich 2,8 Tore, ohne ihn "nur" 2,4. Lediglich bei den Gegentreffern, was irgendwie bizarr ist, läuft es beim Rekordmeister statistisch ohne den Mittelfeldchef besser - 0,8 statt 0,9. Also Herrschaften, wer macht's?

Quelle: ntv.de