Unglaubliche Rekorde, europaweitDer FC Bayern zerstört mehr als nur die Bundesliga
Von Torben SiemerUm einen Maßstab für den FC Bayern zu finden, reicht die Fußball-Bundesliga nicht mehr aus. Die Münchner sind längst zu gut für die deutsche Konkurrenz. Das zeigt ein Blick in bemerkenswerte Zahlen, die selbst die größten Klubs und Ligen Europas kaum erreichen.
Erst knapp die Hälfte aller Spiele der Bundesliga-Saison 2025/26 ist absolviert, und trotzdem ist längst klar: Der FC Bayern wird wieder Deutscher Meister. Offen ist allein, wann der 13. Titel in den vergangenen 14 Jahren feststeht und wie sehr die Münchner den Rest der Liga bis dahin und darüber hinaus deklassieren. Das Kalenderjahr 2025 war das erste seit Gründung der Bundesliga, in dem es nur einen einzigen Tabellenführer gab. Und die laufende Saison lässt einmal mehr offensichtlich werden, dass der FC Bayern sich im nationalen Wettbewerb nicht einmal mehr selbst schlagen kann.
Der Rekordmeister ist dieser Bundesliga längst entwachsen. In diesem Jahr und in den zurückliegenden Jahren. "Aber Bayer Leverkusen hat doch …", ja, auch einmal den Titel gewonnen. Das Werkself-Wunder ist die Ausnahme, die die Regel bestätigt. In dieser Saison jedoch geht es für den FC Bayern, zumindest von außen betrachtet, in der Bundesliga eher um folgende Fragen: Welche Rekorde sind bereits erreicht? Welche können in Kürze verbessert werden? Und für welche Bestmarken lohnt es sich, bis zum 34. und letzten Spieltag voll konzentriert zu bleiben?
Der 3:1-Erfolg beim 1. FC Köln in dieser Woche eröffnet dafür gleich mehrere Antwortmöglichkeiten. Die Münchner haben dank des Auswärtssieges die Hinrunde mit 47 Punkten beendet, das war zuvor erst einer Mannschaft gelungen: dem FC Bayern selbst in der Saison 2013/14 unter Trainer Pep Guardiola. Der war zwar Revolutionsführer, brachte einen ganz neuen Fußball nach Deutschland, er war aber nicht ganz so dominierend wie der neue Supertrainer Vincent Kompany. Damals unter Guardiola waren es "nur" 44 erzielte Toren, aktuell sind es bereits 66. Die alte Bestmarke stand bei 56 Hinrunden-Toren, aufgestellt 2021/22.
FC Bayern jagt vermeintlich ewige Rekorde
Mehr als 66 Tore in den ersten 17 Spielen hat in einer europäischen Top-Liga seit fast 100 Jahren keine Mannschaft mehr geschossen, wie die britische BBC gemeinsam mit dem Datendienstleister Opta recherchiert hat. Athletic Bilbao erzielte 1930/31 an den ersten 17 Spieltagen der spanischen Liga 72 Tore - und ist damit nur einer von zwei Klubs überhaupt, die die Bayern jemals übertroffen haben. Der andere sind die Blackburn Rovers, die einst auf 73 Tore in den ersten 17 Spielen kamen. In der Saison 1889/90. Zu einer Zeit also, als der FC Bayern noch gar nicht existierte und Deutschland noch von einem Kaiser regiert wurde.
In Italien und Frankreich liegt diese Bestmarke jeweils bei 55 Toren, aufgestellt in der Nachkriegszeit von der AC Mailand (1950/51), AS Saint-Etienne (1945/46) und Racing Paris (1959/60). Die BBC hat außerdem den Premier-League-Rekord ermittelt, der ebenfalls weit unterhalb der Bayern-Bilanz liegt: Manchester City traf 2011/12 53-mal - und wurde dabei übrigens als Kapitän angeführt vom heutigen Bayern-Cheftrainer Vincent Kompany. Da kennt sich jemand mit Rekorden aus.
Behalten die Münchner ihre offensive Wucht für den Rest der Bundesliga-Saison bei, könnte am Ende sogar ein neuer Europarekord stehen. Den hält seit knapp 100 Jahren Aston Villa, die Engländer erzielten 1930/31 erstaunliche 128 Tore, allerdings in 42 Spielen. Der FC Bayern käme, wenn er weiterhin durchschnittlich 3,9-mal pro Spiel trifft, auf 132 Tore in 34 Spielen.
Sie würden damit zugleich den eigenen Bundesliga-Bestwert aus der Saison 1971/72 pulverisieren, als sie angetrieben von 40 Gerd-Müller-Toren insgesamt 101-mal als erster deutscher Erstligist die Marke von 100 Treffern knackten. In Italien hält die AC Turin (125 Tore in 40 Spielen) seit 1947/48 den Rekord, in Spanien Real Madrid (121 in 38) seit 2011/12 und in Frankreich Racing Paris, das 1959/60 nach 55 Toren in den ersten 17 Spielen insgesamt auf 118 Treffer in 38 Partien kam.
Die absurde Diskussion um Harry Kane
Im Zentrum dieser historisch guten Offensive des FC Bayern steht Harry Kane. Erinnert sich noch jemand daran, wie nach der Verkündung des 100-Millionen-Euro-Transfers daran gezweifelt wurde, ob sich diese gewaltige Investition wirklich bezahlt macht? Inzwischen ist auch er regelmäßig dafür verantwortlich, dass irgendein Rekord wackelt, eingestellt oder verbessert wird. Zum Beispiel der des ersten Bundesliga-Torschützen überhaupt: Timo Konietzka. Der außerdem lange der einzige Fußballer war, der in seinen ersten drei Bundesliga-Saisons jeweils mindestens 20 Tore erzielt hat. Bis Kane kam und das auch schaffte und jetzt noch eine Halbserie Zeit hat, nachzulegen.
Schließlich ist das nicht der einzige Rekord, mit dem sich der Engländer in seinen zweieinhalb Jahren beim FC Bayern verewigt hat: Niemand schoss so schnell 50 Bundesliga-Tore wie Kane in nur 43 Spielen und niemand sammelte so schnell 100 Bundesliga-Scorerpunkte, für die der Weltklasse-Stürmer nur 78 Einsätze benötigte. Insgesamt kommt er bislang in 80 Bundesliga-Spielen auf 82 Tore und 22 Vorlagen und für den FC Bayern in 123 Pflichtspielen auf 116 Tore und 30 Vorlagen. An der Playstation müsste man ihm raten, dringend den Schwierigkeitsgrad zu erhöhen.
Weil die Münchner dem Rest der Bundesliga aber nun einmal so weit überlegen sind, muss sich Kane andere Herausforderungen suchen. Die Rekorde von Gerd Müller und Robert Lewandowski zum Beispiel. Die Bayern-Ikonen sind die einzigen Fußballer, die in einer Bundesliga-Spielzeit öfter getroffen haben als der Engländer: Müllers Rekord von 40 Toren aus der Saison 1971/72 galt lange als uneinholbar, ehe Lewandowski ihn 2020/21 mit 41 Toren übertraf. Kane traut sich zu, auch diese Marke zu steigern - nach 20 Treffern in der Hinrunde ein Ziel, das realistisch erscheint. Aber auch noch einiges an Treffsicherheit, Ausdauer und Durchhaltevermögen erfordert, wenn parallel die schweren Aufgaben in der Champions League anstehen.
All diese offensive Unaufhaltsamkeit eröffnet dem FC Bayern zugleich die Chance, einen Rekord zu verbessern, den die Leverkusener in ihrer Meistersaison fast erobert hätten. Mit 47 Hinrunden-Punkten und bei noch 17 ausstehenden Spielen können die Münchner bei einer perfekten Rückrunde auf 98 Punkte kommen. Aktuell steht die Bestmarke bei 91 Punkten, aufgestellt unter Trainer Jupp Heynckes in der Triple-Saison 2012/13 und mit jeweils 90 Punkten nur knapp verfehlt von den Guardiola-Bayern 2013/14 sowie der Xabi-Alonso-Werkself 2023/24.
Unter Vincent Kompany ist der FC Bayern aktuell wieder die zerstörerische Fußball-Maschine, die in Deutschland auf eine ganze Saison gesehen keinen ernsthaften Gegner mehr findet und deshalb stets daran gemessen wird, wie nah sie dem Champions-League-Titel kommt. Die scheinbar unzähligen Bestmarken unterstreichen dabei, wie außergewöhnlich gut die Münchner dabei unterwegs sind. Oder wie Kompany in Köln sagte: "Ab morgen startet die Rückrunde - und dann ist alles wieder auf Null."
In dieser Rückrunde kommen dann auch die entscheidenden Spiele. Nur nicht mehr in der Bundesliga. All die Rekorde müssen in München nur der Auftakt zu den wichtigen Herausforderungen in der Champions League sein. Dort haben sie am 26. November 2025 auch ihr bislang einziges Pflichtspiel dieser Saison verloren. Das 1:3 bei Arsenal darf sich nicht wiederholen. Vieles wird davon abhängen, wie sehr die Bayern bereit sind, auf der Rekordjagd in der Bundesliga die Spannung zu wahren, die es für internationale Erfolge braucht. In der Vergangenheit waren es oft jene Spiele am Ende der Saison, über die die Bayern stürzten.
